Interview

Marienkrankenhaus veranstaltet Debatte zur aktiven Sterbehilfe

Disskussion über Sterbehilfe: Prof. Dr. Norbert Rolf und Holger Vollmer-Kammigan betreuen im Marienkrankenhaus schwerstkranke Menschen

Disskussion über Sterbehilfe: Prof. Dr. Norbert Rolf und Holger Vollmer-Kammigan betreuen im Marienkrankenhaus schwerstkranke Menschen

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Das Thema wurde im Bundestag heiß diskutiert. Wie stehen Ärzte und Pfleger zum assistierten Suizid? Marienkrankenhaus veranstaltet Debatte.

Prof. Dr. Norbert Rolf ist Chefarzt der Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Katholischen Marienkrankenhaus in Hamburg. Holger Vollmer-Kammigan ist dort der pflegerische Leiter des Palliative Care Teams, das sich mit insgesamt zehn Personen (u. a. Ärzte, Pfleger, Psychologen, Physiotherapeuten) um bis zu 350 Schwerstkranke und Sterbende im Krankenhaus intensiv kümmert. Pro Jahr sterben rund 700 Menschen in der Hohenfelder Klinik.

Hamburger Abendblatt: Was heißt für Sie würdevoll sterben?

Holger Vollmer-Kammigan: Das heißt für mich, nicht unter Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Atemnot zu leiden. Würdevoll sterben heißt für mich auch, dass ich begleitet und als Person wahrgenommen werde.

Wie stehen Sie zur aktiven Sterbehilfe?

Prof. Norbert Rolf: In unserem Krankenhaus-Leitbild steht, dass unser Handeln getragen wird von Gottes Ja zum Leben, das heißt, eine aktive Unterbrechung des Lebens scheidet für uns aus. Ich persönlich weiß, dass es Grenzsituationen gibt, wo ich das nicht so kategorisch von mir weisen würde. Ich kann mir schon vorstellen, dass ich jemanden, den ich privat über viele Jahre kenne und der in einer aussichtslosen medizinischen Situation ist, vielleicht helfen würde. Aber in einer reinen Arzt-Patienten-Beziehung würde ich das nicht machen.

Vollmer-Kammigan: Ich lehne die Sterbehilfe ab, weil ich auch aufgrund meiner langen Berufserfahrung weiß, dass es primär um eine Verbesserung der medizinischen Versorgung und pflegerischen Begleitung, also der Bedingungen von schwerstkranken Menschen gehen sollte. Es wäre doch schlimm, wenn jemand sterben möchte, weil er das Gefühl hat, es wird sich nicht gut um ihn gekümmert.

Wurden Sie schon gebeten, bei einem
Suizid zu helfen?

Vollmer-Kammigan: Das ist wirklich die Ausnahme, übrigens auch im Hospiz. Ich habe natürlich Menschen in großer Verzweiflung erlebt, die sterben wollten. Ich nehme so einen Wunsch aber eher als einen Hilferuf wahr. Oft sind die Angehörigen und Kranken überfordert, haben Angst vor den Schmerzen und dem Kontrollverlust. Wir zeigen ihnen dann Möglichkeiten auf, wie wir ihnen durch palliative Maßnahmen helfen können.

Also machen wir viel Wind um einen Ausnahme-Wunsch?

Rolf: Ich schätze das anders ein. Wären wir nicht so gut in der Symptomkon-
trolle und in der Begleitung der Patienten, also in der Palliativmedizin, gäbe es den Wunsch nach Selbstmord öfter oder er würde häufiger passieren.

Stellen Sie auch manchmal die Beatmungsgeräte ab oder die Ernährung ein, unternehmen also keine weiteren lebenserhaltenden Maßnahmen?

Rolf: Das kommt auf der Intensivstation vor. In vielen Fällen entscheiden wir, wie weit wir mit diesen doch sehr invasiven Maßnahmen vor dem Hintergrund der Gesamtsituation des Patienten gehen sollen. Die Ernährung wird selten eingestellt, aber eine Beatmung wird schon unterbrochen. Wir unternehmen auch eine Symptomkontrolle mit Mitteln und Dosisbereichen, mit denen wir in Kauf nehmen, dass jemand früher stirbt als ohne diese Maßnahmen. Das ist erlaubt und wird gemacht.

Vollmer-Kammigan: Ich glaube, es ist wichtig, dass wir das Sterben in dieser Form zulassen. Das ist für manche der richtige Weg.

Wir haben vor Jahren einen Hochschulprofessor gepflegt, der so schwer an Alzheimer erkrankt war, dass er einen Luftröhrenschnitt hatte und über eine Magensonde ernährt wurde. Er konnte sich kaum bewegen und so kaum am Leben teilnehmen. Er hatte eine Patientenverfügung, dass er so nicht enden wollte. Seine Frau hat uns gebeten, ihm das Sterben zu ermöglichen. Er wurde nicht mehr ernährt, bekam die bestmögliche Unterstützung und ist dann nach wenigen Wochen gestorben.

Ist das nicht auch eine Form von Sterbehilfe?

Rolf: Das ist eine Grauzone. Ich respektiere die Entscheidung eines Menschen, der sich umbringen möchte. Doch wenn der zu mir kommt und mich fragt, ob ich ihm die Pistole geben könnte, nichts anderes ist so ein tödliches Medikament, dann würde ich das verneinen.

Aber wenn er sie schon hat, würde ich nicht mit polizeilichen Mitteln eingreifen, um die Pistole wegzunehmen, und würde den Patienten dann auch alleine lassen.

Das dürfen Sie?

Rolf: Ja, ich bin nicht verpflichtet,
jemanden daran zu hindern, sich umzubringen. Ein Graubereich ist auch, wenn ich einem Patienten ein Medikament verschreibe und er sich mit der gesamten Dosis umbringt.

Was erwarten Sie von der Politik?

Rolf: Ich hoffe, dass die Regelung,wie sie jetzt besteht, bleibt. Dass die aktive Unterstützung eines Suizids keine ärztliche Aufgabe ist. Denn der existierende Graubereich, den wir besprochen haben, erlaubt ja schon viel.

Man muss verhindern, dass so eine Art Dammbruch passiert. Wenn man die Patientenautonomie völlig in den Vordergrund rückt und sagt, das muss jeder selbst entscheiden und der gehört dabei unterstützt, dann es wird schwerfallen, die Grenze zu ziehen. Denn ab welchem Grad der Erkrankung gehört der ärztliche Suizid unterstützt? Es müsste dann wieder eine Art Schiedsstelle geben, die entscheidet, und autonom ist man damit dann auch nicht.

Vollmer-Kammigan: Ich bin gegen eine weitere Liberalisierung. Ich wünsche mir sehr den weiteren Ausbau der Palliativmedizin und der Versorgung. Ich finde, dass wir die Bedingungen des Sterbens im Krankenhaus und Pflegeheim optimieren sollten.

Das Sterben im Krankenhaus wird nicht finanziert. Wir tun unsere Arbeit, weil wir sie wichtig finden, aber das wird nicht entlohnt.

Rolf: Wichtig ist zudem, dass wir uns auch im Krankenhaus vom Therapieplan lösen und zurückziehen im richtigen Moment. Den Menschen beobachten und das Sterben zulassen.


Eine Podiumsdiskussion mit Ärzten, Ethikern und Rechtsprofessoren zum Thema: „Entscheidung am Ende des Lebens – die aktuelle Debatte zum ärztlich assistierten Suizid“ findet statt am 6. Mai von 16.30-18.30 Uhr im Marienkrankenhaus. Dabei wird es auch um die Rechtslage in Deutschland gehen, welche Gesetzesentwürfe im Bundestag diskutiert werden und ob Sterbehilfe erlaubt sein sollte. Mitdiskutieren ist erwünscht.

Adresse: Katholisches Marienkrankenhaus, Alfredstraße 9, Haus 1, Eingang C, Lichtsaal. Der Eintritt ist frei, Anmeldung unter Tel. 25461263 oder info@marienkrankenhaus.org