Kriminalität

Wie Staatsanwälte in Hamburg Einbrecher jagen

Oberstaatsanwalt Lars Röhrig (l.) leitet
die Schwerpunktabteilung Einbruch. Ewald Brandt ist Chef der Hamburger
Staatsanwaltschaft

Oberstaatsanwalt Lars Röhrig (l.) leitet die Schwerpunktabteilung Einbruch. Ewald Brandt ist Chef der Hamburger Staatsanwaltschaft

Foto: Michael Rauhe / HA

Die bundesweit erste Schwerpunktabteilung soll vor allem international agierende Serientäter überführen.

Hamburg.  Wie es sich anfühlt, wenn bei einem eingebrochen wird, haben Ewald Brandt und Lars Röhrig direkt und indirekt erlebt. Vor einigen Jahren drang ein Unbekannter in das Haus des Leitenden Oberstaatsanwalts Brandt ein und machte sich unter anderem an den Spardosen seiner Kinder zu schaffen. Und Oberstaatsanwalt Röhrig berichtet, dass seine Eltern den Täter noch über den Balkon haben flüchten sehen. Beide haben sich auf die Fahnen geschrieben, die Zahl der Einbrüche in Hamburg drastisch zu senken. Brandt als Chef der Hamburger Staatsanwaltschaft und Röhrig seit dem 1. September als neuer Leiter der Schwerpunktabteilung zur Bekämpfung der Einbruchskriminalität.

Brandt betont, dass es sich um die bundesweit erste entsprechende Abteilung in einer Staatsanwaltschaft handele. Bislang gab es dort für Einbrecher eine sogenannte Buchstabenzuständigkeit. Welcher Strafverfolger gegen welchen Verdächtigen ermittelte, war dem Zufall des Nachnamens überlassen. Künftig landet in Hamburg jeder Fall in Röhrigs neuer Abteilung.

„Wir haben für die Schwerpunktabteilung lange gekämpft“, sagt Ewald Brandt. Nun habe die Politik den Weg dafür frei gemacht. Der Leitende Oberstaatsanwalt hat einen klaren Arbeitsauftrag: „Wir müssen die Trendwende bei den Einbruchszahlen hinbekommen.“ Mehr als 9000 Einbrüche und Einbruchsversuche sind im vergangenen Jahr in Hamburg gezählt worden. Im Vergleich zu 2014 ein Zuwachs von mehr als 20 Prozent. Der Vergleich zum Jahr 2011 fällt noch krasser aus: Da beträgt der Sprung fast 40 Prozent.

Schlechte Aufklärungsquote in vergangenen Jahren

Die Aufklärungsquote lag in den vergangenen Jahren bei nicht einmal neun Prozent. „Das ist natürlich unbefriedigend“, so Brandt. Immerhin: In diesem Jahr seien es gut zwei Prozentpunkte mehr. Das dürfte das Ergebnis der Soko „Castle“ der Polizei sein. Die hat bereits im Sommer vergangenen Jahres mit rund 90 Beamten ihre Arbeit aufgenommen. „So wie die Polizei ihre Arbeit konzentriert hat, konzentrieren wir als Staatsanwaltschaft unsere Arbeit“, sagt Brandt. Bislang gibt es derartige Schwerpunktabteilungen etwa im Bereich organisierte Kriminalität, Tötungsdelikte, Rauschgift oder Jugendkriminalität. Auch das zeigt, wie ernsthaft die Staatsanwaltschaft das Thema Einbruch nun angehen will.

„Der große Unterschied zu vorher besteht darin, dass wir uns ganz speziell dieser Delikte und dieser Tätergruppen annehmen können“, sagt Röhrig, der noch bis zum Jahreswechsel die dann drei Staatsanwälte umfassende Abteilung aufbaut. Zwar habe es auch vorher eine gute Zusammenarbeit zwischen der Staatsanwaltschaft und der Polizei gegeben. Allerdings ist die Aufgabe der Strafverfolger komplexer geworden. In den 90er-Jahren etwa waren 90 Prozent der Einbrecher Deutsche. In vielen Fällen ging es den Tätern darum, mit dem Verkauf der Beute ihre Drogensucht zu finanzieren.

Heute kommen etwa 50 Prozent der Täter aus dem Ausland, sind in Banden organisiert und polizeierfahren. Sie sind europaweit unterwegs und hoch mobil. Röhrigs Aufgabe wird sein, diese Strukturen und die Absatzwege der Beute aufzudecken und sich dabei mit den Polizeien und Staatsanwaltschaften in anderen Bundesländern, aber auch in europäischen Nachbarstaaten und in Übersee zu vernetzen. Es wird darum gehen, Einbruchsserien auch als solche aufzudecken. Denn wenn Einbrecher überführt werden, sind ihnen meist keine weiteren Taten nachzuweisen. Sie zeigen sich vor Gericht geständig und kommen mit einem milden Urteil davon. „Zu widerlegen, dass es sich um Einzeltaten und Einzeltäter handelt, ist eine unserer Aufgaben“, so Röhrig.

Hoffen auf Trendwende

Die große Schwierigkeit bei den Ermittlungen ist die Zufälligkeit. „Ein Stalking- oder Betrugsopfer bringt uns bei einer Anzeige den Beschuldigten gleich mit“, sagt Röhrig. „Beim Einbruch haben Täter und Opfer keine Beziehung zueinander und werden sie auch nie haben.“ Doch wenn Einbrecher überführt werden, komme es in neun von zehn Fällen auch zu einer Verurteilung.

Ewald Brandt hält große Stücke auf Röhrig. Der Oberstaatsanwalt war für Außenwirtschafts- und Steuerstrafsachen sowie für organisierte Wirtschaftskriminalität zuständig. Zuletzt hatte Röhrig die Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel („Santa Fu“) geleitet. Sein Vertrag war nach der Freilassung eines Kinderschänders aus der Sicherungsverwahrung nicht verlängert worden. Die JVA hatte dem Mann nicht fristgerecht eine Therapie vermittelt. Allerdings hatten sowohl Justizsenator Till Steffen (Grüne) als auch Brandt den 45-Jährigen für weitere Führungsaufgaben vorgesehen. „Herr Röhrig kennt sich mit diesen Fällen aus und genießt in unserem Haus einen sehr guten Ruf“, sagt Brandt. „Für mich ist er eine exzellente Wahl.“

Wann die von Brandt auferlegte Trendwende kommt, kann noch niemand sagen. Er selbst gibt sich optimistisch: „Wir machen das jetzt gründlich. Das konnten wir in dieser Form vorher nicht machen, weil es dafür keine Ressourcen gab.“ Das Ziel ist klar: „Hamburg muss als Tatort für Wohnungseinbrecher durch und durch unattraktiv werden.“