Welt-Aids-Tag

Zurück ins pralle Leben

Psychologin Silke Germann mit HIV-Patient Hans-Jürgen Rolff

Psychologin Silke Germann mit HIV-Patient Hans-Jürgen Rolff

Foto: Marcelo Hernandez

Als Hans-Jürgen Rolff von seiner HIV-Infektion erfuhr, drohte er abzustürzen. Ihm half Hamburg Leuchtfeuer.

Hans-Jürgen Rolff ist 62 Jahre alt und HIV-positiv. Ein Schicksal, das der Hamburger mit rund 80.000 Menschen in Deutschland teilt. Er ist einer von weltweit 35 Millionen Betroffenen, an die auch der Internationale Welt-Aids-Tag am 1. Dezember erinnern will. Denn das HI-Virus, das die Immunschwächekrankheit Aids auslöst, ist noch nicht besiegt.

Seit 22 Jahren weiß Hans-Jürgen Rolff, dass er infiziert ist. Es nahm dem robust wirkenden Mann beinahe allen Lebensmut. Bevor er von der Diagnose erfuhr, musste er schon andere Schicksalsschläge bewältigen. Erst war es eine Krebserkrankung, die fast seine Existenz ruinierte. „Ich hatte einen eigenen Laden, konnte ihn, während ich krank war, nicht mehr weiterführen“, berichtet der gelernte Einzelhandelskaufmann. Die Einnahmen fielen weg, der Schuldenberg wuchs. Kaum genesen, bekam er eine Hirnhautentzündung. „Ich lag mehrere Tage im Koma.“ Bei Bluttests im Krankenhaus wurde er auch auf HIV getestet. Er war positiv.

Bis heute weiß er nicht, wie er sich angesteckt hat. „Weil ich während meiner Krebserkrankung Bluttransfusionen erhielt, vermuteten die Ärzte, dass ich mich dort angesteckt habe“, sagt Rolff. Welche Folgen das Ergebnis für sein weiteres Leben hatte, begriff er erst allmählich. Bis heute erschüttert ihn die Art, wie er von der Diagnose erfahren hat. Die Ärzte hätten ihm nichts gesagt, sagt Rolff. Bekannte, die ihn im Krankenhaus besuchten, sahen damals zufällig den Vermerk auf seinem am Bett hängenden Krankenblatt und sagten es ihm.

Hans-Jürgen Rolff wollte erst einmal weitermachen wie bisher.Nach der überstandenen Hirnhautentzündung stürzte er sich wieder in die Arbeit. „Ich wollte die Diagnose einfach zur Seite schieben. Aber es ging nicht. Ich hatte keine Kraft mehr.“ Der Körper war schwer angeschlagen, als Folge der Krankheiten, aber auch durch die Nebenwirkungen seiner Medikamente. „Dass ich nicht mehr weiterarbeiten konnte, war das Schlimmste“, sagt Rolff. Dann kamen auch noch Probleme mit den Hüften dazu, so dass zwei Operationen für Hüftprothesen notwendig wurden. Das Krankenhaus seiner Wahl habe die Operation jedoch wegen seiner HIV-Infektion abgelehnt. Ein kleineres Krankenhaus übernahm die Operationen.

„Die Reaktionen der Ärzte waren typisch für die Zeit, Hilflosigkeit und Angst vor Ansteckung waren sehr groß, es gab noch keine Medikamente, die das Virus langfristig unterdrücken konnten, so wie heute“, sagt Silke Germann von der Psychosozialen Betreuung (PSB) für Menschen mit HIV und Aids. Die Einrichtung feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Im Mai 1995 wurde sie unter dem Dach von Hamburg Leuchtfeuer gegründet, um Menschen mit HIV und Aids zu begleiten. „In den 90ern ging es fast nur um Sterbebegleitung, die Diagnose HIV galt als sicheres Todesurteil. Erst einige Jahre später änderte sich unsere Arbeit, wurde zur Lebensbegleitung“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin.

Bevor Hans-Jürgen Rolff 1995 das erste Mal Kontakt mit der PSB aufnahm, war er in ein tiefes Loch gefallen. Die Scham, jemandem seine Krankheit zu offenbaren, die damals noch bösartig als „Schwulen-Krankheit“ angeprangert wurde, war groß. Nur ganz wenige Freunde wussten davon. Sie erzählten es auch seinen Eltern, mit denen er aber nie darüber sprach. Rolff zog sich immer mehr zurück. Das Geschäft hatte er aufgeben müssen, war völlig überschuldet. „Ich habe den Kopf in den Sand gesteckt, gab mich auf, hatte Selbstmordgedanken.“

Ein Arzt riet ihm, sich an die Psychosoziale Betreuung zu wenden. Das war für ihn die Rettung. „Was mir vor allem geholfen hat, war, dass man mich mal in den Arm genommen und mir Trost zugesprochen hat“, sagt Rolff heute. Die Gespräche machten ihm Mut, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen, aus der Einsamkeit, „dem Schneckenhaus herauszukommen“.

„Unser Ziel ist es, die Lebensqualität unserer Klienten zu verbessern“, sagt Silke Germann, die in einem Team von neun Kollegen arbeitet. In regelmäßigen Gesprächen, bis zu acht Stunden die Woche, schauen die Mitarbeiter, in welchen Bereichen – von Wohnen und Arbeit bis zu Freizeit, Freunden und der Psyche – die Klienten Unterstützung brauchen. „Wir arbeiten auch mit Aids-Netzwerken zusammen“, sagt Germann. Die Kosten für die Betreuung werden vom jeweiligen Sozialamt übernommen. Wenn der Klient sich stabilisiert hat, läuft sie langsam aus. Wer erneut Unterstützung braucht, darf wiederkommen.

Das tat auch Hans-Jürgen Rolff. Nach der ersten erfolgreichen Begleitung ging er mit neuer Hilfe seine Schulden an. Währenddessen wechselte er die Medikamente und machte eine Therapie. Heute ist er zufrieden über das, was er erreicht hat, und strahlt es auch aus. „Ich bin offener im Umgang mit Menschen geworden und möchte mich nun ehrenamtlich engagieren, um etwas Gutes zurückzugeben“, sagt er. Silke Germann freut sich mit ihm.

„Obwohl moderne Medikamente heute eine längere Lebensperspektive bieten, sind die psychischen Belastungen für die Betroffenen weiter groß“, sagt sie. Das Thema sei nach wie vor ein sehr emotionales, die Betroffenen erlebten immer noch Stigmatisierung und Ausgrenzung. „Zu unseren Klienten gehören auch Menschen aus anderen Kulturen, für sie ist ein Outing in der Familie fast unmöglich“, sagt Germann. Eine wertvolle Hilfe für die Arbeit seien Spenden, wie die von der Abendblatt-Initiative „Von Mensch zu Mensch“.

Weitere Infos: Hamburg Leuchtfeuer Psychosoziale Betreuung, Bahrenfelder Straße 244, Tel. 38 61 10 55, www.hamburg-leuchtfeuer.de