Körber-Stiftung: Beispielgebendes Projekt

Sergiy reißt Jugendliche aus Lethargie und Langeweile

In seinem "Elektrotechnischen Studio" begeistert der Ingenieur Schüler nicht nur für technisches Wissen, er schenkt ihnen auch Geborgenheit. Für sein Engagement wurde er ausgezeichnet.

Alles hat damit begonnen, dass Sergiy Khavkin Jugendliche in Bergedorf auf der Straße beobachtet hat, die sich dort herumdrückten - zu einem Zeitpunkt, an dem sie eigentlich in der Schule sein sollten. Angesprochen habe er sie, nachgefragt, so erklärte er in seiner ruhigen Art. Die Antworten der Jugendlichen haben ihm nicht gefallen. Spontan beschloss er, ihnen zu helfen. Das war der erste Schritt zu seinem "Elektrotechnischen Studio".

Mit diesem Angebot zählt Sergiy Khavkin zu den 66 Gewinnern von "Anstiften! 50 Impulse für Hamburg" der Körber-Stiftung und konnte sich somit unter 1070 Bewerbungen durchsetzen.

Sergiy Khavkin ist selbstständiger Elektrotechniker. Vor 13 Jahren kam er aus der Ukraine nach Deutschland. Heute lebt er mit seiner Familie in einem kleinen Haus in Bergedorf.

Im Erdgeschoss sind jetzt zwei Räume den Jugendlichen vorbehalten: einer für die praktische Arbeit und einer für den theoretischen Unterricht. Die Einrichtung stammt aus Schulauflösungen, und so passt kaum ein Tisch zum anderen. Doch alles ist perfekt aufgeräumt und blitzsauber.

In diesem "Studio" bietet er nachmittags Kurse für Jugendliche an, die fast alle einen Migrationshintergrund haben. Jeder Kursus dauert acht Monate mit 32 Terminen zu zwei Unterrichtsstunden, es gibt vier Termine pro Monat. Svitlana, seine Frau, kocht dann für alle und sorgt neben der korrekten Strenge ihres Mannes für die familiäre Wärme, die viele Jugendliche zu Hause leider vermissen müssen. Damit trägt sie ebenso dazu bei, dass die Jugendlichen keine Stunde ausfallen lassen und sehr gern kommen. Denn sie spüren: Hier sind sie willkommen, haben genau die richtige Mischung aus Wissensvermittlung, Experimentierraum und Geborgenheit gefunden.

"Das Letzte, was ich gemacht habe, ist eine Taschenlampe", erklärt ein pakistanischer Junge und ergänzt stolz: "Die habe ich immer dabei." Er kramt in seiner Hosentasche und zeigt sie stolz herum.

Alle Jungen sind sich einig: "Es ist so toll hier, man kann ihn einfach mit seinem Namen, Sergiy, ansprechen, so wie einen Freund. Er bringt uns alles bei und es macht richtigen Spaß bei ihm."

Khavkin will in Zukunft auch Kurse für Mädchen anbieten. "Ich weiß noch nicht warum, aber Mädchen sind oft konzentrierter, genauer und dauerhaft bei der Sache."

Die Jugendlichen lernen in seinem "Studio" nicht nur Theorie und praktische Fertigkeiten auf dem Gebiet der Elektrotechnik, sondern erwerben und stärken auch ihre soziale Kompetenz. Dazu gehören Teamarbeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Verantwortung und Ordnung. Das alles stärkt ihr Selbstvertrauen. Zudem hilft ihnen dieses Projekt bei der Berufsorientierung, verbessert ihre Chancen beim Übergang ins Arbeitsleben und erhöht ihre Akzeptanz in den Ausbildungsbetrieben.

Solch ein vorbildliches Engagement hat sich Stifter Kurt A. Körber sein Leben lang gewünscht: Verantwortung zeigen, Neues wagen, zusammenarbeiten und Perspektiven eröffnen.

Anlässlich des 100. Geburtstages des erfolgreichen Unternehmers Kurt A. Körber brachte seine Stiftung die ungewöhnliche Initiative "Anstiften! 50 Impulse für Hamburg" auf den Weg - das sind gemeinnützige zukunftsweisende Projekte und ihre Paten: Hamburger Unternehmen.

In diesem Rahmen erhielt Sergiy Khavkin für sein Projekt sowohl von der Körber-Stiftung als auch von der Siemens AG jeweils 5000 Euro - mit dem Ziel: dass es nicht bei der finanziellen Unterstützung bleibt, sondern, dass das "Elektrotechnische Studio" wie alle anderen Projekte mit ihren Paten-Unternehmen in Kontakt bleiben und nachhaltig zusammenarbeiten.

"Sie alle werden viel bewegen, da bin ich sicher. Und es sind diese engagierten Menschen, die den Erfolg von 'Anstiften' ausmachen", sagt Christian Wriedt, Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung.

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