Porträt

Katja Suding geht: Kein Engel mehr für Christian Lindner

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Jens Meyer-Odewald
Katja Suding im Eichenpark in Harvestehude.

Katja Suding im Eichenpark in Harvestehude.

Foto: Marcelo Hernandez

Sie war lange das prominente Gesicht der Hamburger FDP. Nun sagt sie der Politik Tschüs – und freut sich auf ein neues Leben.

Hamburg. Ein bisschen merkwürdig wird das Gefühl schon sein, wenn der FDP-Parteitag an diesem Sonntag zu Ende geht. Nicht nur, weil es – coronabedingt – weder Blumen noch Beifall oder Umarmungen geben kann. Katja Suding hat dann den ersten Schritt ihres kompletten Rückzugs aus der Politik vollzogen.

Zwei weitere werden folgen: auf dem Bundesparteitag im Mai sowie nach der Neuwahl des Deutschen Bundestages im Herbst. Dann ist Schluss mit diesem Kapitel. Endgültig. Vor allem aus freien Stücken.

„Die Hochstimmung hält an“, sagt sie bei Kaffee mit Hafermilch in der Küche ihrer Wohnung in Harvestehude. Damit meint Frau Suding den im September vergangenen Jahres angekündigten Abschied von der großen politischen Bühne. Die Überraschung war groß, von einer Handvoll Vertrauter abgesehen.

Einen neuen Job für die Zeit danach gibt es für Suding noch nicht

Einen neuen Job für die Zeit danach gibt es nicht, konkrete Pläne ebenso wenig. Umso mehr freue sie sich auf den Luxus, das Leben auf sich zukommen zu lassen – gerne auch unkontrolliert, mit Wucht. Spannend soll es werden. Ihr Wunsch: Lebenslust inhalieren.

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Der Vormittag zu Beginn dieser Woche bei ihr zu Hause und anschließend am Alsterufer verläuft fröhlich und unkonventionell. Ohne festgezurrte Tagesordnung. Katja Suding ist gut in Form, freut sich über das mitgebrachte Körnerkäsebrötchen, legt österliche Servietten neben die Teller, begegnet allen Fragen mit offenem Visier.

Die PS nicht mehr effektiv auf die Straße gekriegt

Die erste stellt sie sich selbst: Warum ist es so ungewöhnlich, im Alter von 45 Jahren die Lebensspur noch einmal markant zu wechseln? Der Abschied sei ihr ureigener Entschluss, in Monaten gereift, letztlich spontan beschlossen. Nicht im Groll, ganz im Gegenteil.

Andererseits habe sie in der Hauptstadt gemerkt, dass ihre persönliche Wirkkraft begrenzt war. Dass es dort nicht so zackig und zielgerichtet zugeht, wie es ihrem Naturell entspricht. „Direktes Handeln ist schwierig“, erfuhr sie. „Man steckt eine Menge rein und kriegt weniger raus.“ Flockiger formuliert: „In Berlin habe ich die PS nicht mehr so effektiv auf die Straße gekriegt.“

Hinterstübchen und kunstvoll ausbaldowerte Ränkespiele schätzt sie nicht. Wenn schon einen Schlussstrich, dann schnörkellos. „Es gibt viele unglückliche Menschen im Bundestag“, weiß sie aus vertraulichen Gesprächen. Oft fehle der Mut zum freiwilligen Rückzug.

Wohnung in Berlin ist gekündigt

Die Wohnung in Berlin ist gekündigt. Nichts gegen die quirlige Hauptstadt, Hamburg indes entspricht ihrer Seele und ihrem Stil mehr. Wenn sie nach Sitzungswochen freitags mit dem Zug heimkehrte und die Lombardsbrücke zwischen Binnen- und Außenalster passierte, habe ihr Herz gehüpft. In Hamburg fühlt sie sich zu Hause. Seit 1999.

Und da sie Veränderungen grundsätzlich wertschätzt, vollzog Katja Suding im vergangenen Jahr einen Ortswechsel innerhalb der Hansestadt: vom Westen mittenmang, von Groß Flottbek nach Harvestehude. Zuvor hatte sie in Ottensen und Rissen gelebt.

Dieser Umzug ist Teil einer konzertierten Aktion. Sie und ihr mittlerweile geschiedener Ehemann, dessen Nachnamen sie nach wie vor trägt, verkauften das Haus in den Elbvororten. Er ließ sich mit den Kindern gleichfalls in Alsternähe nieder. Die beiden Söhne, 17 und 18 Jahre alt, blieben nach der Trennung beim Vater. Das Verhältnis zu ihren zwei Kindern sei unverändert innig. Der ältere verdient sich nach seinem Abitur aktuell Studiengeld in einem der Hamburger Corona-Testzentren.

Unvergessenes Fotoshooting für die „Gala“

Von 2015 bis 2019 war Frau Suding mit dem früheren Tennisprofi Udo Riglewski zusammen. Seitdem blieb das Privatleben Privatsache. Kein Wunder: Für manches Medium war die Fassade wichtiger als politische Inhalte. Wobei sie zugibt, das Spiel mit Reizen, dezenten Provokationen und öffentlichem Echo professionell zu beherrschen.

Unvergessen ist das Fotoshooting für die „Gala“, als sich Suding mit Nicola Beer und Lencke Steiner als „Drei Engel für Lindner“ ablichten ließ. Das dürfte zwar dem Parteichef Christian Lindner gefallen haben, hat ihr selbst aber auch etwas Häme eingebracht. Doch Suding mag durchaus die Provokation – sie ist PR-Profi. Nach dem Studium der Kommunikations- und Politikwissenschaft sowie der Romanistik arbeitete sie in der Kommunikation.

Mit Kommunikation kennt sie sich aus

Auch eine ausschließlich im Internet verbreitete Wahlkampfbotschaft erntete mehr Widerhall als viele Straßenplakate anderer Parteien. „Unser Mann für Hamburg“ stand dort – unter Katja Sudings Foto. Das blieb haften.

Es passt ins Bild, dass neben dem großen Esstisch in ihrer Harvestehuder Wohnung ein Gemälde auf dem Boden steht, in dem sich Katja Sunding wiedererkennt. Der ungarische Künstler Attila Szücs hat eine junge Frau mit langen, schwarzen Haaren dargestellt, die vor einem großen, undurchsichtigen Knäuel sitzt. Ein fröhliches Bild ist es nicht, ein trauriges ebenfalls nicht. Es wirkt versunken. Nachdenklich. Katja Suding mag dieses Bild.

Zeit, dem Klavier neue Melodien zu entlocken

Am E-Piano in der modernen Wohnküche hält sie bisweilen innere Einkehr. Unterschiedliche Farben und Töne machen den Reiz des Lebens. Eingetretene Pfade sind öde. Und nach einem Jahrzehnt als Abgeordnete in der Hamburgischen Bürgerschaft sowie dem Deutschen Bundestag ist es nun so weit, dem Klavier neue Melodien zu entlocken. So wie früher, als Katja Rita Surmann auf der katholischen Liebfrauenschule fürs Leben lernte – ausschließlich mit Mädchen, teilweise von Nonnen unterrichtet.

Der Menschenschlag in ihrem Heimatort Vechta, südwestlich von Bremen in der Tiefe Niedersachsens gelegen, gilt als bodenständig, konservativ, urwüchsig lebenslustig, hin und wieder dickschädlig. Stur sind sie, sagt man, sturmfest und erdverwachsen. Geschäftstüchtig ohnehin.

Solides Elternhaus

Ein solides Elternhaus, zwei Brüder, ein großer Freundeskreis, die ersten Jungs, Remmidemmi im geregelten Rahmen ergaben unter dem Strich eine vitale Jugend. „Auf dem Land lernt man viel übers Leben“, weiß sie aus Erfahrung. „Es war ein Crashkurs für später.“

Das Taschengeld für ein Jahr High School in den USA verdiente sich die Schülerin selber: im Supermarkt, als Zimmermädchen auf Norderney, durch Nachhilfe. In zwei Sommerferien verbrachte sie jeweils 14 Tage am Fließband einer Geflügelfarm. Der Job: Hähnchen kleine Plastikbeutel mit den Innereien in den Leib zu stecken. Wer sich für solche Arbeit nicht zu schade ist, den haut später so rasch nichts vom Hocker.

2006 trat sie in die FDP ein

In einer WG in Münster ging’s weiter. Im Alter von 24 Jahren folgte die Hochzeit; mit 26 und 28 kamen die beiden Söhne. Im Sauseschritt ging es voran. 2006 trat sie in die FDP ein. Auf eine Persönlichkeit ihrer Art hatte die liberale Partei offensichtlich gewartet. Mit frischem Schwung, Energie und Sinn für keckes Anecken verbuchte sie eine starke Wählerresonanz. Zweimal gewann sie das Direktmandat in Blankenese.

Auf Bundesebene stieg sie zur stellvertretenden Vorsitzenden auf. Mit alledem ist nun Schluss. Ohne Wenn und Aber. Einzige Ausnahme: Ersatzdelegierte für den FDP-Bundesparteitag bleibe sie noch. Um eventuell doch irgendwann das Wort zu ergreifen, wenn es die innere Stimme sagt.

Jobangebote gibt es reichlich

Seit der Abschiedsankündigung vor gut einem halben Jahr habe es reichlich Jobangebote gegeben. Aber auf keinen Fall will sie eine feste Anstellung, einen Alltag von der Stange. Was nicht heißt, fortan im Heißluftballon durch den Alltag schweben zu können. „Reichtümer sind nicht vorhanden“, sagt sie.

Was heißt: „Ich muss Geld verdienen.“ Für spannende Projekte wäre sie zu haben. Mal sehen, was kommt. Irgendwann soll eine lange Reise auf dem Programm stehen. Ein paar Wochen oder Monate, vielleicht Nordamerika oder Afrika. Unbedingt möchte sie ehrenamtlich dazu beitragen, Frauen stärker zu machen.

Voraussichtlich wird es zudem ein „sehr persönliches“ Buch geben. Der Anfang ist gemacht. Der Rest wird noch Monate brauchen. Darin widmet sie sich der Frage: „Was passiert, wenn man loslässt?“ Sie möchte diesen „krassen Umbruch“ in ihrem Leben beschreiben. Das Finale? Noch unbekannt.

Drei Fragen:

  • 1. Was ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel für die nächsten drei Jahre? Ich möchte alle negativen Gedanken und Emotionen einfach loslassen und dann im richtigen Moment voller Kraft, Kreativität, Demut und Hingabe die richtigen Dinge tun.
  • 2. Was wollen Sie in den nächsten drei Jahren beruflich erreichen? Wie schön wäre es, durch sinnstiftende Projekte meinen Beitrag zu einer lebenswerten Welt zu leisten – und dadurch finanziell unabhängig zu sein!
  • 3. Was wünschen Sie sich für Hamburg in den nächsten drei Jahren? Hamburg wünsche ich, dass Offenheit, Lebenslust und Innovationsfreude sogar noch größer werden.

„Die Lösung kommt schon“, frei nach Laotse. Der legendäre chinesische Philosoph lebte im 6. Jahrhundert vor Christus. Entsprechen Taoismus oder Buddhismus Ihrer Denkrichtung, Frau Suding? „Darin sind Elemente enthalten“, entgegnet sie, „mit denen ich etwas anfangen kann.“ Im Gegensatz zur katholischen Kirche. Dieses Thema ist für sie seit der Liebfrauenschule daheim in Vechta abgehakt.

Zusätzliche Impulse erhielt sie 2020 während eines „Hoffmann Seminars“. Dabei ging es auch um ein selbstbestimmtes Leben mit einer eigenen Vision. Der Spagat zwischen Denkanstößen wie diesen und dem bodenständigen Naturell beflügelt aktuell ihr Leben.

Es sei ein traumhaftes Gefühl, sagt die Politikerin auf dem Absprung während des Alsterspaziergangs, Frau ihrer Entscheidung zu sein, auf den Ausstiegsknopf zu drücken und die Weichen komplett neu zu justieren. Katja Suding hat die persönliche Freiheit gewählt.

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