Flüchtlinge

Trommeln gegen die Eintönigkeit

Flüchtlingskinder und Schüler des Hamburger Konservatoriums proben gemeinsam für ein großes Konzert

Flüchtlingskinder und Schüler des Hamburger Konservatoriums proben gemeinsam für ein großes Konzert

Foto: Roland Magunia

Der Alltag in der Zentralen Erstaufnahme für Asylbewerber ist gerade für Kinder oft trostlos. Das Hamburger Konservatorium bietet ein Musikangebot an

Vor dem großen weißen Zelt hat sich eine kleine Schar von Kindern und Erwachsenen versammelt. Staunend beobachten sie die Mädchen und Jungen, die laut lachend zu Trommelgeräuschen durch das Zelt rennen, plötzlich stoppen, langsam gehen und dann wieder loslaufen. Nach fünf Minuten setzen sie sich, jedes Kind hat eine große afrikanische Trommel vor sich und reihum darf jedes einmal den Trommelrhythmus der Gruppe bestimmen.

„Trommelpower“ nennt sich das Programm, das Musikpädagogin Petra Schmidt vom Hamburger Konservatorium immer mittwochs für die Sechs- bis Achtjährigen in der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (ZEA) in der Schnackenburgallee anbietet. In den vier Stunden, die Petra Schmidt jede Woche da ist, unterrichtet sie drei verschiedene Kindergruppen, die sie von der Schule des Containerdorfes abholt und in das große Zelt mitten auf dem Gelände bringt. „Für die Kinder ist das Trommeln immer der Höhepunkt der Woche“, sagt Petra Schmidt.

Sie spricht ganz langsam mit den fünf Kindern, die aus dem Kosovo, Syrien, Albanien und Afghanistan kommen. Doch nur Floresiva, 8, und Samira, 7, können etwas Deutsch, sie sind schon seit ein paar Monaten in der Flüchtlingsunterkunft. Ali und Zuela sind erst seit ein paar Wochen hier, Marco kam vor zwei Tagen an. Obwohl er zum ersten Mal beim Trommeln dabei ist, versteht er sofort, was er tun muss.

„Musik ist eben eine universelle Sprache“, sagt Markus Menke, Direktor des Hamburger Konservatoriums, der häufig bei „Trommelpower“ in der ZEA dabei ist. Das Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird, ist ihm ein echtes Herzensanliegen. „Ich wollte etwas Sinnvolles für Flüchtlingskinder machen und das Programm hat sich in Grundschulen bewährt. Die Kinder können beim Trommeln selber den Rhythmus bestimmen, ihre Gefühle ausdrücken und bekommen dadurch einen Zugang zu sich selbst“, sagt Menke. Vor allem haben die Kinder jedoch riesigen Spaß am Musizieren, wie man ihnen deutlich anmerkt.

Für sie ist es eine willkommene Abwechslung im ansonsten recht öden Alltag in der ZEA, die derzeit rund 1100 Menschen, darunter 230 Kinder und Jugendliche aus 20 Nationen, beherbergt. „Viele Erwachsene leiden angesichts ihrer traumatischen Erlebnisse und der unsicheren Situation unter Depressionen, das überträgt sich auf die Kinder“, sagt Stefanie Gaumert, Leiterin der ZEA.

Fast täglich kommen Flüchtlinge an, für die Kinder gibt es wenig Struktur. Gewinnen sie neue Freunde, können diese am nächsten Tag schon wieder weg sein. „Deswegen ist so ein kontinuierliches Musikangebot wie das vom Konservatorium für uns einfach großartig. Vor allem ist es wertschätzend für die Flüchtlinge“, sagt Gaumert. Für größere Kinder zwischen zehn und 14 Jahren bietet die Musikschule eine eigene CD-Produktion an. Dazu holen Mitarbeiter des Konservatoriums einmal in der Woche fünf Jugendliche von der ZEA ab und bringen sie ins Tonstudio auf die Veddel. Dort lernen sie, unter Anleitung von Musikern Instrumente wie E-Bass, E-Gitarre, Keyboard oder Schlagzeug zu spielen, entwickeln auf Deutsch ihren Text und lernen, ihr Musikstück auf einem PC aufzunehmen. Nach sechs bis neun Wochen erhalten die Bandmitglieder ihre eigene CD mit ihrem Song und dem von ihnen entworfenen Cover. „Viele verarbeiten in den Musikstücken ihre Fluchterlebnisse. Doch vor allem gibt ihnen diese Arbeit viel Selbstbewusstsein, sie fühlen sich wie kleine Stars und sind so stolz auf diese CD. Gleichzeitig lernen sie noch Deutsch“, sagt Markus Menke.

Bald können die Kinder direkt in der ZEA ihre Musik aufnehmen, denn die Zeit-Stiftung finanziert ein mobiles Musik- und Aufnahmestudio, die ­Haspa Musik Stiftung und die Stiftung Maritim Hermann und Milena Ebel bezahlen die Musikinstrumente. Manche begabte Flüchtlinge bekommen direkt in der Musikschule Unterricht – auch der wird aus Spenden finanziert.

Für die Lehrer der Musikschule ist die Arbeit mit den Flüchtlingen etwas ganz Besonderes. „Ich unterrichte ,Trommelpower‘ ja auch in Schulen, es kommt immer gut an“, sagt Petra Schmidt. Aber in der ZEA seien die Kinder mit viel mehr Freude dabei, seien offener und viel begeisterungsfähiger als ihre anderen Schüler. „Sie geben mir das Gefühl, mit meiner Erfahrung und meinem Können zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich kann meine Liebe zur Musik und zu meinem Beruf in einem ganz wichtigen Bereich einsetzen“, sagt die 36-Jährige.

Derzeit probt sie mit den Kindern für ein großes Konzert zum „Tag der offenen Tür“ im Hamburger Konservatorium und für einen Auftritt bei der „altonale“. Dazu kamen einige deutsche Musikschüler mit ihren Eltern in das Containerdorf und eine Woche später waren die Flüchtlingskinder mit ihren Müttern und Vätern in der Musikschule zur Orchesterprobe. „Das ist zwar ein großer Organisationsaufwand und vielleicht sind einige Kinder, mit denen wir geprobt haben, auch in ein paar Wochen nicht mehr da. Doch dieser Austausch ist für beide Seiten ein großes Erlebnis, auch für mich“, sagt Direktor Markus Menke.

Dann ist die Trommelstunde vorbei. Die drei Mädchen und zwei Jungen laufen mit strahlenden Gesichtern zurück in die Schule. Petra Schmidt bittet die vor dem Zelt Stehenden mit hinein – am Ende gibt es immer noch eine offene Gruppe, für alle, die Lust auf „Trommelpower“ haben.

Konzerte des Kinder- und Jugendorchesters
des Hamburger Konservatoriums und der Trommelgruppe aus der ZEA:
Am 20. Juni um 11 Uhr beim „Tag der offenen Tür“
der Musikschule, Sülldorfer Landstraße 196.Am 5. Juli, 11 Uhr, auf der „altonale“ im Innenhof des
Rathauses Altona, Platz der Republik 1. Infos: www.hamburger-konservatorium.de

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