Nachbarschaft

Zusammen sind wir weniger allein

Margret Bestmann und Eva Pahl (v.l.) kochen für ihre Nachbarn

Margret Bestmann und Eva Pahl (v.l.) kochen für ihre Nachbarn

Foto: Michael Rauhe

Im Rungehaus sorgt das Konzept Lebendige Nachbarschaft dafür, dass Senioren möglichst lange in ihren Wohnungen leben können.

Um die Hände in den Schoss zu legen, dafür fühle ich mich noch zu jung“, sagt Margret Bestmann. Die patente 66-Jährige steht mit weißer Schürze in der Küche des Runge-Hauses und kocht Mittagessen. Mit von der Partie ist Eva Pahl, 79. „Ich habe schon immer gern gekocht, hier kann ich mich richtig ausleben“, sagt die Hamburgerin, während sie die Dessertschälchen bereitstellt. 14 Gäste kommen gleich zum Mittagessen. Es gibt Kartoffeln, Blumenkohl und Frikadellen und zum Nachtisch Mandarinenquark. Die beiden Damen sind fix bei der Sache. Jeder Handgriff sitzt. Sie sind jedoch keine engagierten Köchinnen, sondern Nachbarinnen, die für ihre Nachbarn kochen.

Das gehört zum Konzept des Runge-Hauses in Barmbek-Nord. Mieter unterstützen sich hier gegenseitig und sind füreinander da. Lebendige Nachbarschaft heißt das Konzept, kurz LeNa. Es ist ein Pilotprojekt der sozialen Wohnungsbaugesellschaft SAGA GWG und deren Kooperationspartner, der alsterdorf ost gGmbH und der Hamburger Gesundheitshilfe.

Keimzelle von LeNa ist das Backsteinhaus am Rungestieg. Ein Neubau mit 74 barrierefreien Wohnungen für Senioren ab 60 Jahre sowie für acht Mieter mit einer Behinderung. Im Erdgeschoss des Hauses ist Platz für Begegnungen. Vom hellen Foyer mit Sitzgelegenheiten gelangt man in einen großen runden Raum, das WohnCafé, auch RungeTreff genannt, neben dem gleich die Küche liegt. Das Quartiersbüro für Assistenz & Pflege und ein weiteres Büro, das von den Mietern und Freiwilligeninitiativen genutzt wird, liegen auf der anderen Seite des Foyers.

Eben hat Alvin Pahl auf den grünen Polstern im Foyer Platz genommen. Seinen Rollator schiebt der 79-Jährige zur Seite, damit Hündin Dana Platz zum Räkeln hat. Alvin Pahl freut sich aufs Mittagessen, nicht nur weil seine Frau heute kocht. „Dass das Essen immer frisch zubereitet wird, ist am besten“, sagt er. Im Dezember letzten Jahres ist er mit seiner Frau als einer der ersten Mieter im Runge-Haus eingezogen. „Ich hatte einen Schlaganfall und eine Hüft-OP“, sagt er. Treppen steigen ging nicht mehr, deshalb suchte das Ehepaar eine neue Wohnung mit Aufzug. Und bekam eine der begehrten öffentlich geförderten Wohnungen. „Hier bin ich sehr zufrieden“, sagt er.

„Menschen sollen solange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung leben können“, erklärt Ilse Westermann, von der alsterdorf assistenz ost. Auch im Alter sind viele Menschen noch aktiv und möchten ihren Lebensabend nicht einsam verbringen. „Hier können die Bewohner ihr Leben gestalten, sich mit ihren jeweiligen Fähigkeiten für andere einbringen“, sagt Ilse Westermann. Eine Basis-Aktion sei das Kochen von und für Nachbarn, bei dem sich die Mieter in Zweier-Teams zusammentun und abwechselnd für das Mittagessen sorgen. Auch Ideen für weitere Aktivitäten kommen von den Mietern. Am schwarzen Brett finden sich Angebote für Spiele-Nachmittage und Seniorengymnastik. Dafür wie auch für Geburtstagsfeiern oder Veranstaltungen wird das WohnCafé genutzt, in dem mittags gegessen wird.

Um ein Leben lang selbstbestimmt wohnen zu können, ist auch Hilfe bei gesundheitlichen Einschränkungen nötig. Dafür ist das Quartiersbüro für Assistenz & Pflege da. Es ist rund um die Uhr mit Einsatzkräften besetzt. Tagsüber kommen sie von der Stiftung Alsterdorf, nachts von der Hamburger Gesundheitshilfe. „Schon allein, dass wir da sind, gibt den Mietern mehr Sicherheit“, sagt Ilse Westermann.

Jens Hansen, 53 ist froh darüber, dass er jederzeit jemanden rufen kann, wenn er Hilfe braucht. Er ist auf Assistenz angewiesen, denn nach den Spätfolgen eines Tauchunfalls sitzt der gelernte Landschaftsgärtner im Rollstuhl. „Ich fühle mich hier gut aufgehoben, weil mir hier vieles abgenommen wird“, sagt er.

Hinter dem Konzept von LeNa steckt noch mehr. Es soll auch in das Quartier um den Rungestieg ausstrahlen, indem die SAGA 500 Wohnungen saniert und modernisiert hat, darunter auch Wohnraum für Familien. Das Quartierbüros ist Ansprechpartner für alle Generationen und Bewohner der umliegenden Wohnviertel. Ebenso soll der RungeTreff als „Herz der Anlage“ sich noch weiter zu einem Nachbarschaftstreff entwickeln. Für diese neue Kombination von Wohn- und Versorgungskonzept in einem Quartier haben die Wohnungsbaugesellschaft und ihr Kooperationspartner schon während der Bauplanung zusammengearbeitet. Die SAGA hat baulichen Ansprüche umgesetzt, nachdem sie gemeinsam mit der alsterdorf assistenz ost, die zur Stiftung Alsterdorf gehört, die Bedürfnisse der Menschen ermittelt hat. „Es war und ist ein Prozess“, sagt Ilse Westermann.

Und er trägt bereits Früchte, findet Mieterin Ursula Bankmann-Paul. Nachdem ihr Mann verstarb, suchte sie eine kleinere Wohnung. Anfangs sorgte sie sich noch, wie sie in einer neuen Umgebung Menschen kennenlernen kann. Inzwischen ist das kein Thema mehr. Als gelernte Verwaltungsangestellte engagiert sie sich in Bürodingen, macht etwa die Abrechnung fürs Mittagessen. Dazu nutzt sie das Büro, indem auch die Freiwilligendienste aus der externen Nachbarschaft ihre Initiativen koordinieren. Oft schauen andere Mieter auf einen Kaffee vorbei. So entstehen neue Bekanntschaften und Netzwerke. „Mein Leben hat sich hier komplett verändert, darüber bin ich sehr glücklich“, sagt die 66-Jährige. Für sie ist es eine Wohnform mit Zukunft. „Davon müsste es mehr geben“, wünscht sie sich.