Hamburg

Spektakuläre Raubserie auf Gastronomen aufgeklärt

Raubopfer Stefan Rieck hinter dem Tresen des Viu.

Raubopfer Stefan Rieck hinter dem Tresen des Viu.

Foto: Michael Arning / HA

Mit Messern und Pistolen stürmten sie Kioske und Lokale. Jetzt wurden sechs Verdächtige ermittelt. Wie zwei Opfer die Taten erlebten.

Hamburg. Natürlich erinnert er sich an den Überfall, an jedes Detail. Aber so, wie Stefan Rieck über die Tat spricht, ruhig und betont sachlich, lässt sich feststellen: Nicht alle Menschen, die wie Rieck in die Mündung einer Schusswaffe blicken mussten, stecken ein derartiges Erlebnis so gelassen weg. Der 51-Jährige ist das Opfer einer Raubserie, die Eimsbütteler Gastronomen und Kioskbetreiber mehrere Wochen verunsichert hat. Jetzt hat die Polizei sechs Taten aufgeklärt und sechs Verdächtige gefasst. Es könnten aber noch viel mehr sein – mehr Taten und mehr Täter.

Rieck, 51 Jahre, hat das Viu Soulfood an der Bismarckstraße im August eröffnet. Zuvor führte er das Restaurant drei Jahre mit identischem Konzept auf Mallorca. Nie war etwas passiert. In Eimsbüttel, wo er mal 20 Jahre gelebt und sich immer sicher gefühlt hatte, rechnete er als letztes mit einem Überfall. Dann kam der 4. Dezember – und Rieck sah, dass er sich getäuscht hatte.

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Rieck glaubt zunächst an einen Scherz

Gegen 0.45 Uhr, ein Mittwoch, machen Rieck und sein Kollege gerade die Abrechnung in der Küche, als zwei Männer in das Viu stürmen. Einer der Räuber schreit mit Akzent: „Überfall, Geld her“. Rieck glaubt zunächst an einen Scherz. Ein Überfall? An einem Mittwoch? Als er zum Tresen geht, sieht er, wie ein maskierter Mann mit einer Schusswaffe herumfuchtelt. Wie er aus zwei Metern Entfernung, nur durch den Tresen von ihm getrennt, auf seinen Kopf zielt.

Der Räuber jagt dem dreifachen Familienvater eine „Scheißangst“ ein – vor allem weil die Hand des Täters mit der Waffe so stark zittert. Und weil er wütend wird, als Rieck ihm sagt, es sei kein Geld da, alle Gäste hätten mit Karte gezahlt. Zum Beweis öffnet der geschockte Gastronom sein Kellner-Portemonnaie – es ist leer. Bevor sie ohne Beute flüchten, schleudert einer der Räuber noch ein Glastablett auf Rieck und seinen Kollegen. Es verfehlt sie knapp und zerbricht an der Wand.

Fast alle Verdächtigen sind bereits straffällig geworden

Rieck und sein Kollege sind nicht die einzigen, die von einer Räuber-Bande heimgesucht worden sind – eine, die offenbar in wechselnder Besetzung operierte. Zwei Restaurants, eine Kneipe, drei Kioske, ein Jugendclub und eine Apotheke waren in den vergangenen elf Wochen überfallen worden, vor allem in Eimsbüttel und im angrenzenden Stadtteil Hoheluft-West. Mal tauchten die Täter zu zweit auf, mal zu dritt. Mal benutzten sie eine Schusswaffe, mal ein Messer.

Das Eimsbütteler Raubdezernat habe „mit Hochdruck“ ermittelt, sagte Polizeisprecher Florian Abbenseth dem Abendblatt. Sechs Verdächtige im Alter von 17 bis 24 Jahren seien bisher bekannt. Am Mittwoch und Donnerstag durchsuchten die Beamten mehrere Wohnungen, einen der Räuber verhafteten sie gestern am Erich-Ziegel-Ring. Fast alle Verdächtigen, darunter eine 23 Jahre alte Frau, sind bereits straffällig geworden. Der 19 Jahre alte Kevin P. und sein Komplize Stephan J. (22) wurden verhaftet. Beide verfügen über ellenlange Strafakten, seien „ausführlich polizeibekannt“, auch wegen früherer Raubtaten, sagt Polizeisprecher Florian Abbenseth. Kevin P. war erst im August aus der Jugendhaft entlassen worden. Er saß mehr als drei Jahre hinter Gittern, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung.

Auf das Konto der Räuber sollen seit Mitte November mindestens sechs Taten gehen, darunter auch die Überfälle auf das Viu und einen Jugendclub am Doormannsweg. Allein drei sollen sie am vergangenen Wochenende begangen haben, indem sie – zweimal mit Messern, einmal mit einer Schusswaffe – ein Hotel am Hermann-Buck-Weg in Steilshoop, einen Kiosk an der Fruchtallee und die Kneipe „Urknall“ an der Sartoriusstraße überfielen. Mutmaßlich aufgeklärt hat die Polizei auch den Überfall auf den Biss-Markt-Kiosk. „Gut so, dann können die Leute hier wieder besser schlafen“, sagt Manuel P. (38).

Der ganze Überfall dauerte 30 Sekunden

Der Biss-Markt liegt etwa 200 Meter vom Restaurant Viu entfernt, Manuel P. arbeitet hier seit einem Jahr. Um 23.15 Uhr am 22. November betritt ein kleiner maskierter Mann den Laden, schnappt sich eine Spielzeugkiste vom Tresen und geht damit auf Manuel P. los. Ein zweiter Täter zielt mit einer Pistole auf ihn, während der dritte Geldscheine aus der Kasse reißt. Alle Räuber tragen Tücher vor dem Gesicht und Handschuhe. Nach 30 Sekunden ist der Spuk vorbei: Mit einigen Hundert Euro aus der Kasse, etwas Bargeld aus dem Portemonnaie von Manuel P. und seinem neuen Handy flüchtet das Trio in Richtung Scheideweg.

Dass sich der ganze Überfall in nur 30 Sekunden abgespielt hat, weiß Manuel P. so genau, weil Überwachungskameras die Tat aufgezeichnet haben. Bestimmt 20-mal hat er sich die Sequenz angeschaut. Wie die Täter in den Kiosk stürmen, der Kleine voran, der Große mit der Waffe direkt dahinter. Dabei ist ihm ein erschreckendes Detail aufgefallen, ähnlich wie Stefan Rieck bei dem Überfall auf das Viu zwei Wochen später: Der Mann mit der Waffe wirkt zwar entschlossen, aber auch äußerst nervös. Auf dem Film gut zu sehen ist, wie er mehrmals den Abzug der Waffe zieht, ohne dass sich ein Schuss löst. „Entweder war die Waffe gesichert oder nur eine Anscheinswaffe“, sagt Manuel P.. Seinen ersten Raubüberfall überhaupt habe er inzwischen aber „gut weggesteckt“.

Überfall auf das Restaurant La Paz noch nicht aufgeklärt

Kioske wie der Biss-Markt, Tankstellen und Spielhallen, Discounter und Restaurants werden in Hamburg praktisch täglich überfallen, fast die Hälfte der Taten wird aufgeklärt. In Eimsbüttel, ein zentraler, gut situierter Stadtteil, passieren solche Delikte jedoch eher selten – die Polizei hat hier im Vorjahr viel weniger Raubtaten als im stadtweiten Durchschnitt registriert. Die Häufigkeitszahl, die Zahl der Raubtaten auf 100.000 erwachsene Einwohner, lag 2018 in Eimsbüttel bei etwa 47. Zum Vergleich: In Billstedt liegt sie bei 109, in Hamm bei 73 und stadtweit bei 129. Spitzenreiter sind die Stadtteile St. Pauli und St. Georg.

In der Eimsbüttler Raubserie dauern die Ermittlungen des örtlichen Raubdezernats weiter an. Noch nicht aufgeklärt ist beispielsweise der Überfall auf das Restaurant La Paz am Heußweg Ende September. „Es wird jetzt insbesondere geprüft, ob noch andere Mittäter an den Überfällen beteiligt waren und der Bande weitere Taten zugeordnet werden können“, sagt Abbenseth. Eine Lehre hat Viu-Chef Stefan Rieck aus dem Überfall bereits gezogen. „Sobald der letzte Gast mein Restaurant verlassen hat“, sagt Rieck, „schließe ich die Tür ab.“