Darmerkrankung

Wie ein Vulkan im eigenen Körper

César Cabañero Martínez studiert in Hamburg Musik mit dem Schwerpunkt Horn

César Cabañero Martínez studiert in Hamburg Musik mit dem Schwerpunkt Horn

Foto: Andreas Labes

César Cabañero Martínez schlug eine Laufbahn als Hornist ein, bis er an Morbus Crohn erkrankte.

Das Instrument begleitet ihn schon mehr als ein halbes Leben. César Cabañero Martínez ist Hornist. Der 25-Jährige, geboren und aufgewachsen in Südspanien, hat schon als Kind im Blasorchester gespielt, das sein Großvater dirigierte. Derzeit studiert er in Hamburg an der Hochschule für Musik und Theater. Sein Ziel: Festes Mitglied in einem Orchester werden. Daran arbeitet der freundlich auftretende junge Mann beharrlich. Und er ist dankbar, dass sein Körper das alles mitmacht. Wieder mitmacht. Denn César ist chronisch krank. Er leidet an Morbus Crohn, einer entzündlichen Darmerkrankung. Die ihn beinahe aus seiner eingeschlagenen Laufbahn als Musiker geworfen hätte.

Es fing mit starken Bauchschmerzen an. César war im zweiten Studienjahr an der Musikhochschule von Granada. „Es war kurz vor den Semesterferien, ich dachte es lag am Stress“, erinnert er sich. Er fuhr in sein Heimatdorf, wollte sich bei seinen Eltern auskurieren, aber die Beschwerden verschlimmerten sich. Heftige Bauchschmerzen, Durchfälle, ein ständiges Druckgefühl, egal was er gegessen hatte. „Während des Essens bekam ich so starke Schmerzen, dass ich ständig eine Pause machen musste“, sagt César.

„Der Darm ist unser größtes Immunorgan,“ erklärt Professor Tanja Kühbacher, Chefärztin für Innere Medizin im Asklepios Westklinikum in Hamburg-Rissen. Bei einer Attacke durch Keime oder Bakterien fährt er sein Schutzsystem hoch, wehrt die Krankheiterreger ab. In so einem Infekt-Fall kommt es auch zu Durchfall und Erbrechen. Bei einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (CED) ist die Immunabwehr gestört. Teile des Darms und bei Morbus Crohn sogar des ganzen Verdauungstraktes sind dauerhaft entzündet. Die Beschwerden treten in Schüben auf: „Heftigste Bauchschmerzen und bis zu 30 Stuhlgänge hintereinander sind nicht selten. Es ist wie ein Vulkan, der im Inneren brodelt und in der aktiven Phase explodiert, der Darm wird zur einzigen Wundfläche“, sagt die Medizinerin. Die Ursache dafür ist noch nicht eindeutig geklärt.

Medikamente können Schübe lindern aber nicht immer verhindern

César nahm zehn Kilo ab, war ständig müde und das schlimmste: „Horn spielen, das ging nicht mehr, ich hatte keine Kraft“, so César. Es begann die Odysee von Arzt zu Arzt, niemand konnte ihm erklären, was er hatte. Erst im Herbst – das neue Studienjahr hatte schon wieder begonnen – bekam er die Diagnose. Endlich. César blieb optimistisch. „Es wird schon eine Medizin geben und dann läuft es wieder“, dachte er. Nach einer Behandlung mit Cortison ging es ihm tatsächlich besser. Doch dann flackerten die Symptome wieder auf. Er konnte sein Studium nicht fortsetzen, fiel fast ein Jahr aus. Seine Zukunft war völlig ungewiss.

So gehe es vielen Betroffenen,weiß Tanja Kühbacher. Die Krankheit bricht oft in jungen Jahren aus, kann aber auch ältere Menschen noch treffen. Sie ist nicht heilbar. Medikamente können Schübe lindern oder aufschieben, aber nicht immer verhindern. Diese Unberechenbarkeit hat Auswirkungen auf Schule, Beruf, Ausbildung. Viele Betroffene müssen sich neu orientieren. Hier setzt die Stiftung Darmerkrankung an. Initiiert von Medizinern, Unternehmern und privaten Stiftern lobt sie seit 2007 jährlich ein Ausbildungsstipendium aus. „Wir wollen junge Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit ihre beruflichen Ziele nicht erreichen können bei der Erfüllung eines Wunsches für die Aus- oder Weiterbildung helfen. Dabei ist es egal, ob der Stipendiat Akademiker oder Handwerker ist“, sagt Tanja Kühbacher, die sich seit der Gründung ehrenamtlich als Stiftungsvorstand engagiert.

Bis zu dem Tag, an dem César an einer Pinnwand der Hochschule für Musik und Theater ein Plakat der Stiftung entdeckt, war es noch ein schwerer Weg. Statt weiter Musik zu studieren, begann er, noch in Spanien, online ein Fernstudium der Musikwissenschaft und lernte nebenbei Deutsch, „weil das für Musikwissenschaft wichtig ist“, erklärt er in flüssigem Deutsch mit leichtem Akzent. Was ihn in der Zeit quälte: „Wenn du jung bis, musst du viel spielen und üben, sonst verlierst du das Gefühl für das Instrument.“

Die Siesta nach dem Mittagessenverschafft dem Körper die nötige Ruhe

Doch er gab nicht auf. Nach vielen Arztbesuchen und längeren Krankenhausaufenthalten bekam er ein neues Medikament. Es wirkte und er kehrte zurück an die Hochschule, holte in zwei Monaten alles nach, was er versäumt hatte, machte seinen Abschluss und bewarb sich für das Masterstudium in Hamburg, nachdem er bei einem Hamburger Gastdozent in Spanien einen Workshop besucht hatte.

Inzwischen hat er auch sein Fernstudium erfolgreich abgeschlossen und steht in Hamburg kurz vor dem Master. Seine Eltern finanzieren sein Studium. Es fehlte nur noch ein Horn, wie es in deutschen Orchestern gespielt wird. Da sieht er das Stiftungsplakat, bewirbt sich um ein Stipendium und erhält es.

„Mit dem Geld habe ich mir das Instrument gekauft, ich hatte zwar schon begonnen, dafür zu sparen, aber ich hätte es nicht zusammen bekommen.“ Er nennt es Lucy, nach dem Beatles-Song „Lucy in the sky with diamonds“, denn ein gutes Instrument muss einen Namen haben. „Jeden Tag, wenn ich es spiele, erinnert es mich daran, was ich schon alles geschafft habe und das mir die Musik immer noch Freude bereitet“, sagt César.

Seine Krankheit kann sich wieder bemerkbar machen. Aber er hat gelernt, auf seinen Körper zu achten, Ruhezeiten einzuhalten. „Ich muss nach dem Essen schlafen, also Siesta machen“, sagt er. Wenn er länger unterwegs ist, etwa zu Konzertproben oder Auftritten, isst er wenig, obwohl er alles essen darf. Alkohol trinkt er kaum. „Nur das Bier mit den Kollegen nach einem Konzert, das muss sein“, sagt er. Ein Stück Lebensqualität, die er gelernt hat zu schätzen, solange es geht.