Behinderungen

Mein toller Bruder Florian – ein Plädoyer für Toleranz

Lena (li. ) und Janna mit ihrem behinderten Bruder Florian. Die Eltern der Geschwister sind Mitglieder im Veren Leben mit Behindern

Lena (li. ) und Janna mit ihrem behinderten Bruder Florian. Die Eltern der Geschwister sind Mitglieder im Veren Leben mit Behindern

Foto: Leben mit Behinderung Hamburg Elternverein e.V.

Der 13-Jährige hat das Down-Syndrom. Seine Schwester Janna kennt deswegen viele Gründe, dass wir eine offenere Gesellschaft brauchen.

Hamburg.  Mein Name ist Janna Grollmus, ich bin gerade 20 Jahre alt geworden. Mein Leben unterscheidet sich wenig von anderen Jugendlichen in meinem Alter. Ich treffe mich gerne mit Freunden, gehe feiern, habe einen Job. Vor dem Studium möchte ich auf Reisen gehen in unterschiedliche Länder und Freiwilligenarbeit leisten. Am meisten werde ich dann wohl meinen Bruder Florian vermissen, die größte Besonderheit in meinem Leben.

Florian ist vor 13 Jahren am Nikolaustag auf die Welt gekommen. Jetzt war ich auch eine große Schwester und beinahe wäre er an meinem achten Geburtstag geboren worden. Wir haben noch eine große Schwester, Lena. Unsere Eltern haben uns die neue Familiensituation erklärt, aber mir war vollkommen egal, was das Downsyndrom bedeutet. Mein kleiner Bruder schien doch so normal, nur eben etwas kleiner und zerbrechlicher. Und innerhalb von 24 Stunden wussten alle in meiner Klasse über meinen Bruder Bescheid – und über seine Behinderung. Mit den Jahren wurde natürlich auch mir immer bewusster, dass Florian doch nicht so wie alle anderen ist und dass ihn das Downsyndrom sein Leben lang begleiten wird. Umso mehr ist es meine Aufgabe, ihn auf seinem Lebensweg zu begleiten. „Du und ich. Wir sind schon zwei!“, das ist unser Motto, wie bei Michel aus Lönneberga und Alfred, dieser wunderbaren Geschichte von Astrid Lindgren.

Es gab oder gibt natürlich auch Situationen, an die ich nicht gerne zurückdenke. Ich musste lernen, dass nicht alle Menschen so selbstverständlich mit der Behinderung meines Bruders umgehen wie ich selbst. Auf vielen Busfahrten waren wir ungewollt die Attraktion. Die Menschen hörten nach einem ersten scheuen Blick nicht auf, uns anzuglotzen. Ob sie wohl denken, „Behinderte“ merken das ja nicht? Falsch gedacht. Florian bekommt so etwas genau mit. Und ich kann dann einfach nicht ruhig bleiben und alles auf die Unwissenheit der anderen schieben. So habe ich einmal eine alte Dame, die uns kopfschüttelnd gegenübersaß, gefragt, ob sie nicht Eintritt für das Spektakel zahlen wolle.

Die schlimmen Blicke der anderen

Mein Bruder hat außerdem das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom ADHS. Seit er klein ist, passe ich auf Florian auf, hole ihn vom Kindergarten ab oder von der Schule. Doch schon ein kleiner Einkauf auf dem Weg dorthin konnte schwierig werden. Denn wenn Florian keine Lust mehr hatte, schmiss er sich einfach auf den Boden und ließ sich keinen Zentimeter bewegen. Ich musste ihn liegen lassen und allein die Besorgungen machen. Und da waren sie wieder: die Blicke der anderen, die alles noch schlimmer gemacht haben.

Doch Florian und ich sind gemeinsam gewachsen und älter geworden. Heute sind wir ein eingespieltes Team. Wenn das Chromosom mal wieder verrückt spielt, wissen wir es gut zu besänftigen oder einfach mal alles „rauszulassen“.

Für mich überwiegen die schönen Dinge und Erlebnisse in unserem Zusammenleben. Durch meinen kleinen Bruder darf ich eine ganz neue Welt erkunden. Das ist ein Privileg, das nur wenige Menschen haben. Unsere gemeinsamen Rituale wärmen mein Herz. Kommt er nach Hause, läuft er als Erstes in den dritten Stock, wo mein Zimmer ist, um zu gucken, ob ich zu Hause bin. Nachts krabbelt er in mein Bett, weil es sich in meinem Arm doch einfach am besten schläft. Und täglich gibt es von ihm WhatsApp- oder Mailboxsprachnachrichten, wann ich endlich zu Hause sei und ob er heute wirklich wieder bei mir übernachten könne. All das stellt die schwierigen Tage und Momente in einer Sekunde in den Schatten. Bin ich traurig oder gestresst, zaubert mir eine kleine Umarmung von Florian wieder ein Lächeln auf mein Gesicht. Florian ist unser „Familienengel“, sagen wir immer.

Mein größter Wunsch für die Zukunft meines kleinen Bruders ist eine weltoffenere Gesellschaft. Für alle Menschen, die so oder ähnlich geboren sind wie Florian. Eine Gesellschaft, in der das Wort „Behinderung“ keine Beleidigung mehr ist, in der in einem vollen Bus rund um einen Menschen mit Behinderung nicht drei Plätze frei bleiben. Ich wünsche mir für meinen Bruder, dass er alles erreicht, was er sich in seinem Leben erträumt. Und dass er nie die besondere Herzlichkeit in seinen Augen verliert.

Der Artikel erschien im „Südring aktuell“, dem
Magazin des Hamburger Elternvereins „Leben mit Behinderung“. Die Eltern von Janna und Florian sind Mitglieder des Vereins. Die Abendblatt-Initiative
„Von Mensch zu Mensch“ unterstützt die Arbeit des Elternvereins.