Integration

Besuch in der türkischen Schule Hamburgs

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Hanna-Lotte Mikuteit

Foto: Marcelo Hernandez

Am Alsterring-Gymnasium lernen 44 Schüler nach dem Hamburger Lehrplan. Gesprochen wird Deutsch.

Sie heißen Sakir, Elif, Merve, Mete und Cem. In Reihen sitzen die Sechstklässler in ihren Bänken, den Blick Richtung Tafel. Gerade haben sie eine Klassenarbeit geschrieben, gleich klingelt es zur Pause. Auf den ersten Blick eine ganz normale sechste Klasse. Aber die 22 Jungen und Mädchen haben eine Gemeinsamkeit: Alle stammen aus türkischen Familien. Das Alsterring-Gymnasium ist eine von dem türkischen Nachhilfe-Verein Alsterbildungsring gegründete Ganztagsschule. "Unser Ziel ist, Schüler mit Migrationshintergrund besser zu fördern", sagt Schulleiter Karsten Heyde (68).

Und damit ist die kleine Privatschule in Barmbek unversehens im Brennpunkt einer politischen Debatte. Seit Tagen tobt der Deutungskampf um die Forderung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan nach mehr türkischen Gymnasien in Deutschland. Nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel das Ansinnen zunächst zurückgewiesen hatte, ruderte sie während ihres Besuchs in Ankara zurück - solange die Spezialschulen nicht dazu führten, dass türkische Kinder kein Deutsch lernten. "Das ist genau, was wir hier machen", sagt die Geschäftsführerin des Alsterring-Gymnasiums, Gamze Casu (36), und sieht die Schule in einer Vorbildfunktion.

Die Idee für das Gymnasium war vor etwa vier Jahren im Alsterbildungsring entstanden. "Viele türkische Eltern haben kein Vertrauen in das deutsche Schulsystem", sagt Geschäftsführerin Casu. Das Potenzial der Kinder werde oft nicht erkannt oder gefördert. Dazu kämen die sprachlichen Schwierigkeiten. 2008 ging die Schule an den Start, unterstützt vom Verein türkischer Kaufleute "Hamle". Hamburg ist kein Einzelfall, auch in Hannover, Berlin und Stuttgart gibt es türkische Schulen. Casu: "Wir wollen unseren Kindern eine bessere Perspektive geben."

Mete (12) aus Blankenese fährt jeden Morgen eine Stunde zur Schule, Enes (13) wohnt in Finkenwerder und braucht sogar anderthalb Stunden. "Für mich ist es gut hier. Ich bin viel besser geworden", sagt der Sechstklässler. Ganz selbstverständlich trägt der Jugendliche die dunkelblaue Schulkleidung. So wie alle anderen. Auch Merve (12) ist von einem anderen Gymnasium hierher gewechselt. "Da haben mich die anderen immer geärgert, weil ich dick bin und ein Kopftuch trage", sagt sie. "Hier geht es mir besser." Andere, wie Elif (13) und Aysche (11), sehen die Sache kritischer: "Wir sind hier schon sehr unter uns."

Dabei will die Privatschule sich ausdrücklich nicht als "türkisches Gymnasium" verstanden wissen. "Wir sind eine normale Schule in Hamburg, keine Migrantenschule", sagt der pädagogische Berater Suat Aytekin, selbst Lehrer an der Schnelsener Julius-Leber-Gesamtschule. Gesprochen wird nicht Türkisch, sondern Deutsch. Es gibt keinen Islam-Unterricht, sondern Ethik nach dem Hamburger Rahmenplan. Einmal in der Woche können die Schüler eine Türkisch-AG besuchen. Geboten werden kleine Klassen und individuelle Förderung. Soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit werden in einem eigenen Fach unterstützt. "Weiterer Schwerpunkt ist die Lesekompetenzförderung", sagt Schulleiter Heyde.

Derzeit besuchen 44 Jungen und Mädchen die Schule - alle mit türkischen Wurzeln. Es gibt eine fünfte und eine sechste Klasse. Ziel ist, auch Kinder anderer Nationalitäten aufzunehmen. 250 Euro Schulgeld bezahlen die Eltern im Monat - inklusive Nachmittagsbetreuung und Mittagstisch. Der Speiseplan ist national: gekocht wird türkisch.

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