Die Schulsenatorin diskutiert mit Bernhard Bueb

Unerwarteter Rückenwind für Goetsch

Der ehemalige Leiter des Internats Salem sieht viel Positives in der Schulreform, ist aber gegen die Primarschule.

Alles sah nach dem Aufeinanderprallen zweier politischer Welten aus: hier Christa Goetsch, reformfreudige Schulsenatorin mit grünem Parteibuch, dort Bernhard Bueb, früherer Leiter des Salemer Internats und Pädagoge mit konservativem Profil. Doch wer meinte, alle Argumente der beiden Protagonisten bei der "Zeit"-Matinee in den Kammerspielen schon zu kennen, der wurde überrascht.

"Wenn Sie schon eine Reform machen, dann konsequent mit neun Jahren gemeinsamen Lernens. Sechs Jahre sind ein schlechter Kompromiss", riet Bueb seiner Gesprächspartnerin. Bueb ein Vertreter der Schule für alle? Auch Moderator und "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe war verblüfft. "Hat irgendjemand behauptet, dass Bernhard Bueb ein Konservativer ist?", fragte er schelmisch in die Runde. Bemerkenswert war die Reaktion von Christa Goetsch auf Buebs Ratschlag. "Wenn wir das in Hamburg machen würden, hätten wir hier einen Bürgerkrieg", sagte die vom Protest gegen die Primarschule geplagte Senatorin.

Ganz so ernst war es Bueb denn auch nicht mit seinem Vorschlag. "Jede Änderung der Schulstruktur löst in Deutschland immer Glaubenskriege aus", sagte der Pädagoge. Pragmatische Lösungen seien in diesem Punkt hier nicht möglich, weswegen man am besten gleich die Finger davon lasse. "In Baden-Württemberg lohnt es sich eher, sich für die Aufhebung der Schwerkraft einzusetzen als für die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems", sagte der Baden-Württemberger Bueb. Dabei erwies sich der Publizist, der mit "Lob der Disziplin" und "Von der Pflicht zu führen" Bestseller geschrieben hat, auch hier als fortschrittlicher als erwartet. Ausdrücklich lobte er das Hamburger Zwei-Säulen-Modell aus Stadtteilschule und Gymnasium.

Christa Goetsch hatte schon zu Beginn der Diskussion unter dem Motto "Klassen-Kampf in Hamburg" vermutet, dass die Kontroversen zwischen Bueb und ihr "gar nicht so groß" sein würden. Und tatsächlich: Ob individualisierter Unterricht, Ganztagsschul-Pädagogik oder ein neues Bild des Lehrers als Lernbegleiter statt "Pauker" - hier waren sich die beiden Pädagogen einig.

Engagiert wie stets verteidigte Goetsch die Primarschulreform. "Deutschland ist mit der Trennung nach Klasse vier in Europa die Ausnahme", so die Senatorin. In den fünften und sechsten Klassen gebe es derzeit zu wenig Lernzuwachs. "Und wir haben hohe Rückläuferquoten", sagte Goetsch. Gemeint sind Kinder, die wegen schlechter Noten das Gymnasium wieder verlassen müssen. Die Prognose für den weiteren Schulweg sei im Übrigen nach Klasse sechs sicherer als nach Klasse vier.

Neu ist ein selbstkritischer Ton bei Goetsch: Die Informationen über die Reform seien "vor Ort nicht ausreichend angekommen". Den Reformgegnern der Initiative "Wir wollen lernen" attestierte die GAL-Politikerin eine "höchst professionelle Kampagne, die mit zum Teil höchst schlichten Argumenten emotionalisiert" habe. Für die Reformbefürworter laute die zentrale Frage: "Wie gewinnen wir die Herzen der Menschen?" Die Antwort steht noch aus.

Bueb würde statt der großen Strukturreform lieber den Lehrer in den Blickpunkt rücken. "Der deutsche Lehrer hat zu wenig Zeit für Bildungsaufgaben", so Bueb. Der Pädagoge selbst wäre auf dem Gymnasium, auf das er ohne Empfehlung und nur durch eine Namensverwechslung gekommen war, beinahe gescheitert. Erst in der 8. Klasse habe eine Lehrerin seine Talente erkannt und ihn gefördert.

Christa Goetsch will beides - modernen Unterricht und längeres gemeinsames Lernen. Bei aller freundlichen Zurückhaltung, die Bueb auszeichnet, in einem wurde er doch sehr deutlich. "Die Stadt übernimmt sich mit der Primarschulreform. Die soll in kürzester Zeit durchgesetzt werden, das kann nur schiefgehen", sagte Bueb. Ein Scheitern der Reform sei aber für Schwarz-Grün nicht schlimm. "Der Senat wird einen klugen neuen Weg finden. Ein Grund für Rücktritte ist das nicht", sagte Bueb. "Politik heißt, mit Vernunft das Mögliche zu tun und nicht Ideen auf Teufel komm raus durchzusetzen."

Auf Gedankenspiele, was im Falle einer Niederlage beim Volksentscheid wäre, ließ sich Goetsch nicht ein. "Ich gehe davon aus, dass wir gewinnen", sagte die Senatorin.