Abgeschult - und wohin dann?

Im Schuljahr 2009/2010 mussten 400 Kinder das Gymnasium nach Klasse 6 verlassen. In den Stadtteilschulen finden sie kaum Platz

Hamburg. An die Sommerferien 2009 in Kroatien hat Sina keine guten Erinnerungen. Statt an Sonne und Sand am Mittelmeer denkt das 13-jährige Mädchen an schlaflose Nächte, Angst und Tränen zurück. Kurz vor Schuljahresende hatte die damalige Sechstklässlerin erfahren, dass sie das Gymnasium in Stellingen, das sie zwei Jahre lang besucht hatte, verlassen musste. "Ich war total geschockt", sagt Sina heute. Ich konnte gar nicht begreifen, dass es aus war. Ich habe sehr viel geweint."

Sinas Tränen sollten noch ein paar Wochen weiterkullern. Was die Familie vorher nicht wusste: Die Tochter konnte sich die künftige Stadtteilschule - damals noch Real- oder Gesamtschule - nicht aussuchen. Die Verteilerkonferenz in der Schulbehörde weist Schülern nach der Abschulung vom Gymnasium die Schulplätze zu.

Das Kriterium dabei ist nicht die Nähe zum Wohnort, sondern es sind die verfügbaren Schulplätze. Und die sind in Hamburg knapp. Im vergangenen Jahr war die Platznot an den Stadtteilschulen so groß, dass in Eppendorf zwei Container für abgeschulte Gymnasiasten aus dem ganzen Hamburger Stadtgebiet aufgestellt wurden.

"Wir durften drei Wunschschulen angeben", sagt Sinas Mutter. "Aber dann hieß es gleich, diese Schulen seien voll, wir müssten dorthin, wo Platz ist. Das hätte auch am anderen Ende der Stadt sein können." "Ich hatte Angst, weil ich keine Ahnung hatte, wie und wo es mit mir weitergeht", sagt Sina.

Ähnlich ging es allein im Schuljahr 2009/2010 laut Schulbehörde knapp 400 Schülern in der Hansestadt. In anderen Jahren waren es schon an die 1000, die nach der fünften oder nach der sechsten Klasse das Gymnasium verlassen mussten. Das Gremium, das die endgültige Entscheidung trifft, ist die jeweilige Zeugniskonferenz zum Schuljahresabschluss von Klasse 6. Sie stellt fest, welche Kinder die Voraussetzungen für den Übergang von Klasse 6 zu Klasse 7 erfüllen. "Ist nicht zu erwarten, dass der Schüler den Anforderungen des achtjährigen gymnasialen Bildungsgangs gewachsen sein wird, wechselt er in die Jahrgangsschule 7 der Stadtteilschule", heißt es im Schulgesetz. Für die Kinder kommt die sogenannte Abschulung einer Totalversager-Bescheinigung gleich.

Kay Rudolph, Abteilungsleiter für die Klassen 5 bis 7 an der Stadtteilschule Eppendorf, kennt das Dilemma. "Es bedrückt mich sehr, dass sich so viele Kinder in Hamburg als Versager fühlen, wenn sie das Gymnasium verlassen müssen. Der Lehrer erlebt das Jahr für Jahr, wenn Kinder wie Sina Anfang des siebten Schuljahres - unfreiwillig - an seine Schule kommen. "Es ist ein Verbrechen an den Kindern", sagt Kay Rudolph. Schuld sei das System. Nichts gegen das Elternwahlrecht, sagt Rudolph, "aber wer wünscht, dass die Eltern nach Klasse 4 die Schulform für ihre Kinder wählen dürfen, muss akzeptieren, dass es Opfer gibt". Es gebe leider zu viele Eltern, die es mit ihren Kindern auf dem Gymnasium "mal versuchen" wollten.

"Und wenn sie dann erfahren, dass Sohn oder Tochter das Gymnasium verlassen müssen und keinen Schulplatz in der Nähe bekommen, sind sie entrüstet", sagt Peter Abrecht, Vorsitzender der Elternkammer Hamburg. Der Wunsch, dass tatsächlich nur noch Schüler zum Gymnasium gehen, die es auch schaffen, ist aus Sicht der Elternkammer unabhängig vom Elternwahlrecht unerfüllbar. "Es ist nicht möglich, in Klasse 4 eine verlässliche Prognose abzugeben. Dass wir noch immer mit dem Problem Abschulung kämpfen, ist auch eine Folge des Volksentscheids gegen die sechsjährige Primarschule."

Das Dilemma zu lösen sei ein Auftrag an die Politik. Wenn klar sei, dass jährlich zwischen 500 und 1000 Kinder vom Gymnasium abgeschult würden, müsse ausreichend Platz an Stadtteilschulen geschaffen werden. "Hier ist auch die Schulbau Hamburg gefragt."

Zudem hätten zu viele Eltern Vorbehalte gegen die Stadtteilschule, die immer noch als Haupt- und Realschule verstanden werde. "Der Ruf einer Schulform ändert sich nicht, nur weil man das Label ändert", sagt Albrecht. "Die Eltern müssen erst mal verinnerlichen, dass die Stadtteilschulen auch zum Abitur führen."

Sina geht heute in die achte Klasse der Stadtteilschule Eppendorf. "Ich fühle mich hier sehr gut", sagt das Mädchen. "Ich habe tolle Lehrer und bin in den Hauptfächern in allen Einserkursen. Das ist Gymnasialniveau. Ich bin happy." Hätte sie heute die Wahl - sie würde sich gegen das Gymnasium und für die Stadtteilschule entscheiden. "Hier lerne ich mehr und besser."

Auch Sinas Mutter ist glücklich mit der Schulsituation der Tochter. "Ich kann Eltern nur raten, sich frühzeitig um einen Platz an einer Stadtteilschule zu kümmern, sobald es Hinweise darauf gibt, dass das Kind es am Gymnasium nicht schafft. Das erspart einen Schock und viel Kummer."

Ein Indiz ist das Halbjahreszeugnis in Klasse 6, das vor einer guten Woche ausgeteilt wurde. Ein Schulwechsel ist auch während des Schuljahres möglich. Dafür reicht ein formloser Antrag an die Schulbehörde. Die Garantie auf den Platz an der Wunschschule gibt es auch dann nicht, aber der Übergang ist dann freundlicher für die Kinderseele.