Entscheider treffen Haider

MGM-Gründer: Models sollten "Germany’s Next Topmodel" meiden

| Lesedauer: 12 Minuten
Marco Sinervo, Chef der Hamburger Modelagentur MGM, warnt angehende Models vor dem TV-Format "Germany’s Next Topmodel" meiden sollten.

Marco Sinervo, Chef der Hamburger Modelagentur MGM, warnt angehende Models vor dem TV-Format "Germany’s Next Topmodel" meiden sollten.

Foto: Thorsten Ahlf / FUNKE Foto Services

Marco Sinervo hat eine Modelagentur. Er weiß, wie das Model-Leben aussieht und wieso Heidi Klums Castingshow nichts damit zu tun hat.

Hamburg. Der Gründer der Hamburger Modelagentur MGM hat für junge Frauen, die unbedingt als Model arbeiten wollen, vor allem einen Rat: „Macht einen großen Bogen um Heidi Klum und ,Germany’s Next Topmodel‘.“

Warum man das tun sollte, wieso sich in den vergangenen Jahren so viele Frauen wie nie zuvor bei seiner Firma als Models beworben haben, welche Rolle ihre Mütter dabei spielen und warum man bei Absagen sehr vorsichtig sein muss, erzählt Marco Sinervo in seinem Buch „Fame vs. Fake“ – und in unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“. Zu hören unter www.abendblatt.de/entscheider

Marco Sinervo über …

… „Germany’s Next Topmodel“, kurz „GNTM“:

„Die Verträge bei ,Germany’s Next Topmodel‘ sind Knebelverträge, die darauf aus sind, an den Mädchen, die dort vielleicht etwas werden könnten, möglichst viel Geld zu verdienen. Das finde ich schäbig. Wobei sich bisher so gut wie keine der Teilnehmerinnen, eigentlich gar keine, als Topmodel hat durchsetzen können, und das bei inzwischen 350 jungen Frauen, die es versucht haben. Man muss sich darauf einstellen, dass man durch diese Show eher kein Model wird, und man muss auf die vielen Fallstricke und darauf achten, dass man sich nicht zu Dingen hinreißen lässt, die man hinterher bereut.“

… verwirrte junge Frauen, die „GNTM“ hinter sich haben:

„Einige der Teilnehmerinnen von ,GNTM‘ haben versucht, über uns Model­aufträge zu bekommen. Beispielhaft ist die Geschichte einer jungen Frau, mit der ich essen gegangen bin und die die Bedienung im Restaurant zunächst gefragt hat, ob sie sie kenne, um ihr dann anzubieten, einen Cocktail nach ihr zu benennen. Das zeigt, wie verwirrt die Frauen sind, wenn sie von Heidi Klum kommen, und wie wenig sie mit dem TV-Ruhm anfangen können.“

… das falsche Bild vom Model-Leben:

„So, wie es bei ,GNTM‘ dargestellt wird, ist das Model-Leben nicht, im Fernsehen wird ein verzerrtes Bild unseres Geschäfts dargestellt. Nehmen wir die Tatsache, dass die Teilnehmerinnen sich in jeder Staffel mindestens einmal komplett umstylen lassen müssen, so etwas machen wir nicht. Wir suchen die Models schließlich aus, weil sie uns so gefallen, wie sie nun einmal sind, und nicht, weil wir alles an ihnen anders machen wollen. Heidi Klum braucht dieses Umstyling, um die Teilnehmerinnen im wahrsten Sinne des Wortes aus der Fassung zu bringen. Darum geht es.“

… viel mehr Menschen, die sich zutrauen, Models zu werden:

„Früher wären junge Frauen auf alle möglichen Ideen gekommen, aber nicht darauf, sich als Model zu bewerben. Damals gab es eine große Hemmschwelle, Fotos von sich machen zu lassen und an Agenturen zu schicken, und vielleicht war auch die Selbstwahrnehmung realistischer. Als junger Booker musste ich wirklich große Anstrengungen unternehmen, um gut aussehende Mädchen in die Agentur zu bekommen.

Entscheider treffen Haider: Sinervo klärt über GNTM auf

Das ist heute ganz anders, heute bewirbt sich wirklich jeder, und das hat auch viel mit ,GNTM‘ zu tun. Dazu kommt das Stichwort ,Diversity‘, das bei vielen den Eindruck hinterlässt, sie könnten auch Model werden, ganz egal, wie groß oder wie alt sie sind. Das führt dazu, dass allein meine Firma im Monat 500 bis 700 Bewerbungen erhält, von denen kaum jemand geeignet ist. Denn bei den Kunden hat sich am Anforderungsprofil so viel gar nicht geändert, die suchen immer noch junge Frauen, die nicht zu groß und nicht zu klein sind, am besten mit einer Konfektionsgröße 36. Denn an diesen Frauen sieht die Mode, die die Unternehmen verkaufen, einfach am besten aus. Das kann man beklagen, aber es ist so.“

… die Geschichte einer jungen Frau, die ihn sehr nachdenklich gemacht hat und bis heute verfolgt:

„Ein Mädchen war mit seiner Mutter zu einem Bewerbungsgespräch in die Agentur gekommen. Ich habe der jungen Frau abgesagt, unter anderem mit der Begründung, dass sie mit 1,73 Metern zu klein für ein Model sei. Und ich hätte hellhörig werden müssen, als die Mutter nachfragte, wie groß man denn mindestens sein müsse. Nach ein paar Monaten kamen die beiden wieder.

Das Mädchen hatte sich in einer Klinik die Beine brechen und verlängern lassen, und so, wie es die Mutter ausdrückte, ,noch einmal zweieinhalb Zentimeter herausgeholt‘. Das fand ich tragisch und habe mir große Vorwürfe gemacht: Ich hätte die Naivität sehen müssen, ich hätte sehen müssen, dass die Mutter und die Tochter in den Wunsch, eine Model-Karriere zu beginnen, verrannt hatten. Deshalb hätte ich die Absage anders begründen müssen. Seitdem achte ich sehr darauf, was ich in solchen Fällen sage.“

Instagram als Sprungbrett für Model-Karriere?

Marco Sinervo über die Rolle der (Model-)Mütter:

„Es gibt Mütter, die in ihrer Tochter eine Karriere erleben, die ihnen selbst nicht gelungen ist. Ich hatte eine Mutter, die hat ihrer Tochter zu Aufträgen in der ganzen Welt begleitet, in Mailand hat sie einmal in einem Zelt in einem Park campiert. Die Familie war nicht besonders vermögend, und trotzdem hatte die Mutter ihren Job in der Hoffnung gekündigt, künftig von den Model-Einnahmen ihrer Tochter leben zu können. Die hat ihr damals übrigens in der Mittagspause Essen vom Büfett vorbeigebracht. Mütter treibt der Stolz auf ihre hübschen Töchter, nach dem Motto: Guck mal, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“

… die Frage, warum man überhaupt Model werden will:

„Es ist ein ganz spannender, aufregender Job, man fliegt viel durch die Gegend, lernt unterschiedliche Menschen und Sprachen kennen, verdient sehr gutes Geld, von dem man sich etwas für die Zeit nach dem Modeln zurücklegen kann. Das machen viele der Frauen auch, die für uns arbeiten. Wir raten unseren Models, am besten ein Abitur zu machen und dann vielleicht ein Fernstudium zu absolvieren. Und genau das tun viele auch, was ich sehr gut finde.“

… die Suche nach Models über Instagram:

„Das machen tatsächlich einige Agenturen. Für uns hat sich Instagram bei der Suche nach Models als nicht so ergiebig gezeigt, weil alle retuschieren. Das finde ich sehr kritisch, weil sich Leute im Internet ein zweites Ich aufbauen, das ganz anders aussieht als in Wirklichkeit. Ich verstehe nicht, wie man damit leben kann.“

Fragebogen: Was der Agent vom Papst wissen will

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

„Von nichts kommt nichts.“ Meine Eltern konnten mir gut vermitteln, dass ich für die Ausgestaltung meines Leben selbst verantwortlich bin. Ich musste mir z. B. durch Ferienjobs meine großen und kleinen Wünsche selbst erarbeiten. Das hat aus mir einen fleißigen und zielstrebigen Menschen gemacht, der die Dinge in die Hand nimmt.

Wer war beziehungsweise ist Ihr Vorbild?

In meiner Jugend diverse politische Rockstars. Heute habe ich keine Vorbilder mehr.

Was haben Ihre Lehrer/Professoren über Sie gesagt?

Dass ich ein amüsanter Klassenclown bin und es mir an Ernsthaftigkeit und Disziplin fehle.

Wann und warum haben Sie sich für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?

Mit 19 Jahren. Ich war fasziniert von dem Job als Model­agent, und ich habe gefühlt, dass ich Talent und große Leidenschaft für diesen außergewöhnlichen Beruf habe.

Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?

Meine erste Chefin hat mich ins kalte Wasser springen lassen und mir viel Verantwortung übertragen. Das war rückblickend sehr wichtig für mich. Aber auch diverse große Kunden haben mich sehr gefördert und mir viele Türen geöffnet.

Auf wen hören Sie?

Auf meinen Bauch, auf mein Herz und meinen Verstand. (in dieser Reihenfolge)

Was sind Eigenschaften, die Sie an Ihren Chefs bewundert haben?

Bewunderung wäre übertrieben. Ich habe aber geschätzt, dass sie motivierten Mitarbeitern ihre Freiheiten gelassen haben und Vertrauen geschenkt haben und dass sie uns in Form von Provisions­modellen auch Anteil hatten lassen am Erfolg der Firma.

Was sollte man als Chef auf keinen Fall tun?

Sich überheblich als Chef zu „fühlen“.

Was sind die Prinzipien Ihres Führungsstils?

Authentizität und eine positive Einstellung. Ich verstelle mich nicht und gestehe mir Fehler ein. Reflektion ist mir sehr wichtig. In Mitarbeitern versuche ich stets das Positive zu sehen und deren Potenziale zu heben.

Wie wichtig war/ist Ihnen Geld?

Das Streben nach finanzieller Unabhängigkeit war sicherlich der Motor für meinen Erfolg und auch ein wichtiger Leistungsindikator für mich selbst. Ich würde lügen, wenn ich heute sagen würde, dass mir Geld nicht mehr wichtig sei, aber ich kann es mir heute erlauben, vermehrt auf Themen wie Work-Life-Balance und Nachhaltigkeit zu schauen.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Loyalität, Ehrgeiz, die Bereitschaft, an sich zu arbeiten, und eine gesunde Selbsteinschätzung.

Worauf achtenSie bei Bewerbungen?

Auf einen schlüssigen und aussagekräftigen Lebenslauf, das Foto und eine stabile private Situation der Aspirant/-innen.

Duzen oder siezen Sie?

Menschen, die ich mag, duze ich.

Was sind Ihre größten Stärken?

Mut, Spontaneität, Begeisterungsfähigkeit.

Was sind Ihre größten Schwächen?

Harmoniesucht / gefallen wollen / konfliktscheu.

Welchen anderen Entscheider würden Sie gern näher kennenlernen?

Papst Franziskus.

Was würden Sie ihn fragen?

Warum er an Gott glaubt und was das mit ihm macht.

Was denken Sie über Betriebsräte?

Ich hoffe, meine Leute kommen nicht auf die Idee, einen zu gründen :-)

Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?

Ich mache fast täglich Fehler. Manchmal versuche ich sie zu vertuschen.

Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?

Mein eigenes Unternehmen zu gründen.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

70 bis 80 Stunden.

Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?

7 bis 8 Stunden.

Wie gehen Sie mit Stress um?

Ich versuche mir Inseln der Entspannung im Alltag zu schaffen. Spaziergänge, autogenes Training, Ruhepausen.

Wie kommunizieren Sie?

Schnell und auf direkter Tonspur. Am liebsten per WhatsApp, Chats, E-Mails.

Wie viel Zeit verbringen Sie an Ihrem Schreibtisch?

Circa 50 Prozent.

Wenn Sie anderen Menschen nur einen Rat für ihren beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?

Ich kann das nicht verallgemeinern. Das hängt individuell von der jeweiligen Person ab. Menschen sind unterschiedlich, und eine allgemein gültige Erfolgsformel gibt es meines Erachtens nicht.

Was unterscheidet den Menschen von dem Manager Sinervo?

Die Grenzen in meinem beruflichen und privaten Leben sind verschwommen, und ich sehe in mir keine Unterschiede in meiner Rolle als Unternehmer und als Privatmenschen. Andere mögen das vielleicht anders empfinden.

Und zum Schluss: Was wollten Sie immer schon mal sagen?

Manchmal schweige ich auch gerne.

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