Beratung

Paten helfen Schwangeren in Not

Lisa war noch Schülerin als sie schwanger wurde, die Novalis Stiftung, die von Barbara Herling (links) geleitet wird, half ihr

Lisa war noch Schülerin als sie schwanger wurde, die Novalis Stiftung, die von Barbara Herling (links) geleitet wird, half ihr

Foto: Roland Magunia

Die Novalis Stiftung steht werdenden Müttern zur Seite. Ehrenamtliche übernehmen Patenschaften für die Frauen und ihre Babys.

Der Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft hätte kaum unpassender sein können: Lisa (Name geändert) ging noch zur Schule und stand vor ihrem Abitur, und eine eigene Wohnung hatten sie und ihr Freund auch nicht. Sie fühlte sich allein, weil ihre Eltern nichts von der Schwangerschaft erfahren durften. Ihre Mutter um Hilfe und Unterstützung bitten? Unmöglich. Und doch wollte sie das Kind austragen. Dass sie ihr Abitur geschafft hat und jetzt eine Ausbildung macht, war auch möglich, weil sie Hilfe bekam: Mit der Patenschaft für Ungeborene steht die Novalis Stiftung in Rotherbaum Frauen wie Lisa zur Seite.

„Ich bin so froh, hier Hilfe bekommen zu haben“, sagt Lisa heute. Sie war im vierten Monat schwanger, als sie die Beratungsstelle zum ersten Mal aufsuchte. Ihr kleiner Sohn ist mittlerweile eineinhalb Jahre alt und hat sich gut in die Kita eingewöhnt. Bis zu zehn Stunden wird er dort täglich betreut, während die 20-Jährige ihre Ausbildung zur Automobilkauffrau macht und ihr Freund Anlagenmechaniker lernt. Klar ist das Leben mit einem Kleinkind anstrengend, vor allem wenn es krank ist, aber Lisa wirkt richtig glücklich. Mit ihrer Familie lebt sie in einer eigenen Wohnung. Der Weg dorthin war schwer und lang.

Bei der Stiftung kann die Schwangere ihre Sorgen und Ängste offen bereden

Denn ungeplant schwanger zu sein, ist für viele Frauen ein Schock – vielleicht, weil die werdende Mutter noch so jung, weil das Geschwisterkind noch nicht aus dem Gröbsten heraus oder weil sie alleinerziehend ist und ohne Unterstützung zurechtkommen muss. Hier setzt die Hilfe von Geschäftsführerin Barbara Herling und dem Team der Novalis Stiftung von 2001 an: In einem ehemaligen Fischgeschäft in der Rappstraße 16 finden die Frauen in dem Zimmer zum Hinterhof einen geschützten Raum, in dem sie mit Beraterinnen über ihre Sorgen, ihre Zweifel und Ängste sprechen können. Sie haben Gelegenheit, Gefühle und Gedanken zu ordnen. Wer unsicher ist, das Ungeborene auszutragen, und überlegt, die Schwangerschaft abzubrechen, kann mit den Beraterinnen diese Entscheidung in Ruhe abwägen und mögliche Stolpersteine, wie finanzielle Sorgen, aus dem Weg räumen. Steht der Entschluss fest, die Schwangerschaft abzubrechen, kann eine entsprechende Bescheinigung über die Beratung ausgestellt werden. Will die Frau das Kind austragen, begleitet eine Patin die werdende Mutter.

„Wir versuchen, wenn möglich, Wege aufzuzeigen für ein Leben mit dem Kind. Wir akzeptieren aber auch, wenn die Schwangere sich anders entscheidet“, sagt Barbara Herling. Im Mittelpunkt stehen der Schutz des Ungeborenen und das Seelenheil der werdenden Mutter. Häufig gehe es darum, den Frauen – selten sind auch die werdenden Väter dabei – aufzuzeigen, welche finanziellen Hilfen ihnen zustehen, und ihnen bei den bürokratischen Abläufen und Behördengängen zu helfen. Nach Bedarf auch in Kooperation mit einer Gynäkologin, einer Fachanwältin für Familienrecht und einer Psychotherapeutin.

Bei Lisa ging es damals darum, Kindergeld zu beantragen, Gelder für die Erstausstattung für ihr Baby anzufordern und einen Nachteilsausgleich zu melden, damit die Abiturprüfungen für die junge Frau verschoben werden konnten. So konnte sie drei Wochen nach der Entbindung ihr schriftliches Abi in Politik, Deutsch und Religion nachholen. Fürs Abitur gelernt hat sie nachts und am Wochenende, während ihr Freund das Baby betreute. Durch die Gespräche mit ihrer Patin hatte Lisa auch die nötige Selbstsicherheit bekommen, ihren Eltern von der Schwangerschaft zu erzählen. „Ich traf meine Mutter zusammen mit meiner Freundin in einem Park“, erzählt Lisa. „Meine Mutter sagte, sie unterstütze mich nicht, weil ich unverheiratet sei, zu jung und ohne Ausbildung.“ Ihre Vorbehalte haben hauptsächlich religiöse Gründe. Und so ist das bis heute. Zu ihrer Mutter hat Lisa keinen Kontakt mehr. Ihre Klassenlehrerin dagegen half ihrer schwangeren Schülerin: Lisa durfte früher nach Hause gehen und Aufgaben zu Hause beenden. Auch die Familie ihres Freundes kümmert sich gern um ihren Enkel und Neffen.

„Das Tandem aus Patin und schwangerer Frau besteht bis über die Geburt hinaus. Die Länge dieser Hilfe ist individuell“, sagt Barbara Herling. Etwa 70 bis 80 Hilfe suchende Schwangere kommen im Jahr in die Rappstraße. „Die kommen her in ganz schwierigen Situationen, wir wollen sie aus dem Herzen heraus in einer warmherzigen Atmosphäre auffangen“, sagt Frau Herling, die seit 2005 Geschäftsführerin ist und davor im Verlagswesen gearbeitet hat. Die Jüngste war 16 Jahre alt, die älteste Schwangere 46. Ihnen wird eine von derzeit zehn ehrenamtlichen Patinnen zur Seite gestellt, unter ihnen sind eine ehemalige Lehrerin oder eine frühere Kitaleiterin. „Das sind alles erfahrene, gestandene Frauen“, so Frau Herling. Denn wenn es um Behördengänge geht, ist häufig ein wenig Durchsetzungsfähigkeit gefragt. Ein Auftreten, das die damals 18-jährige Lisa nicht hatte, ihre Patin Dana aber schon. Sie hat ihr auch bei der Wohnungssuche geholfen und später, als es mit der Behörde Ärger gab, stand Patin Dana ihr zur Seite. Und sie war es auch, die Lisa den Ausbildungsplatz vermittelt hat. „Die Patinnen ersetzen das Mütterliche.“ Sie seien aber keine Ersatz-Oma oder ein späterer Babysitter. Derzeit sucht die Stiftung weitere ehrenamtliche Helferinnen und Patinnen.

Die Beratungsstelle der Novalis Stiftung von 2001 befindet sich in der Rappstraße 16. Telefonische Sprechzeiten: montags bis donnerstags 15 bis 17 Uhr, freitags 11 bis 14 Uhr unter Tel. 22 69 37 55 oderE-Mail: kontakt@novalisstiftung.de. Weitere Infos unter www.novalisstiftung.de. Ehrenamtliche Helferinnen sind stets willkommen und werden geschult.