Hamburger Landgericht

33 Fälle: Witwen-Betrüger vor Gericht

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Bettina Mittelacher

Der Mann strotzte vor Selbstbewusstsein. Sich selbst schätzte er als "König der Betrüger" ein, seine Homepage zeigte den 39-Jährigen mit einer Krone und dazu der höhnischen Aufforderung an die Polizei: "Catch me if you can" (Fangt mich, wenn ihr könnt).

Hamburg. Die Polizei konnte es, in der Tat: Seit nunmehr sechs Monaten sitzt Reiner B. im Untersuchungsgefängnis, von morgen an muss sich der Mann, der zu Deutschlands meistgesuchten Verbrechern gehörte, vor Gericht verantworten. Mit dem Prozess vor dem Landgericht soll eine bespiellose Betrugstour aufgearbeitet werden, die sich zwei Jahre lang durch ganz Deutschland zog.

Schwerer Betrug in insgesamt 33 Fällen wird Reiner B. vorgeworfen. Gemeinsam mit dem 39-Jährigen müssen sich sein mutmaßlicher Komplize Timo F. (37) sowie zwei weitere Angeklagte verantworten. Sie sollen mit ihren Betrugstaten mehrere Hunderttausend Euro erbeutet haben. "Wir gehen von einer langjährigen hochprofessionellen bandenmäßigen Begehungsweise aus", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Wilhelm Möllers. Die Angeklagten sollen bundesweit Banken betrogen und zudem Witwen um Geld geprellt haben. Unter anderem sollen sie bei Banken falsche Ausweise vorgelegt und mit den gefälschten Papieren Kredite bei den Geldinstituten erschlichen haben. Allein der Hauptangeklagte Reiner B. hatte demnach mehr als 150 falsche Identitäten und 86 unterschiedliche Kreditkarten. Mal trat er als Dr. Faust auf, mal als Dr. Prinz und dann wieder unter weiteren Namen. Bei den Banken schilderte er demnach stets die gleiche rührende Geschichte: Er sei Psychologe, seine Frau habe sich gerade von ihm getrennt, jetzt müsse er sich mit einem Kredit eine neue Existenz aufbauen. Zur Untermauerung präsentierte der 39-Jährige passende Visitenkarten, Internetseiten, falsche Gehaltsabrechnungen, Scheinadressen und eben die gefälschten Papiere.

Zudem ist Reiner B. angeklagt, gemeinsam mit Timo F. überregional sogenannte "2. Mahnungen" unter der Tarnbezeichnung "Dr. Engelhardt genetic research" an Opfer versandt zu haben. Diese sollten demnach für angebliche DNA-Tests an ihren verstorbenen Partnern mindestens 290 Euro bezahlen. Einige der Witwen bezahlten. Doch mehr als 1000 "Mahnschreiben" blieben erfolglos, weil die Polizei mittlerweile vor der Betrugsmasche gewarnt hatte.

Auf seiner seit 2006 andauernden Flucht vor der Polizei war der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Reiner B. mehrmals knapp entkommen. Ein Bericht in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" brachte schließlich einen entscheidenden Hinweis. Im November 2008 war der 39-Jährige dann nach jahrelanger Flucht von Zielfahndern in Essen gefasst worden. Den Angeklagten drohen bis zu zehn Jahre Haft.

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