Studienrätin Karin Brose im Abendblatt

Spagat zwischen Lehrplan und Sozialarbeit

Im Klassenraum treffen verschiedenen Welten aufeinander. Dennoch soll das Miteinander effizient und gewaltfrei ablaufen.

Hamburg. Nicht nur in der U-Bahn treffen die verschiedenen Welten unserer Stadt aufeinander. Nicht nur in sozialen Brennpunkten sitzen in den Klassen Kinder aller Schichten. Niemand kann sich seine Mitschüler aussuchen. Auch der Lehrer hat keine Wahl. Eine Zwangsgemeinschaft. Dennoch wird erwartet, dass das Miteinander in der Schule nicht nur gewaltfrei, sondern auch höchst effizient abläuft.

Lehrer kommen selten aus bildungsfernen Familien. Der Zusammenhang zwischen Wissen, Bildung und Erfolg ist ihnen von klein auf bewusst gemacht worden. Sie treffen in der Schule auf Kinder, die sich zum Teil bestenfalls an Soaps oder in Chatrooms orientieren. Andere suchen sich Ersatzfamilien in Form von "Kollegen" auf der Straße. Dass Lernen wichtig ist, durchschauen sie nicht. Auf die Mitarbeit der Elternhäuser können viele Lehrer nicht zählen. Manche kümmern sich nicht, andere sind ihren Kindern schon lange unterlegen. Es genügt, wenn in einer Schulklasse drei Kinder aus solchen Familien sitzen, um täglich den Unterricht zu stören oder in manchen Stunden ganz unmöglich zu machen. Lehrer müssen aufarbeiten, was ihre Schüler erleben oder mit sich herumtragen. Allein Probleme nachzuvollziehen ist nicht immer einfach, wenn die Kinder und Jugendlichen in einer ganz anderen Welt leben. Die richtigen Lösungen zu finden gerät manchmal zur Glückssache.

Auch erfahrene Lehrkräfte stoßen immer wieder an ihre Grenzen. Der Spagat zwischen Lehrplanerfüllung und Sozialarbeit schmerzt. Die ständig wachsenden Anforderungen der Schulbehörde an die Lehrer stehen in keinem vernünftigen Verhältnis zu den Hilfsangeboten, die wir heute in unseren Schulen bräuchten.

Wenn in siebten Klassen 25 Schüler sitzen, von denen einige kaum beschulbar sind oder mehr als 50 Prozent einen Migrationshintergrund haben, reicht es nicht, den Lehrer in "Binnendifferenzierung" zu schulen. Hier braucht es ausreichend Lehrerstunden für Unterstützungs- und Fördermaßnahmen. Wie will ich ein Kind individuell fördern, ihm nach seinem Stand Wissen vermitteln, wenn dieses Kind übermüdet oder hungrig ist? Wie will ich ein Kind erreichen, das zu Hause keiner wahrnimmt oder das geprügelt wird? Wie will ich ein Kind motivieren, das gar nicht lernen will? Wie kann ich dem Migrantenkind, in dessen Familie nicht Deutsch gesprochen wird, die gleichen Chancen versprechen wie den anderen Kindern, wenn für die 500 Schüler seiner Schule ganze sechs Stunden Sprachförderung pro Woche zur Verfügung stehen?

Integration ist ein großes Ziel. Sie klappt nicht ohne Einsatz ausreichender Ressourcen. Wenn in Hamburg jetzt ehemalige Haupt- und Realschüler gemeinsam unterrichtet werden, wenn in Zukunft auch Förderschüler in diese Klassen gehen sollen, muss nicht nur die Ausstattung der Schulen verbessert werden. "Stadtteilschule" heißt das Heil versprechende Modell der Zukunft. Hier sollen alle Schüler die besten Chancen auf Lernerfolg bekommen, manche sogar das Abitur. Damit eine solche Schulform, die von mehr als 50 Prozent der Hamburger Kinder besucht wird, erfolgreich arbeiten kann, bedarf es einer Bewusstseinsänderung der zuständigen Entscheider.

Sie müssen verstärkt Energie und Sorgfalt in die Entwicklung dieser neuen Schulform stecken. Das Lehrerarbeitszeitmodell muss gerechter werden. Die Aussage der Schulsenatorin, kein Lehrer solle über 30 Stunden unterrichten, ist wenig hilfreich, wenn man die Belastungen an diesen Schulen kennt. Ältere Lehrer brauchen - wie in allen anderen Bundesländern - ab 50 eine stufenweise Altersentlastung. Sozialarbeiter müssen auch in Schulen eingesetzt werden. Der schulärztliche Dienst muss vor Ort sein. Schulpsychologen müssen die Lehrer in den Schulen unterstützen. Lange Dienstwege sind eine Gefahr.

Erhöhte Polizeipräsenz könnte die Anzahl der Gewalttaten in U-Bahnen verringern. Mehr und weniger belastete Lehrer in den Schulen könnten verhindern, dass aus Schülern Gewalttäter oder Opfer werden.

Karin Brose unterrichtet an der Haupt- und Realschule Hamburg-Sinstorf.