Von Mensch zu Mensch

Notker Wolf: Der Glaube ist ein Geschenk

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Abtprimas Notker Wolf ist einer der meistgelesenen Autoren heute. Aktuell hat er ein leidenschaftliches Buch für suchende Menschen geschrieben.

Als Notker Wolf in St. Ottilien sein silbernes Abtjubiläum feierte, überraschte der Benediktiner-Mönch viele Gäste an der E-Gitarre - mit einem Live-Auftritt seiner Rockband "Feedback". Sein neues Buch trägt den Titel "Schmetterlinge im Bauch" und ist erneut ein Plädoyer für eine immer neue und mutige Sicht auf die Dinge.

Abtprimas Notker Wolf, weltweit oberster Repräsentant der Benediktiner, ist sich sicher, dass der Glaube Flügel verleihen kann. Beim Glauben, schreibt er, gehe es "keineswegs nur um die Tatsache, dass man nach dem Tod in den Himmel kommt". Der Glaube mache jetzt reich, "mitten im Leben". Warum aber tun sich heutzutage viele so schwer mit dem Glauben?

"Wir sind auf die dreidimensionale Welt so fixiert, dass uns eine größere Dimension nicht plausibel sein will", sagt er. "Wir wollen Beweise. Glauben ist nicht Nicht-Wissen, blindes Für-wahr-Halten, sondern erwächst aus dem Vertrauen auf Menschen, in diesem Fall auf die Zeugen der Auferstehung."

Deshalb sei für die Christen Ostern der wichtigste Tag des Jahres. "Das Fest der Auferstehung Jesu schenkt uns die Hoffnung, dass wir im Glauben an den Auferstandenen Leid und Tod überwinden. Nicht Gewalt, Unheil und Kriege sind das letzte Wort Gottes zu seiner Schöpfung, sondern die Verwandlung in das Gute, in die Herrlichkeit der Auferstehung aus dem Tod, auch wenn wir uns das nicht bildlich vorstellen können. Es ist die Verheißung Jesu."

Um diese für vielleicht viele Menschen neue Erfahrung machen zu können, könne ein Blick in die Bibel sehr hilfreich sein. Notker Wolf zitiert eine Bibelstelle, die sich bei ihm festgesetzt hat: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet" (Matthäus 7,1). Er spricht von "massiven Worten" und "Lebensweisheiten. Wir können sie lesen, kauen, verdauen". Bei der Sinnsuche "brauche ich gar nicht um die halbe Welt zu rennen".

In seinem Amt tut er genau das. Rund 300 000 Kilometer legt der Benediktiner im Jahr zurück, um den ältesten Orden der Christenheit mit seinen rund 800 Klöstern sowie 7500 Mönchen und 17 000 Nonnen zu managen. Das Wort trifft es durchaus. Denn Notker Wolf ist kein weltfremder Kirchenmann, sondern ein streitbarer Mönch, der sich einmischt. Ein Manager in Kutte sozusagen, der in Interviews und Talkshows, Kolumnen und Büchern kein Blatt vor den Mund nimmt. Den Sozialstaat verglich er in einem "Stern"-Interview mit einem "Käfig der Bequemlichkeit", in dem "das Streben nach Arbeit und Leistung oft verhindert wird". Er plädiert für die Eigenverantwortung der Bürger und wettert gegen die "unsägliche Gleichheitsideologie". Auch den Managern liest er die Leviten, prangert eine reine Gewinnorientierung an. Wenn einer wie Jürgen Schrempp, "der bei Daimler-Chrysler Milliarden Euro und Tausende Arbeitsplätze verspielt hat", von manchen nur allzu gern hinter Gittern gesehen würde, "kann ich das nachempfinden".

Den Papst, der den Namen des Ordensgründers Benedikt angenommen hat, hält Notker Wolf zwar für "hochintelligent und politisch herrlich unkorrekt", er hat aber auch "den Eindruck, dass er dem Menschen misstraut, weil er ihn als potenziellen Sünder sieht, der sofort über die Schnur springt, wenn man ihm ein bisschen Freiheit lässt". Notker Wolf hält es lieber mit einem Wort seines Ordensgründers: "Die Sünde hassen, den Sünder lieben." Ihm geht es darum, "mit den liebenden Augen Gottes auf die Menschen zu schauen".

Deswegen reist er um die Welt, treibt den Klosterbau in China und Indien voran. Dank seiner Beharrlichkeit bauten die Benediktiner sogar im kommunistischen Nordkorea ein Krankenhaus. Und auch daheim widerstand er dem Druck der Behörden. Fünf Jahre lang hat der Abtprimas einer kurdischen Familie in seinem Heimatkloster St. Ottilien Asyl geboten, bevor die Flüchtlinge am Ende in ein sicheres Drittland ausreisen durften.

So versteht Notker Wolf das Leben im Glauben. "Er wird spürbar in der Liebe zu anderen Menschen", schreibt er, "er wird spürbar im Gebet füreinander sowie im liebevollen Begleiten." Der wortgewaltige Mönch, der sieben Sprachen fließend spricht und in 13 korrespondiert, wünscht der Kirche "mehr Pfeffer, mehr Feuer, mehr Mut". Ein Pfarrer müsse es zulassen, dass auch die Laien in der Gemeinde mitarbeiten.

Was rät er Menschen, die gerne glauben würden, aber es nicht schaffen? "Theoretische Auseinandersetzungen werden es nicht bringen", sagt Notker Wolf, der selbst auch "immer wieder Phasen der Unsicherheit" hat. Der Mensch solle vertrauen lernen und selbstlos lieben, wie Gott es tut. Glaube, sagt er, könne nicht erzwungen werden. "Er ist ein Geschenk."