Amtsgericht Bergedorf

Schwester stoppt Vergewaltiger - Prozessbeginn

Die 19 Jahre alte Natalie S. zahlte für ihre Courage einen hohen Preis. Der mutmaßliche Täter soll mehrfach gegen ihren Kopf getreten haben.

Hamburg. Im Suff hätte Nikolai Z., 27, eine Bekannte fast vergewaltigt - davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Nur weil ihre Schwester beherzt eingriff, blieb es beim angeklagten Versuch der sexuellen Nötigung. Doch Natalie S., 19, zahlte für ihre Courage einen hohen Preis.

Seit gestern muss sich Nikolai Z. für die Tat vor dem Amtsgericht Bergedorf verantworten. Justizbeamte führen den Mann mit den raspelkurzen Haaren in Handschellen in den Gerichtssaal. Der gebürtige Kasache hat in seinem jungen Leben schon reichlich Erfahrung mit der Justiz gemacht. Derzeit verbüßt er eine zweijährige Gefängnisstrafe wegen schwerer räuberischer Erpressung. Ein Sexualdelikt war nicht unter den Vorstrafen.

Es kam der 19. August 2009. Sie hatten viel gebechert: Nikolai Z., die Schwestern Natalie und Anastasia S., 25, sowie ihr Bekannter Vitalij S. Fast zwei Liter Wodka. Die Sauftour endete gegen 1 Uhr auf einem Spielplatz in Allermöhe. Nachdem Natalie S. und Vitalij S. gegangen waren, sei Nikolai Z. zudringlich geworden, sagt Anastasia S. nun vor Gericht. "Plötzlich lag er auf mir, küsste mich, öffnete meine Hose und zerriss meinen BH." Das Wohnhaus von Vitalij S. und Anastasia S. liegt nur wenige Meter vom Tatort entfernt. Als sie Anastasias Schreie hörten, eilten sie ihr zu Hilfe. Nikolai Z. habe zwar von seinem Opfer abgelassen, jedoch Natalie S. an den Haaren zu Boden gezogen, dann mit seinen spitzen Lackschuhen sechsmal gegen ihren Kopf getreten.

"Mir wurde schwarz vor Augen", sagt Natalie S., eine zierliche Frau mit langen, blonden Haaren. Völlig aufgelöst und weinend blieb nach der Flucht von Nikolai Z. sein Opfer zurück. Aus lauter Angst vor ihm habe sie zunächst gar keine Anzeige erstatten wollen, sagt Anastasia S. Ihre Schwester erzählt, dass die Kopfverletzungen so schwer waren, dass sie tagelang nur im Sitzen schlafen konnte.

Nach Aussage des Angeklagten war alles ein Missverständnis. "Ich musste pinkeln und hatte vergessen, den Gürtel zuzumachen. Als ich Anastasia aus Spaß hochgehoben habe, fiel ich auf sie." Wegen einer Beinverletzung habe sie vor Schmerzen geschrien, Natalie habe die Situation fehlinterpretiert. "Sie schrie: Du hast meine Schwester vergewaltigt, drohte mit Polizei. Da habe ich sie zu Boden geschleudert, damit Ruhe ist", sagt er. Im Übrigen habe ihm Anastasia "schöne Augen" gemacht, sie seien auch mal intim gewesen. Ganz anders erzählt das Opfer: "Er war nur ein Bekannter. An dem Abend gestand er mir, dass er seit zwei Jahren in mich verliebt ist."

Die entscheidende Frage: Handelte Nikolai Z. durch Alkohol im Zustand verminderter Schuldfähigkeit? Er wäre dann milder zu bestrafen. Doch der Sachverständige verneint das. Dem üppigen Vorstrafenregister von Nikolai Z. droht nun der Eintrag einer weiteren, empfindlichen Freiheitsstrafe. Der Prozess wird am 26. Mai fortgesetzt.