Polizei Hamburg

Maskenstreit eskaliert – Schüsse ins Gesicht

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Andrè Zand-Vakili
Nach den Schüssen aus einer Gaspistole sucht die Polizei nach Spuren.

Nach den Schüssen aus einer Gaspistole sucht die Polizei nach Spuren.

Foto: Michael Arning

Täter waren wegen fehlendem Atemschutz an der Tür eines Kulturvereins abgewiesen worden. Darüber gibt es immer wieder Streit.

Hamburg. Sie trugen keine Maske, sollten draußen bleiben – da verloren sie die Nerven: Aus Rache für einen verwehrten Zutritt in einen Kulturverein wegen einer fehlenden medizinischen Maske ist an der Kelloggstraße auf einen 26 Jahre alten Mann geschossen worden. Die Täter flüchteten. Das Opfer kam ins Krankenhaus.

Bei der Waffe handelte es sich offenbar um eine Gaspistole. Die Polizei ermittelt. In der Vergangenheit war es in Hamburg bereits mehrfach vorgekommen, dass es wegen fehlender Masken oder anderer Coronamaßnahmen zu Auseinandersetzungen kam.

Schüsse ins Gesicht: Zwei Männer sind tatverdächtig

Es war eine offenbar gezielte Aktion, der der 26-Jährige am Mittwochabend zum Opfer fiel. Als er um kurz vor 21 Uhr mit seinem Fahrzeug durch die Kelloggstraße fuhr, blinkte ein hinter ihm fahrender Mercedes mehrfach auf und brachte ihn so dazu, anzuhalten. Unmittelbar darauf stiegen zwei Männer aus dem dunklen Benz, traten an das Fahrzeug des 26-Jährigen heran und stellten ihn wegen der Abweisung am Kulturverein zur Rede. Es kam zum Streit, derunversehens eskalierte: Einer der Männer zog eine Schusswaffe und feuerte zweimal in Richtung des Kopfes der 26-Jährigen. Gleich darauf flüchteten die beiden Männer zum dunklen Mercedes und rasten davon.

„Der 26-Jährige hat für Schüsse aus einer Gaswaffe typische Verletzungen erlitten“, so ein Beamter. Er konnte nach ambulanter Behandlung das Krankenhaus wieder verlassen. Die Polizei ermittelte wegen gefährlicher Körperverletzung. Zwei Männer konnten als Tatverdächtige identifiziert werden.

Kriminologe: „Treibminen in unserer Gesellschaft“

Die Polizei spricht von Einzelfällen. Das sieht auch der Kriminologe Wolf-Reinhard Kemper von der Lüneburger Leuphana-Universität so. „Es geht in solchen Fällen weniger um die Sache, als um den persönlichen Angriff“, sagt Kemper.

Eine Zurückweisung oder Maßregelung werde als extreme Beleidigung aufgefasst. Oft handele es sich dabei um Menschen, die sich selbst einreden, dass sie das Recht hätten, sich außerhalb der Norm zu bewegen und eine akzeptierte Ausnahme sein müssten. Komme es zu einer Maßregelung oder einer Zurückweisung, entstehe Wut, die in Hass ausarten könne. Gerade Menschen mit einer hohen Konfliktbereitschaft könnten dann extrem gewalttätig reagieren. „Treibminen in unserer Gesellschaft“, nennt Kemper sie. „Solche Täter hätten auch bei einem anderen Anlass so reagiert“, sagt er.

Streit um Masken artet immer wieder in Gewalt aus

Vergleichbare Fälle wie jetzt in Jenfeld kamen in Hamburg immer wieder vor. Mitte Oktober wurde in Farmsen-Berne ein Busfahrer brutal zusammengeschlagen, nachdem er mehrere junge Männer auf die fehlenden Masken hingewiesen hatte. Dabei versetzte ihm ein Täter eine „Kopfnuss“ und schlug anschließend den Kopf des Busfahrers mit so einer Gewalt gegen eine Trennscheibe, dass diese zersprang. Als Täter wurde ein 25-Jähriger ermittelt, der bereits der Polizei einschlägig mit Gewaltdelikten bekannt und zum Tatzeitpunkt angetrunken war.

Bereits im Juli stach ein 29-Jähriger in einer S-Bahn einem jungen Mann (20) mit einer abgebrochenen Bierflasche ins Gesicht und verletzte ihn schwer. Der 20-Jährige hatte mit anderen Fahrgästen eingegriffen, nachdem der 29-Jährige eine Frau (75) angehen wollte, die ihn auf einen fehlenden Mund-Nasen-Schutz angesprochen hatte.

Corona-Maßnahmen nicht überall in Hamburg akzeptiert

Die Bereitschaft zur Gewalt im Streit um Coronamaßnahmen, so sieht es Thomas Jungfer, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), sei sehr unterschiedlich ausgeprägt. „Wir haben natürlich Erfahrungswerte von Kollegen, die die Maßnahmen auf der Straße durchsetzen müssen“, sagt er. „Generell kann man sagen, dass in Stadtteilen wie Eppendorf den Kollegen großes Verständnis bei der Durchsetzung der Eindämmungsverordnung entgegen gebracht wird und auch bei festgestellten Verstößen in der Regel Einsicht bei den Kontrollierten herrscht.“ Anders sehe es in anderen Stadtteilen aus.

„Auf St. Pauli oder in der Schanze ist die Situation anders“, so Jungfer. Vor allem auf dem Kiez spiele oft Alkohol eine Rolle, wenn es Unverständnis über polizeiliche Maßnahmen gibt. „Wir stehen jetzt natürlich noch am Anfang, weil erst seit dem vergangenen Wochenende die 2G-Regel in der Gastronomie gilt“, so der Hamburger DPolG-Chef weiter. „Wir haben bislang keine Gewalt erlebt, die sich gegen die Einsatzkräfte richtet. Man wird sehen, wie sich die Situation weiter entwickelt.“

Sollte man als „Normalbürger“ eingreifen oder andere maßregeln, wenn man Coronaverstöße feststellt? Hier gilt, so formuliert es der Hamburger Polizeisprecher Florian Abbenseth, eine allgemeingültige Regel: Courage ist gut. Aber man sollte sich nicht selbst in Gefahr bringen.

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