Der rote Faden

Wie Künstler Joseph Beuys nach Hamburg kam

Renate Kammer in ihrer Galerie am
Münzplatz

Renate Kammer in ihrer Galerie am Münzplatz

Foto: Andreas Laible / HA

Galeristin Renate Kammer stellte in den 60er-Jahren als Erste in der Hansestadt Werke des Aktionskünstlers aus dem Rheinland aus.

Hamburg. Manchmal ist sie da, diese Sehnsucht nach dem Ländlichen. Nach dem Geruch der Kartoffelernte oder nach frischem Heu. „Gerüche versetzen einen in die Vergangenheit, lassen sie wieder aufleben“, sagt Renate Kammer. Melancholie des Vergangenen ist dann dabei. Aber auch das Gefühl des Lebens. „Ich fühle mich dann lebendig.“

Wohl auch deshalb spielt die 74-Jährige mit dem Gedanken, mit Freunden auf einem zwischen Hamburg und Berlin gelegenen früheren Gutshof die nächsten Jahre zu verbringen und ein kleines Kulturprogramm auf die Beine zu stellen. „Ich würde gern den Part der bildenden Kunst übernehmen.“

Die Galeristin Renate Kammer ist eigentlich ein Stadtmensch. Wir sitzen in ihrer Galerie am Münzplatz. Von draußen dringt der Lärm der Straße durch die großen Scheiben. Über die mächtige Eisenbahnbrücke mit ihren sieben Gleisen donnern die Züge. Hin und wieder ist das Quietschen der Bremsen zu hören. Dann, wenn wieder ein Zug in den Hauptbahnhof einfährt.

Das mehrstöckige Gebäude, in dem Renate Kammer ihre Galerie hat, ist ein charmanter Ort. „Das Haus stammt noch aus der Gründerzeit“, erzählt sie. Früher beherbergte der Raum ihrer Galerie ein Kolonialwarengeschäft. Wobei die Bezeichnung „Raum“ eine Untertreibung ist: Sechs metallene Säulen tragen die geschwungene Stuckdecke. An den Wänden hängen Bilder.

Wie man sich eine Galeristin vorstellt, so wirkt Renate Kammer gar nicht. Da ist nichts Gekünsteltes und Affektiertes. Kein aufgesetztes Palavern über Kunst. Die in Mülheim Geborene kommt eher bodenständig und umgänglich daher. Hin und wieder lacht sie etwas lauter. Dann hat ihre Stimme einen wärmeren Klang.

Renate Kammer legt Wert auf die Feststellung, sie sei an der Grenze zwischen dem Rheinland und dem Ruhrgebiet aufgewachsen. Das Weltoffene an Düsseldorf mag sie, der Karneval hingegen werde ihr zu viel. „Ich komme schnell in Kontakt mit anderen Menschen, wobei es mir wichtig ist, zu differenzieren, den Menschen dahinter wahrzunehmen und Vertrauen zu gewinnen.“ Zugleich gilt sie als zuverlässig. „Wer mit mir eine Absprache trifft, der kann sich darauf verlassen.“

Nach der Schule hatte Renate Kammer sich drei Jahre zur Erzieherin ausbilden lassen. Eigentlich hatte sie Jugendkriminalistin werden wollen. Sie stellte es sich spannend vor, mit jungen Menschen zu arbeiten. Der Onkel, ein Dorfsheriff im Westfälischen, redete ihr das allerdings aus. „Mädchen, das ist nichts für dich.“

Köln als favorisierter Ort für die nächste Ausbildung war Mitte der 60er-Jahre zu teuer „und für mich als Halbwaise unbezahlbar“. Zumal die junge Renate Kammer nicht auf Rosen gebettet ihre Jugend erlebt hatte. Der Vater, ein Architekt, war nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Er galt nach Häuserkämpfen in Lettland als verschollen. „Es gibt nur ein nüchternes Schreiben, worin in wenigen Sätzen mitgeteilt wird, dass er vermisst werde, nie als Gefangener registriert wurde.“

Das Fehlen des Vaters und das Erleben des Schmerzes ihrer Mutter waren die ersten großen emotionalen Herausforderungen von Renate Kammer. „Die Hoffnung meiner Mutter, dass er wiederkommt, hat uns ständig begleitet. Immer dieses Hoffen!“ Und manchmal, wenn sie die Mutter weinend antraf, „habe ich versucht, sie zu trösten und zu schützen“.

Vielleicht liegt hier einer der Gründe, warum Renate Kammer eine so gute Netzwerkerin wurde. So, als sie während ihrer Ausbildung zur Erzieherin in Detmold engen Kontakt zu Musikstudenten hielt oder später, in Berlin, mit Schauspielern, bildenden Künstlern und Musikern verkehrte. Auch als Galeristin hat sie stets die Zusammenarbeit mit anderen Galeristen gesucht.

In Berlin lernte Renate Kammer ihren späteren Ehemann Hansjürgen Kammer kennen. Er hatte an der Akademie in Wien und dann in Berlin an der damaligen Hochschule der bildenden Künste Malerei studiert. Nach einer Ausbildung an der Berlitz School zur Auslandskorrespondentin für Unternehmen wollte Renate Kammer in Griechenland mit ihrem Partner ein unabhängiges Leben führen. „Aber die Realität holte uns schnell ein“, und beide kehrten nach Deutschland zurück.

Berlin, München, Frankfurt/Main, Düsseldorf – am Ende wurde es Hamburg. „Ich fand hier Arbeit bei Kruse, Hess & Co.“ Malerei war schon damals kein einträgliches Geschäft, sodass stets etwas anderes die geschäftliche Grundlage sein musste. Aber nur zwei Monate blieb Renate Kammer in dem Unternehmen. Dann mietete sie in Pöseldorf, Magdalenenstraße/Ecke Milchstraße, die untere Etage eines Eckhauses und gründete mit befreundeten Künstlern aus Wien und Berlin ihre Galerie. Das Viertel in Alsternähe war damals noch nicht so mondän wie heute. Und zeitgenössische Kunst wurde dort noch kaum angeboten.

Rasch stellte sich heraus, dass Renate Kammer die Fähigkeit besitzt, anderen Menschen den Zugang zu Kunst zu vermitteln. „Ich bin ein intuitiver Mensch und kann mich in Leute hineinversetzen.“ Was lag da näher, Menschen Kunst nahezubringen.

Sie sehe sich als Vermittlerin von Kunst und Künstlern. „Der Kunde sollte spüren, dass ich eine glaubhafte Anhängerin der gezeigten Kunst bin“, sagt Renate Kammer. Zugleich fordert der Beruf Leidenschaft und Durchhaltevermögen. „,Ich kenne kein Weekend‘, um mit Joseph Beuys zu sprechen, und Urlaub machen habe ich nie gelernt.“

Künstler hätten heute weniger Zeit als früher, sagt sie. „Sie sollen möglichst früh Erfolg haben und gehen deshalb viel früher an die Öffentlichkeit. Da bleibt kaum mehr Zeit, um ein Werk reifen zu lassen.“ Hinzu kommt, dass Künstler inzwischen offensiver mit der Vermarktung des eigenen Werkes umgehen. „Ich kenne noch eine Generation von Malern, die hat sich überhaupt nicht um das Vermarkten gekümmert. Das geht heute nicht mehr!“

Im Dezember existiert ihre Galerie 50 Jahre. Als sie in Pöseldorf anfing, kannten die Hamburger vor allem Horst Janssen und Paul Wunderlich. „Wir mussten etwas dagegensetzen wie Dieter Roth und die erste Beuys-Ausstellung in Hamburg“, erinnert sich Renate Kammer. „Künstler also, die neues Gedankengut einbrachten, neue Materialien einsetzten und viele Menschen zum erweiterten Kunstbegriff anregten.“ Das Betreten neuer Wege ist eine Konstante im Leben von Renate Kammer. Anfang der 90er-Jahre zog sie mit ihrer Galerie von Pöseldorf an den Münzplatz. „Ich hatte mich in den Raum verliebt.“

Sie begann, zeitgenössische Architektur zu zeigen. Mit ihrer Partnerin Angelika Hinrichs, später in Zusammenarbeit mit der Hamburgischen Architektenkammer und der Alfred Toep­fer Stiftung F. V. S., realisierte Renate Kammer Ausstellungen von David Chipperfield, Zaha Hadid, Herzog & de Meuron, Peter Eisenman, Steven Holl. „Architekten interessierten sich für andere Formen und Materialien.“