Das Winternotprogramm der Stadt bringt Hilfe

Das Leben hat es nie gut mit Andreas P. gemeint

Vom Stiefvater misshandelt, aufgewachsen in Heimen, traf ihn das Schicksal erneut hart. Ein Verkehrsunfall nahm ihm Frau und Kind. Der 40-Jährige sucht einen Neuanfang.

Die Angst, wieder auf der Straße zu landen, steht Andreas P. ins Gesicht geschrieben. Mit zittrigen Händen umklammert er die Tasse heißen Tee, die ihm die Mitarbeiterin der Bahnhofsmission reicht. "Mein Vermieter hat seine Drohung wahr gemacht und Eigenbedarf angemeldet, ich weiß nicht wohin." Schon einmal habe er "Platte machen" müssen, erzählt der Vierzigjährige, der älter aussieht, als er ist. Ein Rettungsanker ist für ihn und viele der 1029 Obdachlosen in Hamburg die Bahnhofsmission, die 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr geöffnet hat. "Es tut gut, einen Platz zu haben, wo man sich aufwärmen, einfach mal reden kann, ohne dass man schief angesehen wird", meint Andreas, dem es schwer zu schaffen macht, wieder auf der Straße leben zu müssen.

Gemeinsam mit anderen Männern und auch Frauen wartet Andreas auf den kostenlosen Bus zur Unterkunft Sportallee. "Wir vermitteln Übernachtungsplätze, die im Pik As, in Wohncontainern oder im Haus Sportallee kostenlos zur Verfügung stehen, im Rahmen des Winternotprogramms, das von der Sozialbehörde finanziert wird, wurden die Schlafplätze sogar aufgestockt, sodass keiner draußen schlafen muss", erklärt Diakonin Claudia Rackwitz-Busse. Trotz Annehmlichkeiten wie Essen, Trinken, Fernsehraum, Duschen, soziale Beratung und die Unterstützung bei behördlichen Angelegenheiten, gehört Andreas zu denjenigen, die nur dann in eines der Obdachlosenhäuser gehen, wenn eines der begehrten Einzelzimmer frei ist. Heute hat er Glück.

Aber er erzählt stockend von eiskalten Nächten, die er unter Brücken schlief. Lieber "Hotel zur Pappe" als in einem Mehrbettzimmer, bekennt der Mann, der fast seine gesamte Kindheit im Heim verbrachte. "Seit dem Tag, an dem ich im Krankenhaus aus dem Koma erwachte." Andreas schüttelt es: "Mein Stiefvater hat mich misshandelt, einmal hat er mich mit dem Kopf gegen die Wand geschleudert. Daraufhin kam ich ins Heim, aber viel besser ging es mir da auch nicht." Über seine Erlebnisse will er nicht sprechen, nur so viel: "Ich wollte immer nur raus."

Andreas wurde Tierpfleger, "mit Menschen wollte ich nichts mehr zu tun haben". Zuerst, bis er seine Frau kennen lernte. Mit der Geburt seiner Tochter schien das Glück perfekt. Bis zu dem Tag, als seine Frau und Tochter bei einem Autounfall ums Leben kamen.

Für Andreas brach eine Welt zusammen. Depressionen kamen. Er verlor seinen Job, dann seine Wohnung. Anfangs übernachtete er bei Kumpels, selten in einem der Wohncontainer, nie in einem der verhassten "Massenunterkünfte". Durch Eigeninitiative fand er eine Wohnung, dachte, es geht bergauf. Aber seit der Kündigung durch den Vermieter, macht er erneut "Platte" und schlägt sich mit 350 Euro Stütze durch. Von den Behörden fühlt er sich im Stich gelassen. "Nicht nur ich bin enttäuscht." Elli R., geschieden, arbeitslos, bestätigt das. Sie sucht schon lange dringend ein Zimmer. "Aber für mich allein", fleht die 32-Jährige. Auch sie wartet auf den Bus zur Unterkunft, draußen schlafen kommt nicht infrage. "Das ist für uns zu gefährlich", erklärt Roswitha T. , die seit zehn Jahren obdachlos ist. "Wir bemühen uns ja", sagt Andreas, "aber immer wieder machen es einem die Umstände unmöglich. Hätte ich einen Job, hätte ich eine Wohnung, so einfach ist das", glaubt der Obdachlose, den die Anstrengungen nach einem normalen Leben schwer gezeichnet haben.

Timo Spiewak, Pressesprecher der Caritas, sieht ein Hauptproblem darin, dass es zu wenige bezahlbare Wohnungen gibt. Und: Wer lange kein Dach über dem Kopf hatte, packt es oft ohne Hilfe nicht, wieder in den eigenen vier Wänden zu leben. Die meisten Vermieter befürchten Verwahrlosung. Spiewaks Vorschlag: "Wenn die städtischen Genossenschaften für mehr Wohnraum sorgen, garantieren wir für Betreuungspersonal." Zum Einsatz könnten Ehrenamtliche kommen, die von den Hilfsorganisationen für diese Aufgabe ausgebildet werden. "Vielleicht habe ja auch ich noch einmal Glück", sagt Andreas bitter.