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Der Mann, der Robert Redford traute

Es gehört sicher nicht zu den wichtigsten Ereignissen im Leben von Pastor Frank Engelbrecht, auf jeden Fall aber zu den ungewöhnlichsten: die Trauung von Hollywoodstar Robert Redford und der Hamburger Künstlerin Sibylle Szaggars 2009 im Hotel Louis Jacob. Viel könne er nicht darüber erzählen, sagt Engelbrecht, man habe damals Vertraulichkeit vereinbart.

Nur so viel: Er habe einige Jahre zuvor die Sterbebegleitung für den Vater von Sibylle Szaggars übernommen und später ihre Nichte getauft, erzählt der Pastor. Daran habe sich die Familie erinnert, als die Hochzeit ins Haus stand. Und als die Nichte angerufen habe, ob er das Paar trauen könne, habe er erst einmal gesagt: „Prinzipiell sehr gerne, aber ich möchte mich erst noch einmal mit meiner Frau darüber abstimmen“, sagt Engelbrecht lachend. Das vorgesehene Wochenende war eigentlich für die Familie verplant gewesen. Seine Frau Sunniva habe ihm allerdings unmissverständlich zu verstehen gegeben: „Robert Redford? Natürlich traust du die beiden!“

Frank Engelbrecht erzählt diese Episode bei einer Currywurst. Er liebt Currywurst. Immer dienstags, wenn ein Teil des Kircheninnenhofs zum Wochenmarkt wird, gönnt sich der 50-Jährige diesen scharfen Imbiss mit Pommes, Ketchup und Mayo. Während auf der Straße Katharinenkirchhof die Autos vorbeihasten, strömen aus umliegenden Büros die Angestellten heran. Rasch bilden sich vor den drei Verkaufswagen Schlangen – die vor dem Currywurststand ist die längste.

Engelbrecht ist Pastor der Katharinen-Gemeinde. Wir haben uns an einen Stehtisch gestellt. Rasch dreht das Gespräch sich um das, was Kirche heute ausmacht. „Ich verstehe uns als Anwalt des Lebens“, sagt Engelbrecht. „Nicht schnacken, sondern machen!“ Um zu veranschaulichen, was er meint, erzählt er von 1989. In der DDR habe die Kirche gezeigt, was sie leisten könne. „Sie hat sich nicht hinter moralischen Predigten versteckt, sondern die Kirchen aufgemacht und Kritikern des SED-Regimes einen Zufluchtsort geschaffen.“

Auch er wolle Menschen einen Raum bieten, „in dem sie lebendig werden können, weil sie sich hier engagieren“. Da seien beispielsweise die Rentnerinnen, die einmal in der Woche mit den Kindern der Kirchenkita Volkslieder singen. „Das ist auch eine Form von Altersvorsorge“, sagt Engelbrecht. „Die älteren Menschen bleiben jung und gestalten Gesellschaft mit.“

Der 50-Jährige versteht sich auf das klare Wort und verdeutlicht seine Aussagen gern mit praktischen Beispielen. Wie diesem: Das Leben, sagt er, sei von Glaubensentscheidungen durchdrungen. Das bedeute, Menschen müssen sich immer für oder gegen etwas entscheiden. „Die Kehrseite des Glaubens ist das Bekenntnis.“ Durch ein Bekenntnis schließe der Mensch etwas ab und bekomme Zeit und Kraft, etwas zu tun. „Eine Hochzeit beispielsweise“, sagt er. „Sie bedeutet: Ich schließe die Phase der Suche nach einer Partnerin oder einem Partner ab und habe jetzt die Zeit und die Kraft, mein Leben mit einem anderem Menschen zusammen zu gestalten.“

Seine Ehefrau Sunniva hat Frank Engelbrecht über eine Freundin aus Studienzeiten kennengelernt. „Viele denken, wenn sie den Namen hören, an den fernen Osten“, sagt er lächelnd. „Aber sie ist in Braunschweig geboren und erhielt ihren Namen nach einer norwegischen Heiligen.“ Drei Kinder haben die beiden. Seine Familie bezeichnet er als „großes Geschenk, weil sie mich auch tragen bei dem, was ich tue“. Das Private und seine Arbeit als Pastor gehörten zusammen wie zwei Seiten einer Medaille.

Dabei war Frank Engelbrecht anfangs gar nicht sicher, ob er wirklich Pastor werden wollte. „Ich habe mich zwar eigentlich immer für geistliche Themen interessiert, vielleicht auch, weil mein Großvater Pastor war.“ Das Theologiestudium habe er aus Lust angefangen. „Aber eines war mir zu Studienbeginn eigentlich klar: Als Pastor zu arbeiten, das ist nichts für mich.“

Sogar bei der Bewerbung auf die Ausbildung zum Vikar hatte er noch Zweifel. Um herauszufinden, welchen Weg er einschlagen soll, zog Engelbrecht 1994 für neun Monate nach Jerusalem. Das war das Jahr der Friedenshoffnung im Nahen Osten. Als Deutscher nach Israel zu gehen empfand der junge Theologe damals – 50 Jahre nach dem Holocaust – als Herausforderung.

„Doch in Israel habe ich wunderbare Freunde gefunden, für die erst der Mensch und dann die Nationalität eine Rolle spielten“, sagt Engelbrecht. Heute denkt er manchmal: „Nichts würde Adolf Hitler mehr ärgern, als das, was wir da gemacht haben: ein blauäugiger, blonder Deutscher sitzt mit jüdischen Freunden in Israel am Strand, sie albern herum, und am Ende seines Aufenthalts fährt er mit Tränen nach Hause, weil er so gern geblieben wäre.“

Zurück in Deutschland begann das Vikariat. Die Zweifel wurden geringer, auch weil Engelbrecht bei Beerdigungen seine Gabe verspürte, den Trauernden Trost zu spenden. Solche Momente, in denen man „Sprachlosigkeit überwinden und dem Tod Lebendigkeit abringen“ müsse, seien Schlüsselerlebnisse gewesen. „Ich begriff: Das ist ein Beruf, für den ich Talent habe.“

Frank Engelbrecht versteht sich als Macher. Der Alltag sei gelebte Religion, erzählt er. „Meine Aufgabe ist es, zu den Menschen zu gehen und mit ihnen für sie etwas zu machen.“ Es gehe ihm darum, sich als Pastor auf die Situation des Einzelnen einzulassen. „Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen können, dann muss die Kirche zu den Menschen gehen.“

Das war in der HafenCity, für die Engelbrecht zuständig ist, anfangs leichter gesagt als getan. „Als ich 2003 anfing, dort als Pastor zu arbeiten, wohnte da niemand. Es gab es nur das SAP-Haus. Als Nächstes kamen hochpreisige Wohnungen am Sandtorkai. Dann aber auch Genossenschaftswohnungen am Kaiserkai, die Schule, unsere St. Katharinen-Kita und Baugemeinschaften wie die Hafenliebe mit vielen Familien.“ Doch die Identität des Viertels blieb eine Aufgabe.

„Mit jedem neuen Gebäude merkten wir, dass wir in der HafenCity um die Zukunft der Stadt ringen“, erinnert er sich. Die Beteiligten fragten sich: „In was für einer Stadt wollen wir leben?“ Sollte die HafenCity ein Projekt von Hafenliebhabern und Touristen sein? Sind Wohnungen und Büroräume in erster Linie Renditeobjekte? Wie schlägt man Brücken zu den Nachbarstadtteilen? „Da spielt St. Katharinen eine wichtige Rolle: eines der ältesten Gebäude Hamburgs als Scharnier zwischen Rathaus und HafenCity“, sagt Engelbrecht. „Wir haben gezeigt, dass ein lebendiges Viertel nur wächst, wenn man die Menschen von Anfang an mit einbezieht.“ Es sei wie beim Anlegen von Gehwegen in einem Park. Am besten lasse man Menschen ein Jahr lang laufen „und baut die Wege dann dort, wo Trampelpfade entstanden.“

Mit seinem Freund Markus Riemann, der im Quartier den Klub.K führt, organisiert Frank Engelbrecht seit der WM 2010 in Südafrika Public Viewings in der Altstadt, die sogenannte WM im Fleet. Dazu gehört auch Straßenfußball, erst im Katharinenfleet, später im Überseequartier – mit Toren und Seitenbanden, die Kindern und Jugendlichen gebaut wurden.

„Als wir unser Straßenfußballfeld im Überseequartier abbauen mussten, haben Eltern angeregt, es auf eine Brachfläche in der HafenCity zu verlegen“, erzählt der Pastor. „Im letzten Jahr fingen zwei Väter von Kindern aus der St. Katharinen-Kita ehrenamtlich an, den Platz für Fußballtraining mit Kindern zu nutzen.“ Inzwischen zählt die „Trainingsgruppe“ mehr als 30 Kinder. Und es gibt eine weitere Gruppe.

„Da die Brache in Kürze bebaut wird, haben wir die Initiative ,Wir legen zusammen – für eine HafenCity mit Kick! Bolzplatz in der HafenCity‘ gegründet, mit der wir einen neuen Bolzplatz schaffen wollen.“ Bezirk, Stadt, Unternehmen und Nachbarn unterstützen das Projekt. „Mit geht es um Freiraum für Menschen, die sich engagieren“, sagt Frank Engelbrecht. Er will dieser Zivilgesellschaft helfen, auf Augenhöhe mit den Akteuren aus Politik und Wirtschaft zu kommen. „Im Kern berührt das die Frage, wie ich Stadt plane. Wenn es Freiräume gibt, entsteht menschliches Engagement.“

So hält Engelbrecht die Nähe zu den Menschen auch für den eigentlichen Kraftquell der evangelischen Kirche. „Ich verstehe mein Wirken darin, den Menschen Mut zu machen, selbst Verantwortung zu übernehmen.“ Dazu gehöre es, eigene Fehler zu akzeptieren. „Gott nimmt uns – auch – in unserem Wahnsinn an“, sagt Frank Engelbrecht. „Vergebung ist eine Grundessenz des Lebens.“ Allerdings kein Freibrief, fügt er hinzu. „Verzeihen heißt nicht ‚Schwamm drüber‘, sondern befreit und macht uns handlungsfähig, dass wir Dinge anders, besser machen.“