Osdorf-Connection

Hohe Haftstrafen für Überfall auf Lkw mit 1,1 Tonnen Kokain

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Bettina Mittelacher
Die acht Angeklagten, ihre Anwälte, weitere Prozessbeteiligte und Journalisten sitzen zu Beginn eines weiteren Verhandlungstages im Gerichtssaal im Strafjustizgebäude. In dem Prozess um den Schmuggel von 1,1 Tonnen Kokain wurde nach gut einjähriger Dauer das Urteil verkündet.

Die acht Angeklagten, ihre Anwälte, weitere Prozessbeteiligte und Journalisten sitzen zu Beginn eines weiteren Verhandlungstages im Gerichtssaal im Strafjustizgebäude. In dem Prozess um den Schmuggel von 1,1 Tonnen Kokain wurde nach gut einjähriger Dauer das Urteil verkündet.

Foto: Christian Charisius/dpa

Kopf der Bande - ein Hells Angels - erhielt Höchststrafe. Auch die anderen Angeklagten müssen für Jahre ins Gefängnis.

Hamburg. Es sollte ein grandioser, ein filmreifer Coup werden mit einem märchenhaften Gewinn. Doch am Ende war es vor allem ein Scheitern, das durchaus als spektakulär gelten kann. Statt 1,1 Tonnen Kokain in ihren Besitz zu bringen, damit den Markt zu überschwemmen und so richtig reich zu werden, bekamen die Mitglieder einer Bande schließlich vor allem eins: hohe Gefängnisstrafen.

Von einer „ungeheuer großen Menge Kokain, einer der größten Mengen, die je in Hamburg sichergestellt wurde“, sprach am Mittwoch der Vorsitzende Richter der Kammer, vor der sich seit mehr als einem Jahr acht Angeklagte unter anderem wegen Rauschgifthandels zu verantworten hatten. Jetzt, am mittlerweile 54. Hauptverhandlungstag, erging das Urteil gegen die Männer: Der als Kopf der Bande geltende Martin P., ein 40-Jähriger, der von der Polizei auch zur Führungsriege der Rockergruppe Hells Angels gezählt wird, erhielt mit zehn Jahren Haft die höchste Strafe. Gegen die anderen Angeklagten der sogenannten "Osdorf-Connection", Männer im Alter zwischen 26 und 51 Jahren, verhängte das Gericht Strafen von dreieinhalb Jahren bis zu acht Jahren und neun Monaten Haft.

Überfall auf Lkw mit 1,1 Tonnen Kokain: hohe Haftstrafen

„Wir gehen davon aus, dass keiner der Angeklagten Besteller oder Einkäufer des Kokain war“, sagte der Vorsitzende Richter. Auch seien die Männer wohl nicht für eine geplante Verkaufsstruktur verantwortlich. „Wir sind sicher, es gibt gut organisierte Hinterleute, die die Angeklagten für sich eingespannt haben.“ Doch keiner von ihnen habe die Auftraggeber benannt. Die Drogen mit einem Wirkstoffgehalt zwischen 84 und 90 Prozent hätten einen Marktwert von mindestens 30 Millionen Euro gehabt, erläuterte der Richter. Für den Straßenverkauf gestreckt kann man indes von einem erheblich höheren Wert ausgehen, womöglich sogar von rund 160 Millionen Euro.

Der hochreine Stoff war in 1100 Kilo-Päckchen verpackt — und verborgen zwischen 40 Tonnen Gelatine, die auf dem Seeweg in einem Container von Brasilien aus nach Hamburg transportiert wurden. Am 6. November kam der Container hier im Hafen an und wurde auf einen Lkw verladen. Der Plan der Bande: Sie wollten den Laster nach dessen Zollabfertigung mit seiner wertvollen Ladung durch eine fingierte Polizeikontrolle an sich bringen. Dafür hatten sie unter anderem Blaulicht, Polizei-T-Shirts, Handschellen, abhörsichere Handys und Störsender organisiert.

Angeklagte stoppten Lkw mit Blaulicht

Fünf der Männer aus der Bande verfolgten den Laster auf der A 7 Richtung Süden, überholten ihn schließlich und signalisierten mit dem Blaulicht, dass er an einem Autobahnplatz bei Garlstorf anhalten solle. „This is police“ rief der Kopf der Bande, Martin P., dem Fahrer zu, die Männer zwangen ihr Opfer, auszusteigen und in ihrem Mercedes Vito Platz zu nehmen.

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Sie zogen ihm ein T-Shirt über den Kopf und legten ihm Handschellen an. Drei der Täter fuhren mit dem Opfer zurück nach Hamburg, wo sie den Mann rund eine Stunde später freiließen. Nicht eindeutig geklärt ist die Frage, ob der Lkw-Fahrer in den Coup eingeweiht war. Doch das Gericht kam zu dem Schluss, dass er es „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ nicht gewesen sei.

Zwei andere der Bandenmitglieder lenkten den Lkw derweil zu einer Lagerhalle an der Reginenstraße, wo sie und weitere Helfer den Container entluden. 1091 der 1100 waren bereits in der Halle verstaut, als Spezialkräfte der Polizei zuschlugen, die Männer festnahmen und die Drogen sicherstellten. Auf die Spur der Männer waren die Ermittler durch die Überwachung eines der Bandenmitglieder gekommen, dem in einem anderen Verfahren der Handel mit 50 Kilogramm Marihuana vorgeworfen wurde.

Alle Angeklagten legten Geständnisse ab

Am Ende der Beweisaufnahme hatten alle Angeklagten Geständnisse abgelegt. Dabei hatten sie eingeräumt, dass sie von teilweise „sehr großen“ Drogenmengen ausgegangen waren. Einige hatten auch von „mehreren hundert Kilo“ gesprochen. Den größten Gewinn hatte Bandenchef Martin P. von der Beteiligung an dem Coup erzielen sollen. Ihm waren 200.000 Euro versprochen worden, den anderen unterschiedlich hohe fünfstellige Beträge.

Der Vorsitzende Richter sprach von einem „ungewöhnlichen“ Prozess, der bis zum 42. Hauptverhandlungstag „mühsam, bisweilen schleppend“ vorlaufen sei, mit zum Teil sehr kleinteiligen Zeugenbefragungen. Dann habe es eine „schlagartige“ Veränderung gegeben — wegen der Corona-Pandemie, die auch dieses Verfahren beeinflusst habe. Denn eine Infektionsgefahr im Verhandlungssaal und ebenfalls in der Untersuchungshaftanstalt hätte, auch bei allen Vorsichtsmaßnahmen, nicht vermieden werden können.

Schließlich wurde im April eine sogenannte Verständigung zwischen den Verfahrensbeteiligten erreicht. Inhalt dieses „Deals“ war, dass den Angeklagten gewisse Strafobergrenzen zugesichert wurden, sie im Gegenzug Geständnisse ablegten. So konnte Prozess erheblich verkürzt werden. Der Vorsitzende Richter sagte dazu: „Das Verfahren hätte sonst noch Monate dauern können.“

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