Initiative

Aus Altkleidern werden Taschen

Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz praesentieren in der Werkstatt des Stoffdecks in Wilhelmsburg Produkte aus recycleten Jeans.

Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz praesentieren in der Werkstatt des Stoffdecks in Wilhelmsburg Produkte aus recycleten Jeans.

Foto: Roland Magunia

Das Stoffdeck in Wilhelmsburg hat ein soziales Label entwickelt, das Näherinnen eine kreative Arbeit verschafft.

Eine Werkstatt im Gewerbehof in Wilhelmsburg: helle Räume, breite Arbeits­tische, Stoffrollen lehnen an der Wand, es rattern Nähmaschinen. Hamide Cetin, 42, und Reyhan Yörük, 41, sitzen an den Industriemaschinen und fügen mit flinken Händen Quadrate aus Jeansstoff aneinander. Bärbel Behncke, 62, breitet die vernähten Textilien auf dem Zuschneidetisch aus. Im Stoffdeck, der Werkstatt für Mode- und Textildesign, entsteht gerade ein neues Produkt für das soziale Label Bridge & Tunnel. Hinter der Marke steht ein besonderes Konzept. Überschüssige Textilien, professionelle Designer und handwerklich geschickte Frauen aus dem Stadtteil spielen dabei eine wichtige Rolle. Eine erste Kollektion mit Taschen, einem Teppich und Kindersitzkissen ist bereits entstanden. „Unser Grundmaterial, die Jeans, kaufen wir der Kleiderkammer ab, die hier auf dem Gelände sitzt“, sagt Charlotte Erhorn. Die Textildesignerin leitet gemeinsam mit Kulturwissenschaftlerin Constanze Klotz das Stoffdeck.

Das Stoffdeck entstand im Rahmen der Internationalen Bauausstellung, IBA Hamburg in Kooperation mit der passage, einer gemeinnützigen Gesellschaft für Arbeit und Integration. Sie ist Träger der Werkstatt – einem Ort, an dem quasi alle Fäden zusammenlaufen, wo Kreativität und kulturelle Vielfalt, junge Textildesigner und talentierte Amateure zusammenkommen. „Wir bieten Kurse und Workshops an, etwa für Anfänger und Profis in unserer Nähwerkstatt mit neun Arbeitsplätzen oder in unserer Siebdruckerei. Vier Einzelwerkstätten sind an professionelle Designer vermietet“, sagt Charlotte Erhorn. Frauen aus türkischen und arabischen Ländern kommen zum Näh-Club im Stoffdeck.

Angesichts dieses Potenzials an Fertigkeiten und kreativen Fähigkeiten entstand die Idee, das eigene Label Bridge & Tunnel zu entwickeln. Bevor es dafür an die Nähmaschinen ging, entwarf die dänische Profidesignerin Signe Bonnesen die Kollektion aus Jeansstoff. Der Anspruch: Aus dem robusten Altkleidermaterial sollten hochwertige und ästhetisch ansprechende Produkte entstehen.

Sie sind gelungen, aber sie haben auch ihren Preis. Je nach Größe und Aufwand gibt es Taschen ab 39 Euro bis über 200 Euro. Das teuerste Stück ist derzeit ein Flecht-Teppich. „Es ist alles Handarbeit, für den Flecht-Teppich wurden Jeans-Streifen von 55 Hosen verarbeitet“, sagt Constanze Klotz. Und zwar nicht in China oder Indien, sondern in Wilhelmsburg. „Wir wollen mit unseren Produkten wirtschaftlich agieren, aber auch einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen,“ erklärt Klotz.

Deshalb sind für das Label arbeitslose Frauen aus dem Stadtteil in Minijobs tätig. So wie Hamide. Sie hat keine Ausbildung, aber viel Erfahrung im Nähen. „Ich habe in der Türkei einen vierjährigen Kurs zum Nähen besucht“, sagt die alleinerziehende Mutter von Zwillingen. Seit neun Jahren lebt sie in Deutschland, ihr Deutsch ist gebrochen. Reyhan, die vor 23 Jahren aus der Türkei kam, hilft ein wenig beim Übersetzen. Auch sie lernte in einem vierjährigen Kurs Nähen und Sticken. „Ich bin gerne hier, die Atmosphäre ist schön“, sagt sie. „Die Frauen sind echte Perlen, es ist toll, was sie an Ideen miteinbringen“, fügt Constanze Klotz hinzu. Das trifft auch auf Bärbel Behncke zu. Die gelernte Damen-Schneiderin und Schnitt- und Entwurfdirectrice ist glücklich darüber, dass ihre Kenntnisse wieder gefragt sind. Als sie mit 54 Jahren ihren letzten Arbeitsplatz wegen Firmeninsolvenz verlor, fand sie keine neue Stelle. „Zu alt!“, sagt sie. Nun engagiert sie sich gegen eine Aufwandsentschädigung im Stoffdeck für die Labelproduktion. „Ich arbeite gern hier, kriege viel zurück“, sagt sie. Etwa Anerkennung. „Für uns ist Bärbel unverzichtbar, denn sie weiß, wie man Ideen umsetzen kann“, sagt Klotz.

Das soziale Label Bridge & Tunnel wurde bereits mit Preisen ausgezeichnet. Die beiden Initiatorinnen Erhorn und Klotz arbeiten nun an einem Businessplan und der Ausgründung in ein gemeinnütziges Unternehmen. Ihre Vision: in fünf Jahren feste Stellen einzurichten und damit „eine Brücke für benachteiligte Frauen in die Arbeitswelt zu schaffen“, sagt Klotz.

Infos und Produkte unter: www. stoffdeck.de und www.bridgeandtunnel.de