Hamburger Hauptbahnhof

Mutter der Babyleichen ist seit 2011 polizeibekannt

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Denis Fengler, Daniel Herder und André Zand-Vakili

Nach dem Fund der beiden toten Babys im Hauptbahnhof kam heraus: Die 39-Jährige hatte schon damals ein Neugeborenes ausgesetzt. Die Frau wurde am Mittwoch auf der Mönckebergstraße festgenommen.

Hamburg/Lübeck. Einer gynäkologischen Untersuchung hatte sich die 39-Jährige stellen sollen, Anfang dieser Woche. Die Polizei wollte dem Verdacht nachgehen, ob die Frau erst vor Kurzem ein Kind zur Welt gebracht hatte. Das jedenfalls hatte eine Zeugin ausgesagt. Doch die Verdächtige erschien nicht. Sie war untergetaucht.

Dass sie am Mittwoch auf der Mönckebergstraße festgenommen werden konnte, ist der Akribie der Ermittler zu verdanken: Sie spürten den Wagen der Frau aus Bad Schwartau am Lübecker Hauptbahnhof auf und ermittelten, dass die Mutter der Gesuchten am Mittwoch nach einer Reise am Hamburger Flughafen landen sollte. Per Funkzellenortung wurde die 39-Jährige dann in der Hamburger Innenstadt aufgespürt.

Inzwischen hat sich die Frau freiwillig in eine psychiatrische Klinik begeben, wo sie in einer geschlossenen Abteilung behandelt wird. Es habe das große Risiko bestanden, dass sie sich das Leben nehmen wollte, sagte der Sprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft, Ralf-Peter Anders. „Das ist keine gemeingefährliche Person.“

Nach der Festnahme hatte man die Leichen der beiden Kinder entdeckt: Der Schlüssel, den die Ermittler bei ihr fanden, führten die Polizisten zum Wandelhallen-Schließfach 1344. Wie lange die toten Kinder darin bereits gelegen hatten, diese Fragen können die Ermittler nicht beantworten. „Tage, vielleicht Wochen“, sagte Anders. Das Fach sei vor Tagen eingerichtet worden. Inzwischen sei bei einem der Kinder klar, dass es sich um einen Jungen handelte. Bei dem anderen Kind würden die Untersuchungen der Pathologen noch länger andauern, da die Verwesung stark fortgeschritten sei.

Svenja K. war bereits vor drei Jahren ins Visier der Ermittler geraten. Im September 2011 entdeckte ein Besucher auf einem Friedhof in Bad Schwartau eine Babyleiche. Die Polizisten gaben dem toten Mädchen, das keine Anzeichen von Gewalt aufwies, den Namen Stella. Nachdem die Polizei öffentlich nach der Mutter des Kindes fahndete, kamen sie durch Zeugenangaben auf die Spur der heute 39 Jahre alten Frau.

Gegenüber den Ermittlern gab die Frau zu, dass es sich um ihr Kind handele. Sie sei Anfang 2011 schwanger geworden und habe das Kind zu Hause geboren – ihr Kind sei tot zur Welt gekommen. Sie habe das Kind anschließend auf dem Rensefelder Friedhof begraben. Die Rechtsmedizin konnte ihre Angaben nicht widerlegen, weil sich nicht feststellen ließ, ob das Kind bei der Geburt gelebt hat oder nicht. Hintergrund: Bei einer Totgeburt wird die Mutter nicht strafrechtlich belangt. Im aktuellen Fall wird der Nachweis ebenso schwer. Die Leichen sind bereits so stark verwest, dass bislang weder der Geburtstag noch bei allen das Geschlecht ermittelt werden konnte. Die Ermittler halten es aber für unwahrscheinlich, dass die 39-Jährige gleich drei Babys tot zur Welt gebracht hat.

Fälle von Kindstötungen sorgen immer wieder für Entsetzen: Ein besonders grausiger Fall liegt nicht lange zurück. Im September 2012 gestand eine 28-Jährige aus Husum, ihre fünf Neugeborenen getötet zu haben. Die toten Säuglinge wurden wie Abfall entsorgt. Zwei wurden in einer Papiersortieranlage und in einer Plastiktüte auf einem Parkplatz entdeckt, drei weitere hatte sie im Keller versteckt. Direkt nach der Geburt hatte sie die Babys durch Ersticken, mit einer Schere und durch in den Mund gepresste Blätter umgebracht. Sechs Jahre lang lebte die Frau mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern ein unauffälliges Familienleben. Die Frau wurde wegen Totschlags zu neun Jahren Haft verurteilt.

Für einen der erschütterndsten Fälle überhaupt steht der Ort Brieskow-Finkenheerd. Eine Frau hatte in der brandenburgischen Gemeinde neun ihrer 13 Kinder nach der Geburt getötet und unter anderem in Blumentöpfen verscharrt. 2005 waren die Babyleichen in einer Garage entdeckt worden. Zuletzt war Mitte August ein toter neugeborener Junge auf einer Toilette an einer Raststätte im niedersächsischen Bakum gefunden worden.

Die Motive von Müttern, ihre Kinder zu töten, sind vielfältig. Bei Babymorden liegt häufig eine Psychose vor. Nicht selten verdrängen Frauen ihre Schwangerschaften. Sie befänden sich nach der Geburt in einem „psychischen Ausnahmezustand“, sagt Kriminologe Christian Pfeiffer. „Aus Panik tötet man das Kind, weil es nicht zum eigenen Lebensentwurf passt.“ Nach Erkenntnissen von Psychologen töten Mütter häufig, weil sie aus ihrer eigenen Situation keinen Ausweg sehen und das Kind nicht allein leben lassen wollen.

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