Mensch

Hilfe gezielt für Flüchtlingsfrauen

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Ann-Britt Petersen
Flüchtlingsfrauen erholen sich in der Kita St. Simeon mit ihren Kindern. Projektleiterin Bärbel Dauber (li.) und Maike Ustorf spielen mit den Kleinen

Flüchtlingsfrauen erholen sich in der Kita St. Simeon mit ihren Kindern. Projektleiterin Bärbel Dauber (li.) und Maike Ustorf spielen mit den Kleinen

Foto: Marcelo Hernandez

In der Kita St. Simeon können Mütter mit ihren Kindern aus der benachbarten Erstaufnahme duschen und kochen. Ein Vorzeigeprojekt.

Endlich Freitagnachmittag. Ein Nachmittag, an dem die junge Maryam in der Kita St. Simeon in Osdorf die Tür eines Badezimmers hinter sich zuziehen kann. Ein Nachmittag, an dem sie in Ruhe mit ihren kleinen Töchtern duschen kann. An dem sie nicht zu den Duschcontainern auf dem Außengelände ihrer derzeitigen Unterkunft gehen muss. Maryam floh mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern vor dem Terror aus Afghanistan. Seit gut vier Monaten lebt die Familie in der Zentralen Erstaufnahme (ZEA) Rugenbarg in Osdorf, in der Halle eines ehemaligen Baumarktes. Dort wartet sie auf ihr Asylverfahren. Wie lange noch ist ungewiss. Doch seit Kurzem hat Maryam Freitagnachmittags ein Ziel: Gemeinsam mit anderen Frauen und Kindern aus der ZEA kommt sie für ein paar Stunden in die Kita St. Simeon.

Die Frauen sind Gäste eines neuen Projekts des evangelisch-lutherischen Kita-Werkes Altona-Blankenese: Kitas öffnen ihre Türen, um geflüchteten Frauen und deren Kindern Rückzugsräume und eine geschützte Atmosphäre zu bieten. „Hier können sie duschen, handarbeiten, mit deutschen Frauen in Kontakt kommen, und, weil sie unter Frauen sind, auch mal ihr Kopftuch ablegen. Ihre Kinder können hier ungestört spielen“, sagt Projektleiterin Bärbel Dauber. Seit März läuft das Projekt in bislang fünf Kitas des Kita-Werkes Altona-Blankenese.

Manche Frauen kommen hochschwanger nach Hamburg

„Wir wollten in der Flüchtlingshilfe vor allem etwas für Frauen anbieten“, erklärt Dauber die Projektidee des Kita-Werkes. In den drei großen Erstaufnahmen in Hamburgs Westen lebten zurzeit insgesamt etwa 3500 Flüchtlinge, knapp 900 davon seien Frauen. „Sie sind teils mit ihren Familien da, teils auch alleine, manche von ihnen kommen hochschwanger in Hamburg an“, sagt Dauber. Angesichts der hohen Belegungszahlen bleibt in den großen Unterkünften kaum Raum für Privatsphäre. Da lag die Idee nahe, die Räume von Kitas zu nutzen: „Es sind schöne Räume und sie sind nachmittags frei“, sagt Dauber.

Dass das Projekt überhaupt ins Laufen kam, ist dem ev.-luth. Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein zu verdanken. „Der Kirchenkreis stellt die finanziellen Mittel für die Stelle der Sozialpädagogin und für Sachmittel zur Verfügung“, sagt Karin Müller, Geschäftsführerin des Kita-Werkes. Zudem lebt das Projekt von Spenden, auch von der Abendblatt-Initiative „Von Mensch zu Mensch“ wurde es unterstützt.

Umgesetzt wird das Projekt in enger Zusammenarbeit mit den Kirchengemeinden und vielen Ehrenamtlichen-Netzwerken. Auch die ZEA unterstütze die Frauen dabei, Angebote außerhalb der Unterkunft wahrzunehmen, sagt Sven Kessler, Einrichtungsleiter der Zentralen Erstaufnahme Rugenbarg.

Die Kita ist ein perfekter Rückzugsort

Die Kita St. Simeon ist ein geeigneter Rückzugsort. Sie liegt im Grünen, direkt neben der gleichnamigen Kirche. Ihre bunten Räume im Untergeschoss sind durch eine Wendeltreppe mit den oberen Gemeinderäumen verbunden. Auch sie können benutzt werden. Hier gibt es neben einem großen Badezimmer mit Dusche auch eine Küchenzeile mit Herd. Und das ist für die vier Frauen, die heute mit ihren Kindern gekommen sind, ein weiterer Höhepunkt. Erstmals wird in dieser Kita zusammen gekocht. In der Unterkunft gebe es keine Kochgelegenheit, übersetzt Dolmetscherin Hani die Worte von Shiba von Farsi ins Deutsche.

Shiba, 33, ebenfalls mit Mann und drei Kindern aus Afghanistan geflohen, lebt seit November 2015 in der Erstaufnahme. Sie vermisst die Speisen aus ihrer Heimat. Eine Sehnsucht, die die Essensausgabe in der ZEA nicht stillen kann. Nun bereitet sie gemeinsam mit den anderen Frauen Reis und Hühnchen vor, es macht ihr sichtlich Freude.

Mit an den Kochtöpfen stehen auch einige deutsche Ehrenamtliche. Die Kommunikation klappt ohne viele Worte. Schnell wird ein Riesentopf mit Reis aufgesetzt, machen sich viele helfende Hände an das Schneiden von Möhren und Zwiebeln, werden die Hähnchen gegart. Das Würzen des Reis­currys übernehmen die afghanischen Frauen.

Emma, 63 – sie trägt wie alle anderen einen Aufkleber mit ihrem Vornamen auf dem Pulli – ist begeistert von dem neuen Kocherlebnis. „Auf eine andere Art den Reis zubereiten und sich mit Händen und Füßen verständigen, das bringt Spaß“, sagt die ehemalige Lehrerin für Pflegeberufe, die im Rahmen der passiven Altersteilzeit nicht mehr berufstätig ist. „Nach vier Wochen ohne Arbeit war das Urlaubsgefühl vorbei, da wollte ich wieder etwas tun und gerne Menschen anderer Kulturen dabei begegnen“, sagt sie.

Mehrere Freiwillige helfen in der Kita

Die Bereitschaft, sich zu engagieren, ist groß. Im Durchschnitt treffen in der Kita St. Simeon zehn Freiwillige am Nachmittag auf sieben Frauen aus Afghanistan, Syrien oder anderen Ländern. „Dass sich so viele Ehrenamtliche beteiligen, ist großartig“, sagt Bärbel Dauber. Das mache die Atmosphäre noch familiärer. Die Freiwilligen holen die Frauen von der Unterkunft ab, gehen mit ihnen zu Fuß zur Kita oder kaufen fürs gemeinsame Kochen zusammen ein. Mit ihnen können die Frauen erste Schritte im Stadtteil und im hiesigen Alltag unternehmen und dabei Deutsch lernen. „Es entsteht ein Vertrauensverhältnis, in dem die Frauen auch erzählen können, was sie belastet und wo sie Hilfe brauchen“, so Dauber. „Durch das Projekt bekommen sie Zugang zur Gesellschaft, das ist Inklusion“, sagt Karin Müller vom Kita-Werk Altona-Blankenese.

Das Angebot werde in allen fünf beteiligten Kitas gut angenommen. Projektleiterin Bärbel Dauber wünscht sich, dass noch mehr Kitas in Hamburg ihre Türen öffnen. „Das Konzept tut den Frauen gut und kann ohne großen Aufwand auch in anderen Kitas umgesetzt werden“, sagt sie.

In der Kita St. Simeon ist die Stimmung fröhlich. Eben haben die beiden Ehrenamtlichen Karen, 51, und Maike, 48, noch mit den Kindern gespielt. Jetzt ist es Zeit für das gemeinsame Essen an der langen Tafel. Ein Hauch von orientalischer Gastfreundschaft entsteht, als die afghanischen Frauen die Teller auffüllen. Nach dem Essen wird zusammen aufgeräumt. Der Abschied fällt allen schwer. Die Frauen haben sich spürbar wohlgefühlt. Unter den wenigen deutschen Wörtern, die sie bislang kennen, fällt eines ganz häufig: „danke“.

Weitere Infos: Bärbel Dauber, Projektleiterin
„Geflüchtete Frauen in Kitas“, Tel. 80 05 00 22, E-Mail: baerbel.dauber@kitawerk-hhsh.de