Hamburg

Corona: Ein Krankenpfleger erzählt von Intensivstation

Der Krankenpfleger Lars Sigl arbeitet in der Asklepios Klinik Wandsbek. Der erste Coronapatient dort wurde bereits als geheilt entlassen.

Der Krankenpfleger Lars Sigl arbeitet in der Asklepios Klinik Wandsbek. Der erste Coronapatient dort wurde bereits als geheilt entlassen.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Lars Sigl kämpft in Hamburg an vorderster Front gegen das Virus und sagt: "Wir wissen, was auf uns zukommen kann".

Hamburg. Hinter der Atemschutzmaske gucken nur die Augen hervor. Mit Maske und in dem blauen Kasack, diesem für den Intensivbereich typischen Hemd, ist Lars Sigl einer von vielen, anonym: ein Krankenpfleger bei der Arbeit hier auf der Intensivstation der Asklepios Klinik Wandsbek. Und in dieser Rolle fühlt er sich auch am wohlsten. Im Mittelpunkt zu stehen und sich hervorzuheben, das ist überhaupt nicht Sigls Sache. Aber sein Berufsstand steht derzeit sehr im Fokus – und damit auch er.

Ohne Maske und mit Bart wird aus dem Krankenpfleger im Besprechungszimmer der Klinik im Erdgeschoss der Mensch Lars Sigl. Ungewohnt für einen, dem es immer ums Team geht. Ohne Teamarbeit wäre die Arbeit auf der Intensivstation ja auch nicht möglich – und in den Krisensituationen, die uns eventuell in Hamburg noch erwarten, erst recht nicht. Das betont der Krankenpfleger immer wieder. Und das macht den stellvertretenden Leiter der Station mit den rund 50 Mitarbeitern in der Pflege so sympathisch.

Der erste Coronapatient ist bereits wieder zu Hause

Für Eitelkeiten ist Lars Sigl, der einem sofort das Du anbietet – so ist das bei ihm auf der Station üblich –, viel zu bescheiden. Wie angenehm in einer Zeit, in der sich so viele Menschen wichtignehmen und ständig produzieren müssen. Aber vielleicht ist jetzt noch weniger Zeit für Selbstdarstellung als ohnehin schon.

In der Coronakrise leben viele Menschen Solidarität – für den 34-Jährigen ist sie ganz normal. Wenn Sigl spricht, redet er ruhig und mit einer angenehmen Stimme. So besonnen und unaufgeregt geht er bestimmt auch mit Schwerkranken um. Bei einem davon hieß die Diagnose bereits Covid-19. „Dann denkt man an das Virus und daran, dass ich persönlich verantwortlich bin und mit dem Patienten in Kontakt trete.“

Sigl: „Wir haben keine Angst"

Inzwischen spricht die ganze Welt über dieses Thema. Seine Eltern machen sich schon ein wenig Sorgen. „Mutti fragt dann häufiger, wie es mir geht.“ Per WhatsApp. Die gute Nachricht: Der Erkrankte ist bereits genesen und wieder entlassen worden. Auch wenn es für Lars und seine Kollegen eine Premiere war, hat sich dieser Patient dann doch gar nicht so sehr von anderen Patienten unterschieden.

Als Krankenpfleger auf der Intensivstation ist Sigl den Umgang mit Infektionskrankheiten, wie zum Beispiel Tuberkulose, gewohnt. Dann heißt es, die besondere Schutzausrüstung anzulegen. Das ist kein Vergnügen und dauert, aber es ist ein absolutes Muss. Unter der Maske, unter der Plastikbrille und der übrigen Kleidung wird es sehr heiß. Doch auch wenn die Arbeit auf der Intensivstation nach zehn Jahren Routine ist, liegt in diesen Tagen doch eine gewisse Spannung in der Luft.

Davon können sich Lars Sigl und seine Kollegen nicht ganz frei machen. „Wir haben keine Angst, aber wir wissen, was auf uns zukommen könnte“, sagt er. Niemand jedoch könne sagen, ob und wann die große Welle der Infizierten hereinbricht. „Wir kennen solche Situationen, aber hier haben wir es mit einem neuen Virus zu tun, das sich schnell verbreitet.“

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Patienten gilt seine gesamte Aufmerksamkeit

Das Neue, das Unbekannte macht den Unterschied. Für Menschen, die sorglos mit den Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit Corona umgehen, hat er deshalb keinerlei Verständnis. „Das ärgert mich schon. Alle im Team ärgert das.“ Es sei immer wieder Gesprächsthema.

Trotz aller Leistungsfähigkeit verliere die gegenwärtige Situation keinesfalls an Schrecken. „Wenn die Menschen sich an die Regeln halten, hilft uns das. Wenn sich nicht so viele gleichzeitig infizieren, können wir das gut behandeln.“ Es gehe nicht um ihn, „es geht um meine Oma, um junge Menschen mit Leukämie“.

Viel Zeit, sich mit solchen Gedanken aufzuhalten, hat Sigl allerdings nicht. Egal woran sein Patient leidet: Ihm gilt seine gesamte Aufmerksamkeit. Um ihn kümmert er sich, mit ihm kommuniziert er, mit ihm fühlt der Intensivpfleger mit. „Ich bin ein offener Typ und schnacke auch gern mit meinen Patienten.“

Auch Medizintechnik begeistert ihn

Wie aber geht Kommunikation, wenn da jemand mit Beatmungsschlauch liegt und manchmal dem Tod näher ist als dem Leben? Es ist eine andere Kommunikation jenseits von Sprache, tiefergehend. „Ich rede mit meinen Patienten über Blicke, über die Augen, Hände und manchmal über Schreibtafeln.“ Der Kontakt trage zur Genesung bei.

Das Menschliche ist so wichtig, auch wenn sich Sigl für die Medizintechnik ebenfalls begeistert. „Der Patient lebt davon, dass ich die Geräte bedienen kann.“ Er lebt aber doch vor allem von der Zuwendung, „davon, dass man mit ihm spricht.“ Täglich begegnet der Pfleger Tod und Sterblichkeit, sieht Radfahrer, die ohne Helm verunglückt sind und Hilfe brauchen. Das macht ihn nachdenklicher.

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Patienten sind isoliert

Und doch ist es immer sein Ziel, den Menschen zu helfen, sie das erste Mal nach langer Zeit auf der Intensivstation auch einmal hinaus in die frische Luft zu begleiten, egal unter welchen Umständen. Sigl freut sich, wenn ehemalige Patienten Fortschritte machen und ihn später besuchen kommen. Solche Erlebnisse sind Motivation und Antrieb. Es sind die schönen Seiten seines Berufes.

Mit dem momentanen Besuchsverbot in der Coronakrise sei es für seine Patienten noch schwieriger, sie seien sehr isoliert in ihren Einzelzimmern. „In dieser Phase bleibt noch mehr an uns hängen. Der Patient hat ja nur uns.“

Zu Hause klatscht niemand

Ob er sich als Held fühlt? Nein, sagt Sigl. Und dass in manchen Gegenden für ihn und seine Kollegen abends geklatscht werde, das finde er zwar nett, aber beziehe es überhaupt nicht auf sich. „Das ist ein schönes Zeichen der Anerkennung und gilt ja allen, die dafür sorgen, dass alles weiterläuft.“ Zu Hause in Horn, wo er mit seiner Frau lebt, klatsche übrigens niemand.

Wahrscheinlich hat ihn in Sachen Zusammenhalt und Pflichtgefühl schon seine Familie geprägt. Aufgewachsen in Brandenburg an der Havel mit vier jüngeren Geschwistern, einem Polizisten als Vater und einer Mutter, die jetzt Frührentnerin ist, zog es ihn zunächst nach Potsdam. Dort hatte er schon Geowissenschaften studiert, als er im dritten Semester nach Hamburg musste, weil er hier eine Stelle als Zivildienstleistender im Krankenhaus zugewiesen bekam.

„Ich habe mich gleich sehr wohlgefühlt, habe eine schöne Station gehabt.“ Mit schön meint er vor allem: nette Kollegen. Denn darauf kommt es bei der Arbeit doch auch an. Und natürlich auf Solidarität. Mit den Pflegern in Italien und Spanien fühlt er deshalb ebenfalls mit. „Das ist schon hart.“

Sigl: Soziales Engagement ist wichtig

Viele seiner Kollegen hätten nun angeboten, ihren Urlaub zu verschieben oder statt Teilzeit in Vollzeit zu arbeiten in der jetzigen Situation. Dieser Zusammenhalt sei etwas ganz Besonderes. „Das Team macht viel aus bei einer Arbeit, die anstrengend ist, körperlich wie psychisch.“

Überhaupt findet Lars Sigl soziales Engagement wichtig. Er appelliert an die Menschen, grundsätzlich zu überlegen, was ihnen wichtig ist. Er selbst würde sich wünschen, dass es wieder einen Zivildienst gibt: „So bin ich ja in den Beruf gekommen. Diesen Part der sozialen Arbeit hätte ich ohne Zivildienst nicht mitbekommen. Zivildienst ist schon gut für die Gesellschaft – und nicht nur für Männer.“

Sechs Jahre hat Sigls Ausbildung insgesamt gedauert – so lange wie ein Studium. Mit der Bezahlung, die höher ist als in anderen Krankenhausbereichen, sei er zufrieden. „Ich kann etwas machen, was auch etwas bewegt, wenn ich Menschen helfe – ob in einer akuten Situation, wo wir jemanden reanimieren, oder bei einer OP, die Schmerzlinderung bringt.“

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Pfleger in der Coronakrise: Jeder muss seinen Beitrag leisten

So richtig Abstand bekommt Sigl, der sich im Tierschutz engagiert und vegan lebt, aber kaum vom Job. Manchmal geht er am Hafen spazieren, er isst gern Kuchen und genießt das Leben. Da seine Frau als Krankenschwester ebenfalls im Gesundheitswesen arbeitet, drehen sich die Gesprächsthemen aber schnell doch wieder um die Arbeit.

Auf den gemeinsamen Mallorcaurlaub im Sommer freuen sich beide. Doch dieser steht auf der Kippe. Wann überhaupt wieder an Urlaube zu denken ist – das könne niemand sagen. Wer weiß denn schon, wann das normale Leben wieder läuft?

Mit Freunden treffen ist wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr momentan auch nicht möglich, zumal die meisten ebenfalls in Krankenhäusern arbeiten. „Mein bester Kumpel ist Pfleger in Barmbek. Wir können uns gerade nicht sehen.“ Jeder müsse zurzeit seinen kleinen Beitrag leisten. Auch er.

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