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Ich kleb mir was

Bilderrahmen, Schubladen, Schlüsselbretter, Stühle: Bei „Möbelverrückt“ kann man Dinge des täglichen Bedarfs mit Papierschnipseln in Unikate verwandeln. Katja Deutsch hat sich die Kunst des Upcyclings angesehen

Manchmal sind selbst die Möbel für das Puppenhaus zu langweilig. Amelie, acht Jahre, hat all ihre Puppenmöbel mitgebracht und beginnt nun damit, den ersten ihrer dunkelbraunen Stühle mit bunten Papierstückchen zu bekleben. Auf dem meterlangen Tisch bei „Möbelverrückt“-Gründerin und Workshopleiterin Karolin Leyendecker stehen viele Schachteln mit bunten Papierschnipseln, die die Teilnehmer des Workshops Stück für Stück auf ihre selbst mitgebrachten Gegenstände kleben.

Nach einer Weile sehen Amelies Puppenstühle aus wie Sammlerstücke eines Museumsshops – Amelie ist begeistert und macht sich gleich noch an den Herd, der eine Platte in zarten Aquatönen und eine grüngemixte Front erhält. Schon passt er als Designhighlight zu den Stühlen, und Amelie hat damit eindeutig die hippste Einrichtung aller Puppenhäuser in ganz Hamburg geschaffen.

Karolin Leyendecker verwendet das gesamte Erdgeschoss ihres Hauses in Hamburg-Marienthal für ihre „Möbelverrückt“-Workshops. Begonnen hat sie selbst vor acht Jahren mit dem Upcycling öde gewordener Lieblingsmöbel, indem sie diese mit Papierresten beklebte und verkaufte. Die Resonanz auf ihre quietschbunt beklebten Möbel und Accessoires war groß, und immer mehr Kunden wollten daraufhin selbst ihre Sachen zu bunten Unikaten aufpeppen. Nun gibt sie neben den beliebten Workshops für Junggesellinnenabschiede auch Familienworkshops, Ferienworkshops und Kindergeburtstage.

Sogar hochwertiges Geschenkpapier aus Italien kann zerschnitzelt werden

Amelies Schwester Carlotta, zehn Jahre, hat sich einen „richtigen“ Hocker aus Holz vorgenommen. „Den möchte ich rot machen, weil Rot meine Lieblingsfarbe ist“, sagt sie. Doch das ganze Prozedere dauert doch länger als gedacht. So ein Hockerbein ist nämlich ganz schön groß und das Bekleben zeitaufwendig. Die Ecken sollten ordentlich gemacht sein, Falten dürfen nicht vorkommen, und schließlich muss das Design auch noch passen.

Karolin Leyendecker hat für die drei Mütter und ihre Kinder, die heute hier sind, auf ihrem Klavier farblich sortierte Schachteln mit Hunderten Papierschnipseln vorbereitet.

Dabei zerschneidet sie beileibe nicht nur schnödes Tonpapier oder Bastelpapier – die kleinen Stücke stammen von den schönsten Geschenkpapierrollen, die man sich nur vorstellen kann. Im zweiten Arbeitsraum steht ein ausladender Wäscheständer, über dessen Leinen Bogen um Bogen hochwertigstes italienisches Geschenkpapier hängt. „Das beziehe ich als einzige Händlerin in Deutschland exklusiv aus Mailand“, schwärmt die ideenreiche Workshopleiterin. Es muss in der Seele wehtun, dieses kunstvoll bedruckte Papier in kleine Stücke zu zerschneiden, aber vielleicht macht das Möbelverschönern dadurch auch einfach noch viel mehr Spaß!

Der elfjährige Niklas, der heute zusammen mit seiner Mutter Claudia arbeitet, ist schon geübt, denn dies ist bereits sein zweiter Workshop. Die Schubladen und Oberseite einer kleinen Ikea-Minikommode „Moppe“ beklebt das Duo mit rot-weiß gemustertem Papier. „Die stand bestimmt schon zehn Jahre bei uns in einer dunklen Ecke“, sagt Claudia. „Jetzt kommt sie endlich zu neuen Ehren.“

Nebenan sitzt der neunjährige Fynn mit seiner Mutter Diana über Buchstützen. „Fynn repariert grundsätzlich gerne kaputte Sachen mit seinem Papa“, erzählt seine Mutter. Die vier Buchstützen in X-Form, die die beiden bearbeiten, sind allerdings völlig intakt. „Nur zu langweilig!“, meint Fynn. Die beiden kleben Stück für Stück schnell und genau auf die vier großen Buchstaben. Jedes sieht anders aus. Fynn benutzt Notenschnipsel, weil er sie so schön findet, Claudia bevorzugt bunt.

Die Zeit verfliegt viel zu schnell, der dreistündige Familien-Workshop geht zu Ende. Diana und Fynn kleben ihre letzten Ränder und haben vier originelle Buchstützen hergestellt. Niklas klebt in allerletzter Minute ein großes rotes Herz auf die Oberseite der Kommode, die nun mit neun gestalteten Schubladen richtig frisch und witzig aussieht.

Amelie hat ihre Puppenküche komplett neu gestylt und freut sich schon sehr darauf, sie einzuweihen. Ihre Schwester Carlotta dagegen muss mit einem halb fertig beklebten Hocker nach Hause gehen. „Ich möchte ihn aber unbedingt fertigmachen!“, meint sie zum Abschied. Fehlen nur noch kleine Stücke, können die Teilnehmer immer noch eine Auswahl an Papier mit nach Hause nehmen, bei halb fertigen Möbeln lohnt sich wohl eher ein zweiter Workshoptermin.

Wer seine eigenen Kleinmöbel nicht von zu Hause mitbringen möchte, der findet bei Karolin Leyendecker übrigens eine große Auswahl an Rohlingen, die zum Verschönern einladen. Ob zusammen mit den Eltern, in den Ferien oder als Kindergeburtstag – eine Schüssel aus Comics oder eine Stiftebox aus Elefanten sind schnell geklebt, werden viele Jahre lang benutzt und sehen einfach super aus.