Prozess Hamburg

Erst Mobbing, dann Ringkampf - Furien im Massagesalon

Mit geballten Fäusten ging die 23-Jährige auf ihre Kollegin los, riss ihr ganze Haarbüschel aus, attackierte sie mit Stiletto-Absätzen.

Hamburg. Für ihren Arbeitgeber waren sie nur Lara und Nina. Und ihre wahren Namen Nebensache. Entscheidend war ohnehin eher die Optik bei dem Job, den die Frauen ausführten. Und die stimmt wahrhaftig. Blond, attraktiv, gertenschlank und groß sind sie beide. Und damit Konkurrentinnen in der Massagepraxis, in der sie arbeiteten. Erotische Massagen, bei denen "Deine Träume wahr" werden, wie es auf der Website der Einrichtung heißt. Es ist ein Job, bei dem Fingerspitzengefühl gefordert ist. Im wahrsten Sinne des Wortes und zum Wohle des zumeist männlichen Kunden.

Doch nicht unbedingt im Umgang miteinander. Hier dominierte offenbar Mobbing statt Massage, und aus Konkurrenz wurde Krieg. Ein erbitterter Streit, der die eine schließlich zur Furie werden ließ und die andere zum Opfer. Elf Monate ist es her, als Lara, die im richtigen Leben Sandra heißt, ausrastete. Als die 23-Jährige mit geballten Fäusten auf ihre Kollegin losging, ihr ganze Haarbüschel ausriss und sie mit ihren Stiletto-Absätzen attackierte, wie es in der Anklage vor dem Amtsgericht heißt. Zudem soll sie bei ihrer Attacke die Sonnenbrille von Nina, deren richtiger Name Anna ist, zerstört haben, wirft die Staatsanwaltschaft der jungen Frau weiterhin vor.

Die Attacke sei der Gipfel eines über Wochen schwelenden Streits gewesen, schildert Sandra L., eine Frau mit üppigem Make-up, grell-rosa lackierten Nägeln und einem Tattoo am Knöchel. Ihre Kollegin habe dem Chef immer wieder unwahre Dinge über sie erzählt. Nach einer gescheiterten Aussprache habe sie plötzlich "einen Blackout gehabt" und die andere Blondine attackiert. Allerdings ohne Schuhe, betont die Angeklagte.

Nach Schilderung der Zeugin war es jedoch Sandra L., die gemobbt habe. "Sie sagte, ich sei alt und hässlich, und fragte, warum ich überhaupt dort arbeite", erzählt die 36-Jährige. Ihre Kollegin habe sie "sehr primitiv beschimpft" und dann zunächst scheinbar den Rückzug angetreten. Doch plötzlich sei sie von hinten auf sie losgestürmt, "sie hat mich geschlagen und mir ganze Haarbüschel ausgerissen".

Die Folgen waren erheblich. Ein ärztlicher Bericht erwähnt eine Gehirnerschütterung, ein geprelltes Nasenbein und deutlichen Verlust von Haaren. Auch der Chef der beiden Frauen, der Zeuge der Auseinandersetzung wurde, erinnert "eine ziemlich kahle Stelle". Beide Frauen seien sich schon seit Langem "spinnefeind gewesen", erzählt der 57-Jährige. "Lara schlug zu wie eine Furie." Doch noch schlimmer als ihre körperlichen Verletzungen seien die psychischen Schäden gewesen, betont das Opfer. "Ich hatte Angst, wieder zur Arbeit zu gehen." Eine Entschuldigung der Angeklagten nimmt sie nur sehr zögerlich an. "Die Attacke war schon richtig heftig. Echt extrem."

Auf eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 30 Euro erkennt die Amtsrichterin schließlich für Sandra L. "Eine Konfliktsituation ist explosiv ausgeartet", fasst sie zusammen. Die Angeklagte sei "absolut brutal vorgegangen. Und es war richtig Klischee-mäßig: Frauen ziehen sich an den Haaren." Es sei immer sinnvoller, miteinander zu reden als übereinander, gibt sie beiden Frauen für etwaige künftige Auseinandersetzungen mit auf den Weg. Doch die Gefahr ist ohnehin gering. Sandra L. ist in eine andere Großstadt gezogen, zu einem neuen Job, der nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern deutlich mehr Körpereinsatz fordert: Sie arbeitet jetzt als Prostituierte.