Integration

Der soziale Fahrradladen

Der Mitarbeiter Andy Wegner im Fahrradladen re.cycle

Der Mitarbeiter Andy Wegner im Fahrradladen re.cycle

Foto: Roland Magunia

Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben schwerbehinderte Menschen selten eine Chance auf eine Job – bei re.cycle bekommen sie einen festen Arbeitsplatz

Andy Wegner, 31, schraubt an einem Fahrrad. Das hat er als Junge schon gern getan. Heute arbeitet er im Fahrradladen re.cycle in Altona. Dass er diesen Arbeitsplatz hat, ist für ihn ein großer Gewinn. Denn Andy Wegner ist schwerbehindert und braucht bei seiner Arbeit viel Unterstützung.

Als er zwölf Jahre alt war, wurde bei ihm eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS diagnostiziert. „Es macht mich extrem nervös“, sagt er. Stress mache ihm zu schaffen, ohne die Einnahme von Medikamenten könne er nicht schlafen, erzählt der freundliche Mann in der grauen Arbeitshose. Obwohl ihn die Schule sehr forderte, hat er seinen Hauptschulabschluss geschafft. Weil er gern mit den Händen arbeitet, machte er im Berufsbildungswerk in Greifswald eine Lehre zum Zweiradmechanikerwerker – einem Ausbildungsberuf für Menschen mit Behinderungen.

Andy Wegner arbeitet seit 2013 in dem Fahrradladen in Altona auf einem von vier Arbeitsplätzen für schwerbehinderte Mitarbeiter. Der Fahrradladen sowie ein weiterer in Barmbek gehören zu ZukunftArbeit, einer gemeinnützigen GmbH. Sie wurde 1999 von der Alida Schmidt Stiftung und der therapiehilfe e. V. gegründet, „um Menschen, die suchtkrank waren, einen Wiedereinstieg in die Arbeit zu erleichtern“, sagt Zukunft-Arbeit-Geschäftsführer Jürgen Runge, der zudem Psychotherapeut ist und lange in einer Fachklinik für Suchtkranke gearbeitet hat. Im Fahrradladen ist er Ansprechpartner für alle Probleme. Neben ehemaligen Suchtkranken können auch Menschen mit anderen anerkannten Schwerbehinderungen, etwa nach Tumorerkrankungen, bei ZukunftArbeit eine feste Anstellung bekommen. Denn sie bietet Integrationsarbeitsplätze an. „Statt vorübergehenden Jobs wollten wir den Menschen, die als Folge ihrer Erkrankungen körperliche Einschränkungen haben, Dauerarbeitsplätze anbieten“, sagt Runge. Und das nicht nur in den Fahrradläden, sondern auch in anderen Bereichen wie etwa dem Garten-Landschaftsbau.

Zum Fahrradladen in Altona gehört eine Fahrradwerkstatt und ein großes Lager. Hier werden gebrauchte Fahrräder wieder flottgemacht und verkauft. „Wir bekommen alte Räder beispielsweise von Wohnungsbaugesellschaften, bei denen viele verwaiste Fahrräder in den Kellern stehen, weil ehemalige Mieter sie zurückgelassen haben“, sagt Runge. Der Fahrradladen übernimmt auch Reparaturen, bietet eine Fahrradinspektion für geringes Geld an, verkauft Ersatzteile und hat sogar neue Fahrräder im Programm.

Reifen zentrieren, Bremszüge auswechseln, Nabenschaltungen zum Reinigen auseinandernehmen und wieder einbauen, das sind einige der Aufgaben, die Andy Wegner täglich leistet. „Es macht mir viel Spaß, auch der Umgang mit den Kunden“, sagt er. Längere Zeit war er arbeitslos, zwei Jahre lang hatte er einen Job in einem regulären Laden mit Werkstatt und vielen Aufträgen. Doch er war den Anforderungen dort nicht gewachsen. „Das war fast Akkordarbeit, mit Schnellmontage und viel Kundenzulauf, das war so stressig, dass ich öfters etwas vergessen habe“, sagt er. Im jetzigen Betrieb arbeitet er mit einem der fest angestellten Zweirad-Mechatroniker zusammen.

„Das ist das Soziale an unserem Fahrradladen: Er ist ein anerkannter Integrationsbetrieb. Das heißt, dass bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze an Schwerbehinderte vergeben werden müssen“, erklärt Runge. Dort können sie ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden. Die übrigen Angestellten sind ausgebildete Fachkräfte, die die schwerbehinderten Mitarbeiter anleiten und unterstützen. Im Fahrradladen in Altona macht das Tatjana Burmeister, 24. „Man muss schon Geduld haben und bereit sein, Dinge mehrmals zu erklären“, sagt die Zweiradmechanikerin. Und man braucht Erfahrung im Umgang mit Menschen. „Die Beschäftigten müssen motiviert sein, dann können wir sie auch fördern“, sagt der Zweirad-Mechaniker-Meister Thorsten Rusche, 57. Wer im Fahrradladen etwa aufgrund motorischer Fähigkeiten nicht zurechtkommt, kann in einen anderen Bereich von ZukunftArbeit wechseln.

Damit der Betrieb gut funktioniert, müssen auch soziale Probleme bewältigt werden. „Menschen, die lange Zeit aus dem Arbeitsprozess herausgefallen sind, müssen Bedingungen wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit erst wieder lernen“, sagt Jürgen Runge.

Bei den Kunden kommt der Laden gut an. „Manche Kunden kommen gezielt zu uns oder in die Filiale in Barmbek, weil sie uns als Integrationsfirma unterstützen wollen“, sagt Runge. Auch Andy Wegner ist zufrieden, weil er hier ganz normal Geld verdienen kann.