Engagement

Hamburger Jugendliche: Sie bewegen was

Erik Schumann, Jakob Manke und Annika Mollenhauer von GrünWeiss Eimsbüttel trainieren eine Mädchenfußballmannschaft

Erik Schumann, Jakob Manke und Annika Mollenhauer von GrünWeiss Eimsbüttel trainieren eine Mädchenfußballmannschaft

Foto: Roland Magunia

Fünf Hamburger Jugendliche die sich ehrenamtlich für andere einsetzen – in der Schule, im Verein und in ihrem Stadtteil

Das hast du prima gemacht, Maike!“ Erik Schumann sitzt auf der Trainerbank am Spielfeldrand, steht auf und klatscht in die Hände. Auch wenn die Mädchen der Zweiten D-Mannschaft im Turnier an diesem Tag in der Sporthalle Am Felde in Ottensen sehr viele Tore kassieren und am Ende verlieren, ermutigt er sie. Motiviert sie immer wieder und freut sich an ihrem Spaß am Spiel – egal ob sie verlieren oder gewinnen. Ein paar Gummibärchen gibt es anschließend immer. Erik, aber auch Annika Mollenhauer und Jakob Manke sind locker drauf. Vielleicht liegt es am Alter von Jakob, 16, Erik, 17, und Annika, 23 – sicher aber an ihrer Haltung. Die drei trainieren Mädchen bei Grün-Weiß Eimsbüttel. Freiwillig, weil sie Lust haben, Jüngeren Fußballspielen, Gemeinschaftsgefühl und Teamgeist beizubringen. Und weil sie dort Freunde treffen.

Kein Engagement? Davon kann bei der jüngeren Generation keine Rede sein. Laut der im vergangenen Oktober veröffentlichten Shell-Studie interessiert sich bundesweit mittlerweile fast jeder zweite Jugendliche für Politik und das Weltgeschehen. Und einer Vorgängerstudie von 2009 zufolge haben sich 39 Prozent der Zwölf- bis 25-Jährigen in ihrer Freizeit selbst für soziale oder gesellschaftliche Ziele engagiert.

Auf Hamburg übertragen würde dies rechnerisch bedeuten, dass sich rund 100.000 Jugendliche zwischen zwölf und 25 Jahren für Soziales einsetzen. Je höher das Bildungsniveau und die soziale Herkunft, desto intensiver ist das gesellschaftliche Engagement der Jugendlichen, fanden die Autoren der Studie heraus. Damit liegt Deutschland nach Untersuchungen der Stiftung für Zukunftsfragen im Bereich der Freiwilligenarbeit im europäischen Spitzenfeld.

Die Gründe für soziales Engagement sind: Freunde gewinnen und treffen, Spaß, Lebenserfahrung sammeln, Erfolgserlebnisse und soziale Anerkennung. „Die Bereitschaft von Jugendlichen, sich zu engagieren, ist hoch“, sagt auch Martina Gille vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) – trotz der Schulzeitverkürzung an Gymnasien, der damit verbundenen Verdichtung des Lernstoffs und weniger Freizeit durch Ganztagsunterricht. Vor allem im Bereich Sport und Bewegung, Kirche und Schule setzen sich die 14- bis 24-Jährigen ein.

Erik ist einer von ihnen. „Bei uns steht der Spaß im Vordergrund. Wir sind alle lustig drauf, auch weil wir noch nicht so alt sind“, sagt er. Zusammen mit Jakob assistiert er Trainerin Annika, die eine C-Trainerlizenz hat. Bei ihnen dreht sich alles um Fußball. Erik trainiert und spielt an sieben Tagen in der Woche, mal stehen sie alle drei gemeinsam am Spielfeldrand, mal teilen sie sich auf.

Annika unterstützt ihre Mutter außerdem einmal in der Woche beim Kindertanz. Neben ihrer Trainerarbeit macht sie gerade eine Ausbildung zur Erzieherin. Da ist der Trainerjob auch ein bisschen berufliche Fortbildung. Für ihren Einsatz bekommen sie eine kleine Aufwandsentschädigung. Wegen des Geldes mache das keiner, sagt Erik. „Ich fand es schon immer toll, Kindern etwas beizubringen. Ich komme gut mit ihnen klar und sie mit mir.“

Sich zu engagieren, weil man mit anderen Menschen zusammen sein und Spaß haben will, bleibe das wichtigste Motiv, sagt Martina Gille. Der häufigste institutionelle Ort für freiwilliges Engagement sei nach wie vor der Verein. Aber nicht nur. Martina Gille: „Die Schule hat eine wichtige Anregungsfunktion.“

So wie bei Shari Malzahn aus Langenhorn. Die Neuntklässlerin der Stadtteilschule Am Heidberg ist Mentorin und Vertrauensperson für eine Mitschülerin, die als Flüchtling nach Hamburg kam und noch Anpassungsschwierigkeiten hat. „Es fällt mir nicht immer leicht, sie gegenüber Mitschülern zu verteidigen, wenn sie sich seltsam benimmt. Aber ich finde es selbstverständlich, dass ich zu ihr halte“, sagt Shari. Die 14-Jährige sagt von sich selbst, dass sie sich gut in andere hineinversetzen könne. Zu Weihnachten hat sie Spenden gesammelt und 150 Schuhkartons gepackt, die sie an eine Flüchtlingsunterkunft verteilt hat. Erst kürzlich hat sie ein anderes Mädchen zu einem Deutschkurs für Flüchtlinge begleitet. Sharis Mutter arbeitet an der Schule in der Nachmittagsbetreuung als Erzieherin. „Meine Mutter sagt, ich sei eine Kämpferin. Die Welt entspricht nicht dem Idealbild und mir ist wichtig, wenigstens ein wenig dazu beizutragen, sie in diese Richtung zu bewegen.“

Wenn Mitschüler sich über ihr Engagement wundern, fragt Shari sich: „Wie sollte ich meine Zeit denn besser nutzen als für andere?“ Außerdem sei ihr Einsatz eine gute Vorbereitung auf ihren späteren Studien- und Berufswunsch: Shari möchte Sozialpädagogik studieren.

Auch ihre Mitschülerin Alina Spangenberg engagiert sich, sie ist im Verein „Stadtteil in Bewegung“ aktiv, spielt dort mit Kindern im Alter zwischen zwei und zehn Jahren, organisiert und gestaltet für sie Übernachtungen in der Turnhalle. In der Kirchengemeinde St. Jürgen ist sie gerade dabei, eine Teamerausbildung als Gruppenleiterin abzuschließen, um Gruppenkonflikte klären zu können, sie übt mit Kindern und Jugendlichen umzugehen. „Wir haben gelernt, dass man Respekt vor den Kindern haben muss, damit sie Respekt vor uns haben.“ Sie mag es, Verantwortung zu übernehmen. „Ich möchte, dass sich die Kinder später daran erinnern, dass da jemand war, der sich mit ihnen beschäftigt hat, und dass sie Spaß hatten.“ Auch sie selbst profitiert. „Ich kann mich weiterentwickeln“, sagt sie. Shari erlebt ebenfalls, dass sie an ihren Aufgaben wächst. „Ich möchte etwas bewegen. Ich bin mit mir selbst im Reinen, wenn ich etwas Gutes tue.“

Das mag pathetisch klingen. Lehrerin Birgit Schwarz aber ist stolz auf ihre beiden Schülerinnen. Gerade auch in Zeiten von Fremdenfeindlichkeit und Terroranschlägen. „In diesem Zusammenhang gewinnt für mich jede Form von Engagement von Jugendlichen einen ganz besonderen Wert und bildet die Basis für eine friedliche, demokratische Zukunft“, sagt sie. „Ich freue mich, wenn ich dazu beitragen kann, alle zu ermutigen, sich gegenseitig Kraft zu schenken.“

Über die Jugendtrainerin Annika Mollenhauer sendet der NDR am 21.3. um 22 Uhr einen Beitrag