Hamburg

Till Steffen ist der Mann mit dem langen Atem

Zu Hause in
Eimsbüttel: Justizsenator
Till Steffen
lässig im Café
Due Baristi

Zu Hause in Eimsbüttel: Justizsenator Till Steffen lässig im Café Due Baristi

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Als Justizsenator lacht er Kritik einfach weg. Seine Beharrlichkeit hat er lange trainiert, nicht nur in Laufschuhen.

Hamburg.  Man kann Till Steffen (43) sonntagsmorgens joggenderweise mit der Familie beim Brötchen­holen begegnen. Abends mit der Ehefrau beim Lieblingsgriechen an der Sartoriusstraße oder in einem der vielen gemütlichen Cafés in Eimsbüttel. Vielleicht wird der ein oder andere ihn als Justizsenator erkennen, wenn er mit Wetterjacke und Jeans bei einem Café cortado sitzt. Oder vielleicht auch nicht. Till Steffen ist kein Mann mit großem Charisma, eher ein typischer Eimsbüttler Familienvater, der viel Fahrrad fährt, seine Lebensmittel im Biomarkt kauft und den Müll trennt. Mittelgroß, schlank, eher blass als braun gebrannt, Brille, den Schal locker um den Hals geworfen (auf keinen Fall spießig geknotet!).

Seit 1998 lebt der gebürtige Wies­badener im Viertel und will hier auch nicht weg. Zum Interview im Café Due Baristi kommt er ausnahmsweise nicht per Rad, sondern mit dem Dienstwagen (sein VW Passat Plug-in-Hybrid ist in puncto Umweltfreundlichkeit Spitze im Vergleich aller Landesminister). Im Café wird er häufig gegrüßt, ein Mann klopft ihm auf die Schulter, wünscht ihm alles Gute. Steffen ist entspannt, lacht viel. Keine Spur von der Kühle, die schon so mancher Journalist neben ihm stehend bei offiziellen Terminen empfand. In Eimsbüttel fühlt er sich wohl, es ist sein Rückzugsort.

Von 2001 bis 2004 war Till Steffen in Eimsbüttel Bezirkspolitiker und Fraktionsvorsitzender der Grünen. Und das hat er richtig gern gemacht. Städtebauliche Projekte in der eigenen Nachbarschaft vorantreiben, beim Spazierengehen den Fortgang beobachten, etwa die Neugestaltung des Else-Rauch-Platzes, auf dem heute auch seine beiden Söhne (sechs und neun Jahre alt) spielen. Oder die Osterstraße, an deren Konzeption die Grünen lange gearbeitet haben. „Da macht sich bemerkbar, dass sich ein langer Atem in der Bezirkspolitik lohnt“, sagt der promovierte Rechtswissenschaftler, der sich selbst als ausdauernd, beharrlich und „nicht ständig total harmoniesüchtig“ bezeichnet. „Mal eben eine Sau durchs Dorf zu treiben ist nicht so meins.“ Eher habe er Freude daran zu sagen, in vier Jahren müssten wir an dem und dem Punkt sein. „Und dann, nach vier Jahren, kann man ein Ergebnis sehen.“

Steffen nennt sein Amt „sehr attraktiv“

Im Bezirk konnte Steffen Politik zum Anfassen machen. Seit dem 1. Juli 2015 ist er Präses der Justizbehörde. Sein Job: dafür zu sorgen, dass in Hamburg der Rechtsstaat funktioniert. Klingt sehr abstrakt. Um informiert zu sein, verbringt Steffen seinen Arbeitstag nicht nur mit viel Lektüre und Sitzungen im Rathaus. Er besichtigt Gefängnisse, tauscht sich mit Staatsanwälten aus. Steffen nennt sein Amt „sehr attraktiv“: Es lasse sich mit vielem verbinden, für das die Grünen stehen, zum Beispiel Beteiligung und der konstruktive Umgang mit Volksentscheiden.

Aber Justiz sei kein einfaches Feld. „Da geht es um sehr ernste Themen, und deswegen wird dann auch scharf geschossen, wenn es solche Vorfälle gibt wie die vorzeitige Entlassung von Sicherungsverwahrten.“ Dafür hatte es zuletzt massive Kritik an der Arbeit seiner Behörde gegeben. CDU und FDP hatten sich regelrecht auf ihn eingeschossen. Eine Hamburger Zeitung unkte schon: „Wie lange bleibt Till Steffen noch Justizsenator?“ Eine Frage, die ihn auch umtrieb? „Nein, zu keiner Zeit. Diese Taktik muss man einfach der großen Langeweile der Opposition zurechnen. Wenn man als Koalition ein brisantes Thema wie die Unterbringung von Flüchtlingen so abgeräumt kriegt, dann kann man als Opposition eigentlich einen langen Urlaub buchen“, sagt Steffen süffisant. „Aus Erfahrung weiß man, was man tun muss, um hinterher nicht noch größere Probleme zu bekommen: Alle Tatsachen auf den Tisch legen und die Sache ein für alle Mal klären.“ Es soll nach politischer Routine, ja vielleicht auch Abgeklärtheit klingen.

Schließlich macht Steffen den Job nicht zum ersten Mal: Von 2008 bis 2010 war er schon einmal Justizsenator, in der Regierung von Ole von Beust (CDU). Als Christoph Ahlhaus von Beust als Bürgermeister ablöste, die schwarz-grüne Koalition aufgelöst wurde, musste Steffen, zusammen mit den anderen grünen Senatoren, gehen.

In den fünf Jahren, die zwischen seinen beiden Amtszeiten lagen, arbeitete er in der von ihm mitgegründeten Kanzlei Elblaw, lehrte an der Bucerius Law School und blieb in der Bürgerschaft, nun als Sprecher für Verkehrs- und Bezirkspolitik seiner Fraktion. Auch damals bewies der Grünen-Politiker, der seit 1990 Parteimitglied ist, seinen langen Atem. Er blieb am Ball und wurde wieder Justizsenator, dieses Mal unter Olaf Scholz. Wie er das plötzliche Machtvakuum damals empfunden habe? „Ich habe die Zeit sehr genossen. Gerade nach einer Periode, die stark von Druck geprägt war, fand ich es sehr schön, mit Freunden zusammenzuarbeiten und mich auf konkrete Fälle zu konzentrieren.“

Thema erledigt. Im nächsten Moment wird schon wieder darüber gelacht, wie schön ruhig es doch in Eimsbüttel ist, als ein Laster scheppernd Altglas abtransportiert und das Gespräch unterbricht. Das Lachen wirkt manchmal aufgesetzt. Fast hat man das Gefühl, er möchte all die Kritik einfach weglachen. Gute Stimmung in einer schwierigen Zeit machen. Nach dem Motto: wird schon nicht so schlimm. Und wenn doch, gehe ich wieder zurück in die Kanzlei. „Ich bin noch so jung. Ich werde garantiert wieder als Anwalt arbeiten“, sagt Steffen, befragt, was kommt nach der politischen Karriere.

Dank Steffen ist das Arbeiten bei der Justizbehörde familienfreundlicher geworden

Aus seiner Behörde ist zu hören, dass Till Steffen dafür bekannt sei, gern zu scherzen. Suche man den Senator, müsse man nur seinem Lachen folgen. Diese Lockerheit würde man sich auch bei fachbezogenen Interviews wünschen. Vor dem Mikrofon wirkt Steffen manchmal seltsam steif.

Fest steht aber auch: Seit Steffen wieder Präses der Justizbehörde ist, ist das Arbeiten familienfreundlicher geworden. Da der Senator wie rund die Hälfte seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Nachwuchs hat, ist es selbstverständlich, dass bei Betreuungsengpässen die Kinder mit ins Büro gebracht werden dürfen. In seinem Schrank stehen Spielzeugbusse und eine Mini­straßenbahn. Am Freitag um 15.30 Uhr beginnt für Till Steffen die Zeit mit seinen Kindern. Dann finden keine Termine oder Besprechungen mehr statt.

Seine Freizeit verbringt der Senator am liebsten mit der Familie in Eimsbüttel. An Sonntagen geht es raus, gerne auf den Kiekeberg („ein Freizeitpark, der nicht so aufgemotzt daherkommt“). Einmal pro Jahr zieht es Steffen raus auf die Ostsee mit dem Segelboot, seine Söhne und Freunde sind dann mit an Bord. Früher habe er sogar vielen Leuten den Sport beigebracht. „Ein Hobby, das ich schon manchmal vermisse, weil mir die Zeit dazu fehlt.“

Aber auch diesen Faden wird Steffen irgendwann wieder aufnehmen – sofern er sportlich nur halb so viel Ausdauer und Beharrlichkeit beweist wie in seiner politischen Laufbahn.