Rezension

Die Mitleidstour zieht bei ihr nicht

Silke Naun-Bates

Silke Naun-Bates

Foto: Silke Naun-Bates

Silke Naun-Bates verlor als Kind beide Beine. In einem starken Mutmach-Buch beschreibt sie, wie man so ein Schicksal gut annehmen kann

Eine Frau Ende vierzig schreibt ihr erstes Buch über ihr bisheriges Leben. Sie erzählt von eigenen Erfahrungen und Einsichten zu Themen wie Pubertät, Berufsfindung, Geld, Liebe und Partnerschaft, Erziehung, Krankheit und Tod. Silke Naun-Bates lebt ein ganz normales Leben, hat zwei erwachsene Kinder und einen Mann, mit dem sie glücklich ist. Sie ist berufstätig und fühlt sich wohl. Was aber macht sie und ihr Buch „Mein Weg in die Freiheit“ so besonders? Es ist ein Mutmach-Buch, sich dem Leben zu stellen und das Schicksal anzunehmen.

Die zweifache Mutter bewegt sich am liebsten auf ihren Händen fort

Denn nach diesem Motto lebt Silke Naun-Bates seit ihrem Unfall, als sie noch ein Kind war: Ihr Herzenswunsch, einen Hund zu bekommen, hat sich erfüllt. Die Achtjährige ist mit ihm und ihrer jüngeren Schwester spazieren, als das Tier plötzlich ausbüxt. Silke rennt hinterher, fällt auf einem Bahnübergang hin und bleibt dort sitzen, um die Verletzung am Knie zu begutachten. Sie hört noch, wie ihre Schwester schreit: „Pass auf, der Zug!“ Erst einige Wochen später wacht sie im Krankenhaus aus dem künstlichen Koma auf. „Ich war ohne Angst. Ich wusste, was geschehen war. Meine Beine waren fort.“ Silke bekommt in der Reha zwar einen Rollstuhl und auch Prothesen, doch sie bewegt sich am liebsten ohne Hilfsmittel auf ihren Händen fort. „Das Zeichen meiner Behinderung war mein Rollstuhl, nicht das Fehlen meiner Beine“, schreibt sie im Buch. Sie besucht wieder ihre alte Schule und meistert mit der Zeit auch den Alltag. Selbstständig lebt Silke in einer Wohnung, fährt Auto, räumt sogar Schnee vor dem Haus – mit einem Kehrblech. In mehreren Beziehungen erlebt sie Höhen und Tiefen, bekommt nach der Tochter einen Sohn und muss die Kinder zeitweise allein erziehen.

Ihr Berufsweg ist vielfältig, aber egal ob sie in einer Firma am Fließband steht oder junge Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen bei der Ausbildung berät, immer ist sie voller Energie dabei.

Die Mitleidstour zieht nicht bei ihr, sie übernimmt Verantwortung für sich und ihr Leben, gibt weder anderen noch ihrer Behinderung die Schuld, wenn etwas misslingt. Lieblingsthema in ihren Kursen als Personaltrainerin ist „Wie wir uns selbst behindern“.

Doch trotzdem muss auch sie um Hilfe bitten lernen, weil sie nicht alles alleine kann. Schöne Verbindungen zu anderen Menschen kann sie so aufbauen. „Ein guter Bekannter von mir verlor immer mehr seine Sehkraft. Wenn wir beide loszogen, nutzte er die Griffe des Rollstuhls als Stütze, seine Kraft, um zu schieben, und meine Sehkraft zeigte uns den Weg.“ Aus vermeintlicher Abhängigkeit könne so Erfüllung für beide Seiten wachsen. Sogar einen Paragliding-Flug wagt die abenteuerlustige junge Frau.

Vieles in Silke Naun-Bates’ Beschreibungen und den ab und zu eingefügten Gedichten wirkt reif, durchdacht, lebensweise und stark. Es hinterlässt ein gutes Gefühl, dass alles im Leben schon seine Richtigkeit hat. Man müsse es nur annehmen. Annehmen heißt aber nicht ertragen, sondern viel mehr. Auch die so tapfere Silke Naun-Bates kommt schließlich durch mehrere Todesfälle in ihrem nächsten Umfeld an den Rand eines Zusammenbruchs. Sie fühlt sich wie eine „Kriegerin am Boden in sämtliche Einzelteile zerlegt … und erst jetzt konnte das Leben mich wirklich erreichen.“ In einer Therapie stellt sie fest, dass sie „im Rahmen meiner Körperlichkeit kaum Grenzen kannte und emotional doch so gefangen in eigenen und gesellschaftlichen Zwängen war“.

Die körperliche Behinderung war für Naun-Bates nie ihr größtes Problem

Die körperliche Behinderung ist für Silke Naun-Bates nie ihr größtes Problem gewesen. Sie lebt und fühlt wie wir alle, manchmal bezieht sie den Leser in ihre Gedanken mit ein oder spricht ihn direkt an, was eine Verbindung und Nähe zur Autorin schafft. Ihr Buch in eine Schublade der vielen Ratgeberbücher zu stecken gelingt nicht, da es viele Facetten hat. Das wäre auch nicht im Sinne von Silke Naun-Bates. Über ihre Seminare sagt sie: „Der schönste Augenblick ist dann für mich der, an dem ich erleben darf, dass eine neue Schublade eingerichtet wird und somit bestehende Glaubenssätze in Frage gestellt oder erweitert werden.“

Silke Naun-Bates: „Mein Weg in die Freiheit“, Sheema Medien Verlag, 200 Seiten, 15,99 Euro