Mit älteren Menschen auf Spurensuche gehen

Biografiewerkstatt Farmsen-Berne brachte neues Buch heraus

An Kaiser Wilhelm, den II., kann sie sich noch erinnern, und vor allem an die Aufregung, die sein Besuch in Hamburg verursachte. "Wir hatten uns mit vielen anderen Leuten am Dammtor eingefunden und standen Spalier, um ihn sehen zu können, wenn er an uns vorüberfuhr - ein Ereignis, das aus dem Rahmen fiel", erzählte die 100-jährige Hamburgerin Frida Roß ihrer Interviewerin Erika Burger von der Biografiewerkstatt Farmsen-Berne. Es ist eine von vielen Begebenheiten aus ihrem langen wechselvollen Leben.

Nachzulesen ist ihre Lebensgeschichte neben 13 weiteren Biografien in dem Buch "Spuren des Lebens". Es entstand als Gemeinschaftsarbeit der Biografiewerkstatt der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Farmsen-Berne und des Kirchenkreises Stormarn. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Biografiewerkstatt haben Menschen zwischen 81 und 107 Jahren zu ihren Lebenswegen befragt und diese aufgezeichnet. Herausgekommen sind beeindruckende Einblicke in die Biografien von Zeitzeugen des vergangenen Jahrhunderts. "Spuren des Lebens" ist bereits der zweite Band mit Lebenserinnerungen von Menschen ab 80 Jahren. Ein drittes Buch ist in Arbeit.

"Das Projekt entstand als eine neue Form der generationsübergreifenden Seniorenarbeit in der Kirchengemeinde Farmsen-Berne", erzählt Antje Klemz, 67, die seit ihrem Ruhestand in der Biografiewerkstatt mitarbeitet. Hier haben sich 15 Frauen und Männer zwischen 22 und 74 Jahren zusammengetan, die sich für die Lebensspuren der älteren Menschen interessieren, bereit sind, ihnen zuzuhören, ihre Geschichten aufzuschreiben und zu veröffentlichen und so "das Leben älterer Menschen zu würdigen", sagt Pastorin Friederike Waack. Sie leitete das Projekt von 2004 bis zum vergangenen Jahr. Die Interviewer erhielten eine Einführung in die Biografiearbeit, und es bildete sich eine Redaktion mit weiteren Freiwilligen, darunter eine junge Designerin, die das Layout für die Bücher übernahm. Inzwischen läuft das Projekt selbstständig und bereichert die Befragten wie auch die Fragenden.

"Es ist eindrucksvoll mit Menschen zu sprechen, die das, was für uns Historie ist, selbst miterlebt haben", sagt Antje Klemz. Und Frida Roß stellte nach ihrem Interview fest: "Für mich ist es eine Befreiung, alles was ich in meinem Leben erlebt habe, einmal zu erzählen. Nun steht es da schwarz auf weiß, und meine Nachkommen können es nachlesen, wenn ich nicht mehr bin."

Spuren des Lebens, 229 Seiten, 16,50 Euro, ISBN-978-3-00-029675-8. Zu beziehen über Telefon: 040/643 81 81 oder E-Mail: JVierle@t-online.de , weitere Infos: www.kirche-in-farbe.de