Behinderung

Innovative Technik gibt sprachlosen Kindern eine Stimme

Heilerzieherin Britta Schlehahn und Till üben den Umgang mit einem technischen Gerät zur Verständigung

Heilerzieherin Britta Schlehahn und Till üben den Umgang mit einem technischen Gerät zur Verständigung

Foto: Andreas Laible

Mit der Unterstützten Kommunikation können Behinderte sich mitteilen. An der Schule Paracelsusstraße wird die Technik praktiziert.

Eingesunken sitzt Till in seinem Rollstuhl. Der kleine Junge wirkt abwesend. Jede Kommunikation scheint unmöglich. Doch plötzlich hebt der Sechsjährige die Hand. Sie schwankt hin und her. Die Kontrolle der Bewegungen fällt schwer. Der Körper ist schwach. Doch sein Wille ist stark. Er möchte nicht mehr spielen. Er möchte, dass Papa ihn jetzt streichelt, am Kopf und hinter den Ohren. Also hebt er die Hand und lässt sie auf die rote Taste des BIGmack fallen. Aus dem Hilfsmittel zur Kommunikation dringt die Stimme seines Vaters. Es sind Sätze, die dieser zuvor aufgezeichnet hat: „Papa, ich möchte, dass du mich streichelst. Hinter den Ohren. Und am Rücken.“ Der Vater hat verstanden. Er streichelt seinem Sohn über den Kopf. Und Till lächelt.

Es sind Momente wie diese, die Gänsehaut bescheren. Seinem Vater Tobias Joneit und seiner Erzieherin Britta Schlehahn. Weil sie zeigen, dass Till durchaus etwas zu sagen hat. Auch wenn er nicht sprechen kann und es ­voraussichtlich auch nie können wird. Till hat eine Behinderung, eine Störung des Gehirns. Infantile Cerebralparese nennt sich das im Fachjargon. „Man könnte es auch als eine extreme Entwicklungsverzögerung bezeichnen“, sagt sein Vater. „Er ist auf dem Stand eines Einjährigen, kann nicht alleine sitzen, nicht stehen, nicht sprechen.“ Aber dass er einen Willen zur Kommunikation hat, spüren seine Eltern. Instinktiv wissen sie, was ihr Sohn möchte, ob er müde ist, hungrig oder krank.

Auch Kinder, die nicht sprechen können, brauchen etwas, um sich auszudrücken

Doch anderen Menschen zu zeigen, was in ihm vorgeht, ist für Till unmöglich. Seine Signale sind für Außenstehende nur schwer lesbar. Jennifer und Tobias Joneit haben sich oft gefragt, wie sie ihrem Sohn eine Stimme geben können. Ein Kind, das nicht läuft, setzt man in einen Rollstuhl, um ihm möglichst viel Mobilität und Selbstständigkeit zu geben. Aber was bietet man einem Kind an, das nicht sprechen kann? „Es gibt viele Möglichkeiten“, sagt Britta Schlehahn. Die 50-Jährige ist Heilerzieherin und arbeitet seit 2006 an der Schule Paracelsusstraße in Rahlstedt, einer Einrichtung für Kinder mit geistiger Behinderung.

Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt sie sich mit den Problemen nicht sprechender Kinder. Und mit den Möglichkeiten, diesen Kindern eine Stimme zu geben. Und zwar durch alternative und ergänzende Maßnahmen, etwa durch die Verwendung von Gesten, Bildern, grafischen Symbolen oder Tastenspielzeugen bis hin zu Gebärden oder technischen Kommunikationshilfen mit künstlicher Sprachausgabe. Unterstützte Kommunikation (UK) heißt das Konzept, bei dem es darum geht, alle kommunikativen Möglichkeiten für Menschen ohne Lautsprache auszuschöpfen. Denn auch wer nicht sprechen kann, hat etwas zu sagen. „Jeder Mensch hat das Recht zu lernen, dass er selbst wirksam ist“, sagt Britta Schlehahn.

Doch wer nicht kommunizieren könne, sei aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Also setzt sie sich ein für die Unterstützte Kommunikation, wo immer sie kann. Als Mitglied beim Verein ISSAC, der Gesellschaft für UK, sowie als Erzieherin an der Schule. Ihr Ziel ist es, für jeden noch so schwer behinderten Menschen individuelle Kommunikationswege zu finden. Die Kinder sollen erfahren, dass sie etwas beeinflussen und bewirken können. „Sie sollen erleben, dass sie aktiv sein dürfen und über ihre Erlebnisse und über ihre Situation mit entscheiden können“, sagt Britta Schlehahn.

Nicht nur zu Hause, wo Menschen sind, die sie ernst nehmen, die so vertraut und damit in der Lage sind, einfache Gesten und Laute als Zeichen zu deuten. Sondern auch draußen, in der Schule, beim Einkaufen, im Bus, wo niemand sie kennt und versteht. Hier setzt die Unterstützte Kommunikation an, indem sie die körpereigenen Kommunikationsformen durch grafische Symbole oder technische Hilfen ergänzt.

Eine erste, weil einfache Hilfe ist der BIGmack. Über ein Mikrofon lassen sich Musik, Geräusche oder Aussagen aufnehmen und wiedergeben. Seit wenigen Wochen arbeitet Till mit diesem Gerät. Der Sechsjährige besucht die Schule Paracelsusstraße. Die UK gehört jetzt in seinen Alltag. „Till steht noch ganz am Anfang“, sagt Britta Schlehahn. „Aber er macht Fortschritte.“ Jeden Montag, wenn die Lerngruppe sich zum gemeinsamen Brötchenbacken trifft, ist Till gefragt. Er ist dafür verantwortlich, dass der Mixer eingeschaltet wird. Also drückt er das Mixer-Symbol am Talker, einer elektronischen Kommunikationshilfe mit Sprachausgabe. Auf die Aussage „Mixer“ schaltet die Erzieherin das Gerät ein und der Teig wird geknetet.

Dass Till bereits erste Erfolge mit dem BIGmack hat, grenzt für die Eltern an ein kleines Wunder. Werden zwei unterschiedliche Aussagen auf zwei Geräte aufgenommen, ist er bereits in der Lage, eine davon zu wählen, zum Beispiel ob er ­etwas noch einmal machen möchte oder nicht.

Nicola (Name geändert), 10, hat von UK schon viel profitiert. Mit sieben kam sie an die Schule Paracelsusstraße, sie konnte nicht sprechen, zappelte nur herum. „Wir haben ihr beigebracht, sich über einfache Tasten am Sprachcomputer am Gespräch zu beteiligen“, sagt Britta Schlehahn. Inzwischen erkennt Nicola viele Symbole und weiß sie gezielt einzusetzen. Sie kann ihre Bedürfnisse ausdrücken. Und das macht sie zufrieden und ausgeglichen.

Die alternative Kommunikation verhilft zu mehr Selbstständigkeit

Wie erfolgreich UK sein kann, zeigt auch das Beispiel der heute 20-jährigen Meta. Sie hat eine Autismus-Spektrum-Störung. Dass sie vermutlich nie sprechen können würde, erfuhr ihre Mutter Annette Kitzinger, als ihr Kind drei Jahre alt war. Bei Internetrecherchen stieß sie auf das Thema Unterstützte Kommunikation. „Obwohl ich meine Tochter in vielerlei Hinsicht gut verstand, ohne dass sie auch nur ein Wort sprach, war mir die Bedeutung einer alternativen Kommunikation sofort klar“, sagt sie. „Ich wollte Meta eine Alternative zur Lautsprache zur Verfügung stellen, um ihr später einmal ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Eigeninitiative zu ermöglichen.“

Mit 15 Jahren stieg ihre Tochter vom klassischen Talker mit dynamischem Display auf das iPad mit einer von ihrer Mutter mit entwickelten Kommunikationsapp namens MetaTalkDE um. Das war ein Quantensprung. „Sie begann neue Wörter zu entdecken, die es auf dem alten Gerät nicht gab, weil sie niemand für wichtig gehalten hatte oder weil sie ihr nicht zugetraut worden waren“, sagt Annette Kitzinger. Inzwischen arbeitet die junge Frau im Förderbereich einer Werkstatt. Wenn sie nachmittags nach Hause kommt, nimmt sie sofort ihr iPad und erzählt, was los war.

Ob und wie gut sich Till eines Tages ausdrücken können wird, kann keiner vorhersagen. Britta Schlehahn aber glaubt fest daran, dass auch er mithilfe von UK eine Stimme bekommen wird, die keiner überhören kann.