Kindeswohl

In der Mattisburg lernen traumatisierte Kinder neu zu leben

Die Mattisburg in Schnelsen ist ein Schutzhaus der Stiftung "Ein Platz für Kinder"

Die Mattisburg in Schnelsen ist ein Schutzhaus der Stiftung "Ein Platz für Kinder"

Foto: M.Kuhn

Stiftung „Ein Platz für Kinder“ erhielt HanseMerkur Preis für Kinderschutz. Die Organisation baut Schutzhäuser für missbrauchte Kinder.

Hamburg. Helles Holz, zackige Linien und modern – in jedem Fall ist die Mattisburg sehr auffallend inmitten der vielen Einfamilienhäuser in diesem bürgerlichen Teil von Hamburg-Schnelsen. Über dem vollverglasten Wohnzimmer zum großen Garten hin wölbt sich ein eckiger Erker – von den Kindern nur „die Nische“ genannt. Ein Rückzugsort, gepolstert mit einer grünen Matratze. Eine kleine Oase, in der man das Gefühl hat, mitten im Grünen zu sitzen. Die Nische ist Manuelas (Name geändert) Lieblingsplatz in der Mattisburg, einem Schutzhaus für traumatisierte und missbrauchte Kinder.

Manchmal schläft sie sogar dort, wenn ihre Zimmernachbarin stört oder die Sehnsucht nach ihrer Mutter sie übermannt. Manuela ist seit vier Monaten in der Mattisburg, fast so lange, wie es die Einrichtung gibt. Sie wurde im Herbst 2014 eröffnet, gebaut von der Stiftung „Ein Platz für Kinder“, die neben den existierenden Häusern in Hamburg und Hannover gerade weitere in Frankfurt und München plant.

Die Stiftung wurde am Freitag mit dem „HanseMerkur Preis für Kinderschutz“ ausgezeichnet. „Der Preis ist eine große Ehre und für uns Motivation, unsere Arbeit fortzusetzen“, sagte die Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Johanna Ruoff.

Sie meint die Arbeit mit Kindern wie Manuela. Die Zehnjährige hat Schreckliches erlebt, aber sie redet nicht darüber. Schon gar nicht mit Besuchern. Das ist auch gut so – denn wenn diese Kinder etwas brauchen, dann ist es Schutz und die Sicherheit, dass ihre tiefsten Geheimnisse nicht nach außen dringen.

Dafür sorgt Thorsten Bierbaum, 33, von der Großstadt-Mission mit seinen 14 Mitarbeitern, vor allem Pädagogen und Therapeuten, die sich über Monate dieser zehn Hamburger Kinder zwischen vier und zwölf Jahren annehmen. Behutsam versuchen sie herauszufinden, was ihnen zugestoßen ist. Die Mattisburg ist ein Diagnostikzentrum, das auch ganz bewusst die Eltern und deren Biografie in die Analyse mit einbezieht.

„Wir haben hier Kinder, die schwer vernachlässigt, sexuell, körperlich oder seelisch missbraucht wurden“, sagt Mattisburg-Leiter Bierbaum. Das Jugendamt schickt die Kinder in das Haus. Von hier aus soll dann nach ungefähr sechs Monaten ihr weiterer Lebensweg festgelegt werden. „Diesen Übergang gut zu gestalten, ist eine riesige Verantwortung, aber wir können hier wirklich einen Grundstein für die Zukunft der Kinder legen. Wir geben allerdings nur Empfehlungen ab“, sagt Diplompädagoge Bierbaum. Manche Kinder kommen zurück zu ihren Eltern, die meisten jedoch in Wohngruppen oder zu speziell ausgebildeten Pflegeeltern. Denn viele dieser Jungen und Mädchen sind sehr verhaltensauffällig, manche sind ängstlich und ziehen sich zurück, andere sind aggressiv gegen sich selbst und andere.

Das zeigt sich im ganzen Haus, das nur wenige Monate nach der Eröffnung wieder renoviert werden muss – das Preisgeld und Spenden fließen in die Erneuerungen. Auch der Abendblatt-Verein „Kinder helfen Kindern“ unterstützt die Mattisburg.

Die Wände sind beschmiert, im Gemeinschafts-Wohnzimmer fehlen die Türen, sie sind zersplittert, die Einbauschranktüren sind rausgerissen. Auch etliche Kinderzimmer tragen Spuren von Zerstörung. Die Wände haben Löcher, Jalousien sind heruntergerissen.

Es ist schwer, mit diesen verstörten Kinderseelen umzugehen. Doch was die Mattisburg auszeichnet, ist, dass die Mitarbeiter geschult sind, diese Kinder und ihr Verhalten auszuhalten. „Hier fliegt kein Kind raus, egal, was es anstellt“, betont Thorsten Bierbaum.

Für viele der Kinder werden die Betreuer zu wichtigen Bezugspersonen – vielleicht den ersten zuverlässigen in ihrem Leben. Der Betreuungsschlüssel von Kindern zu Betreuern ist fast eins zu eins, die Mädchen und Jungen haben eine feste Tagesstruktur, gehen in die Schulen und Kitas der Umgebung und sehen, wenn sie wollen, jeden Freitag ihre Eltern. Es gibt neben dem Therapie- auch einen Toberaum und ein Zimmer voller Spielzeug. „Manche Kinder kommen ohne persönliche Gegenstände oder Spielsachen hier an“, sagt Thorsten Bierbaum.

Sonntags gibt es immer eine Kinderkonferenz, da können die Kleinen über das Programm der Woche und Anschaffungen für das Haus mitbestimmen. „Ich will ein kleines Schwimmbad“, sagt Sarah träumerisch und schaut von der Nische aus in den Garten. Dort fehlen noch eine Schaukel und ein Sandkasten. Auch das wird nun vom Preisgeld angeschafft.