Hamburg-Lurup

Pkw kracht in Hauswand: Vater rettet Kind in letzter Sekunde

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Auto fährt in Wohnhaus: 85-Jährige schwer verletzt

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Der Wagen kam erst im Wohnzimmer zum Stehen. Familie hatte "Schutzengel". Fahrerin (85) schwebt in Lebensgefahr.

Hamburg. Ein riesiges Loch klafft in der Hauswand des Wohnhauses an der Flurstraße in Lurup. Dort, wo am Mittwochmorgen noch rote Backsteine den Blick ins Hausinnere verdeckten, hängen jetzt Reste des herausgebrochenen Dämmmaterials. Überall liegen Ziegel und ausgerissene Pflanzen aus dem Vorgarten. Ins Wohnzimmer zieht sich ein Pfad der Zerstörung.

Mitten im Raum steht der Mercedes, dessen 85-jährige Fahrerin für das Chaos verantwortlich und bei dem schweren Unfall am Mittwochvormittag lebensgefährlich verletzt worden ist. Sie erlitt ein Polytrauma.

Unfall in Lurup: Auto fährt durch Hauswand

Die Bewohner des Hauses, eine fünfköpfige Familie mit drei Kindern, saßen zum Unfallzeitpunkt am Wohnzimmertisch. "Der Vater hatte nach eignen Angaben gerade sein einjähriges Kind auf den Schoß genommen, als das Fahrzeug in das Wohnzimmer eindrang – genau an der Stelle wo sich zuvor das Kind befand", teilte Feuerwehrsprecher Jan Ole Unger mit. Die Familie blieb wie durch ein Wunder unverletzt. "Hier haben offenbar gleich mehrere Schutzengel gewirkt", sagt Unger.

Wie es zu dem Unfall kam, ist nach derzeitigem Stand der Ermittlungen noch nicht geklärt. Man wisse bereits, dass die Frau ihr Auto stark beschleunigte und bereits zuvor mit einem am Fahrbahnrand haltenden Fahrzeug eines Paketauslieferers zusammenstieß, sagte Polizeisprecher Thilo Marxsen. „Anschließend fuhr sie mit weiterhin hoher Geschwindigkeit über die beiden Fahrstreifen der kreuzenden Flurstraße geradeaus weiter über ein Grundstück, durchstieß die Hauswand eines Doppelhauses und blieb im dahinterliegenden Wohnzimmer schlussendlich stehen“, so Marxsen weiter.

Schwerer Unfall in Lurup: Autofahrerin (85) lebensgefährlich verletzt

Durch den Aufprall erlitt die 85-Jährige lebensgefährliche Verletzungen. „Rettungskräfte der Feuerwehr Hamburg befreiten die Seniorin aus ihrem Autowrack“, so Marxsen. Sie wurde unter Notarztbegleitung in ein Krankenhaus gebracht. Die Anwohner des Hauses wurden derweil von einem Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuzes seelsorgerisch betreut. „Alle standen tief unter dem Eindruck des Geschehens“, so Feuerwehrsprecher Unger.

Der Feuerwehr war am Vormittag zunächst ein brennendes Fahrzeug gemeldet worden, das in ein Haus gefahren sei. „Sofort wurde die Alarmstufe Feuer mit Menschenleben in Gefahr ausgelöst“, so Unger. Zusätzlich wurde die Technik- und Umweltschutzwache alarmiert. Vor Ort stellten die gerufenen Einsatzkräfte sofort fest, „dass es sich bei dem Einsatz nicht um ein Brandgeschehen, sondern um einen schweren Verkehrsunfall handelte.“

Pkw fährt durch Hauswand – keine Einsturzgefahr

Das Auto konnte mithilfe der Seilwinde eines Rüstfahrzeugs aus dem Gebäude gezogen werden. Da nach dem Unfall zunächst nicht klar war, ob das Gebäude einsturzgefährdet sei, führten die Feuerwehrleute erste Sicherungsmaßnahmen durch. Auch ein Statiker wurde angefordert. „Eine Einsturzgefahr des Gebäudes bestand und besteht nicht“, teilte der Feuerwehrsprecher am Nachmittag mit. Mit Bauholz wurden Stützböcke und ein Schwelljoch zum Abstützen der beschädigten Fassade gebaut und eingebracht. Die insgesamt 50 Einsatzkräfte konnten den Unfallort gegen 14.30 Uhr verlassen.

Für den Zeitraum der Einsatzmaßnahmen wurde die Flurstraße zwischen Böttcherkamp und Glücksstädter Weg voll gesperrt. Der Verkehrsunfalldienst Innenstadt/West hat nun die Ermittlungen übernommen.

Phänomen bekannt: Ältere Menschen kollidieren in Autos mit Hausfassaden

Dass vor allem ältere Menschen mit ihren Autos aus unerfindlichen Gründen mit Häuserfassaden kollidieren, ist ein Phänomen, das im Bereich der Waitzstraße (Groß Flottbek) sattsam bekannt ist. Über Jahre waren immer wieder zumeist betagte Fahrerinnen und Fahrer in die Schaufenster der angrenzenden Geschäfte gerast, manchmal bis in den jeweiligen Verkaufsraum hinein. 2005 hatte es eine Weinhandlung erwischt, 2007 eine Reinigung, 2008 einen Optiker, 2016 ein Restaurant – um nur einige der zahlreichen Fälle zu nennen.

Tatsächlich krachte es in der von Arztpraxen gesäumten und sehr beliebten Einkaufsstraße in den vergangenen Jahren mehr als 20-mal. Nirgendwo sonst in Deutschland fahren so viele Menschen mit ihren Autos in Ladengeschäfte. Zuletzt ging Anfang Mai ein Schaufenster der Hamburger Sparkasse zu Bruch, als eine 73 Jahre alte Frau die Kontrolle über ihr Auto verlor. Im vergangenen November war die „Waitze“, wie berichtet, mit 60 Vollstahlpollern nachgerüstet worden, um die Gefahr eines Zusammenpralls zu verringern. Die Bauarbeiten kosteten rund 150.000 Euro.

Ursache: Missglückte Ein- und Ausparkmanöver

Die meisten dieser Unfälle ereignen sich bei missglückten Ein- und Ausparkmanövern. Nicht selten, weil die Unfallfahrer versehentlich Bremse und Gaspedal verwechseln. Aus diesem Grund raste im Vorjahr auch ein 70-Jähriger mit seinem Auto auf die Terrasse eines Restaurants an der Pinneberger Straße (Schnelsen) und erfasste zwei Menschen, die dann zwischen dem Wagen und der Hauswand des Restaurants eingeklemmt wurden. Ein 48-Jähriger wurde lebensgefährlich, eine 52 Jahre alte Frau schwer verletzt.

Bestehen Zweifel daran, ob ein Autofahrer weiterhin in der Lage ist, sein Auto sicher zu fahren, führt die Polizei in der Regel einen Fahrtüchtigkeitstest durch. Im Gegensatz zu anderen EU-Ländern behalten deutsche Autofahrer ihren Führerschein indes auf Lebenszeit und sind auch nicht verpflichtet, eine Nachprüfung abzulegen. Zudem zeichnen sich ältere Autofahrer „in der Regel durch einen an die Situation angepassten Fahrstil sowie durch vorausschauendes Fahren aus“, so der ADAC.

Ältere Autofahrer erfassen komplexe Situationen langsamer

Studien zeigen aber auch, dass sie komplexe Situationen lang­samer erfassen und später reagieren als junge Fahrer. Und wenn über 75 Jahre alte Autofahrer in Unfälle verwickelt sind, sind sie in drei von vier Fällen die Verursacher. Selbst in der Hochrisikogruppe der Fahranfänger zwischen 18 und 21 Jahren liegt die Quote etwas niedriger. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) fordert deshalb schon seit langem verpflichtende Fahrtests für Menschen ab 75 Jahre

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