Hamburg

Gerda Rose-Guddusch hält Zeugen vor Gericht die Hand

Die Frau, die einen Mord beobachtete, der Junge, dessen Mutter erschossen wurde, die Frau, die eine Vergewaltigung über sich ergehen lassen musste - Zeugenbetreuerin Gerda Rose-Guddusch kümmert sich vor Gericht um sie

Die Frau, die einen Mord beobachtete, der Junge, dessen Mutter erschossen wurde, die Frau, die eine Vergewaltigung über sich ergehen lassen musste - Zeugenbetreuerin Gerda Rose-Guddusch kümmert sich vor Gericht um sie

Foto: Roland Magunia

Gerda Rose-Guddusch gibt Menschen vor und während ihrer Aussagen Halt und Sicherheit – und zeigt ihnen, dass sie nicht wehrlos sind.

Hamburg.  Manchmal ist das Unglück erschreckend nah und das Entsetzen greifbar. Und manchmal ist es wie ein weit entfernter Hauch, ein Geräusch vielleicht nur und scheinbar unbedeutend. Und doch ist der Schock mitunter auch dann besonders groß. Was genau bringt eine Frau, einen Mann oder ein Kind an den Rand der Ohnmacht? Und was geht folgenlos an ihnen vorüber, ohne Wunden aufzureißen und Narben zu hinterlassen? Gerda Rose-Guddusch hat mehr als zwei Jahrzehnte unzählige Menschen in Situationen betreut, die für sie Grenz­erfahrungen waren. Und sie hat gelernt: Nichts folgt einem Schema. Jeder reagiert anders. Und auf jeden muss sie anders reagieren.

Die Hamburgerin ist Zeugenbetreuerin und damit Stütze für viele Menschen, die bei einer Aussage in einem Gerichtsprozess Halt brauchen und Zuspruch. „Zeugen sind oft in dem Gefühl gefangen, die Begegnung mit dem Angeklagten nicht auszuhalten und keine Kraft für das Erzählen des Erlebten zu haben oder Rache befürchten zu müssen“, sagt Rose-Guddusch.

Wie unterschiedlich stark die Zeugen durch eine Straftat belastet sind, zeigte sich etwa bei einer 18-Jährigen, deren Mutter vor ihren Augen mit einer Axt erschlagen wurde. Und in einem anderen Fall gab es eine Frau, der unbemerkt im Bus 50 Euro gestohlen worden waren. „Wer brauchte bei der Hauptverhandlung die Unterstützung? Es war die Frau, die Opfer eines Diebstahls geworden ist. Sie war am Ende“, erzählt Rose-Guddusch. Vorangegangen war bei der Frau eine Trennung von ihrem alkoholabhängigen Mann, die sie nervlich sehr mitgenommen hatte. „Da konnte sie den Diebstahl nicht mehr verkraften.“ Die 18-Jährige dagegen hatte schon viele Jahre bei ihrer Tante gelebt. „Sie war stabil.“

Zuspruch, Information, das Gefühl, nicht allein zu sein und vor allem nicht wehrlos: Das ist es, was Gerda Rose-Guddusch den Menschen gibt. „Wir müssen Verständnis zeigen und gut informieren. Wer weiß, was auf ihn zukommt, ist sicherer“, sagt sie. „Wer sicherer ist, ist konzentrierter und entspannter. Und entspannte Zeugen sind gute Zeugen.“ Die 64-Jährige hat sie oft genug erlebt, diese Verwandlung von Angst in Konzentration bei anderen Menschen. Es mag an der Kraft und Dynamik liegen, die die Hamburgerin ausstrahlt, an ihrem Blick, in dem viel Wärme liegt, an der beruhigenden Stimme.

Die studierte Sozialpädagogin, die zunächst 15 Jahre lang im kirchlichen Bereich gearbeitet hatte, dann in den Täter-Opfer-Ausgleich der Justizbehörde wechselte und 1994 dort den Bereich Zeugenbetreuung aufbaute, geht nun Ende Mai in Rente. „In Hamburg ist etwas entstanden, bei dem ich wirklich helfen konnte“, sagt sie über die Zeugenbetreuung. „Das ist befriedigend. Aber ich habe auch einiges an Kraft gelassen.“ Nach einem sehr erfüllenden Arbeitsleben freut sie sich auf Zeit mit ihren Enkeln, Treffen mit Freundinnen, auf Gelegenheiten, in Ruhe die Zeitung zu lesen oder mit dem Hund zu toben. Kleine, schöne Erlebnisse, dann ohne Termindruck.

Denn sehr viel zu tun gibt es für sie in ihrem Beruf immer. Es rufen Zeugen an, die Informationen wollen, weil sie nicht wissen, was sie vor Gericht erwartet, die eine intensive Begleitung brauchen. Im ersten Jahr der Einrichtung gab es 125 Fälle. Mittlerweile sind es jährlich etwa 1500 Menschen, die Rat und Unterstützung wünschen. Neben Gerda Rose-Guddusch sind es zwei weitere Frauen, die dies bieten. Zu dritt teilen sie sich 1,69 Stellen.

„Das Leben ist hart. Aber wir sind härter, im Sinne von stärker“, sagt sie zum Beispiel manchen ihrer Schützlinge. Und: „Bitte, hab keine Angst vor deinen Tränen. Du bist auch stark, wenn du weinst oder wenn du Angst hast. Angst zu zeigen heißt nicht, wehrlos zu sein.“ Und sie weiß: Wenn man alles neu erzählen muss, ist es ein schwerer Angang. „Es kann aber auch hilfreich sein, willentlich unterdrückte Tränen laufen zu lassen. Es ist eine Chance, aufgestaute Trauer, Entsetzen oder Verdrängung zu lösen, dann löst sich auch viel von der Bedrückung.“ Und am schönsten sei es, sagt Rose-Guddusch, „wenn Zeugen merken, dass eine aggressive Dynamik ihnen gegenüber nicht mehr besteht. Das gibt es immer wieder, dass ein Angeklagter sich entschuldigt. Das ist natürlich eine Traumbegegnung.“

Die Betreuerin erklärt den Zeugen, welche Regeln im Gerichtssaal gelten

Die Vorgabe für die Betreuung der Zeugen ist: Es darf keine inhaltliche Vorbereitung geben. „Es hat sich aber auch gezeigt, dass für eine Stabilisierung Inhalte nicht wichtig sind.“ Manche Zeugen hätten Sorge, dass ihnen der Richter nicht glaubt oder der mutmaßliche Täter ihnen zusetzen könnte. „Wir erklären ihnen dann auch, dass der Angeklagte nicht dazwischenreden darf.“ Und sie schildern ihnen, wer im Gerichtssaal wo sitzt und welche Rolle hat. Dass man nachfragen darf, wenn man etwas nicht versteht. „Das sind ganz kleine Schritte, die aber dem Zeugen ungeheure Erleichterung bringen.“

„Und wenn ich etwas nicht weiß?“, laute dann mitunter die bange Frage, erzählt Rose-Guddusch. „Dann sagen Sie genau das“, antwortet sie in solchen Fällen. „Es ist nicht wichtig, dass ein Zeuge sämtliche Fragen beantworten kann. Vielleicht ist seine Aussage aber der entscheidende Mosaikstein, um zu einem Urteil zu kommen.“

Betreut hat Gerda Rose-Guddusch unter anderen einen Achtjährigen, dessen Mutter durch deren früheren Partner getötet wurde. „Die ganze Familie litt ungeheuer. Und mich hat das sehr berührt zu wissen: In einem Raum saß das Kind, und nebenan wurde die Mutter erschossen.“ Der Junge wurde im Prozess per Videovernehmung in einem gesonderten Zimmer befragt, die von dort aus in den Gerichtssaal übertragen wurde. Die vorausgehende Wartezeit wurde durch Spielen verkürzt. „Ich hatte hier Kuscheltiere und ein Ping-Pong-Gerät. Da war er erst mal gelockert. Das Schreckliche durch das Angenehme zu kompensieren, das war wichtig. Aber hinterher war auch meine Kraft aufgebraucht.“

In einem anderen Fall war eine Frau von ihrem gewalttätigen Freund getötet worden. Zwei frühere Freundinnen hatten sich noch rechtzeitig von ihm getrennt. Bei dem Prozess trafen die Exfreundinnen mit den Eltern der Getöteten zusammen, hielten sich im Arm und weinten. „Da war meine professionelle Distanz erschüttert. Auch ich hatte Tränen in den Augen.“

Manchmal sei der Kraftaufwand für die Tröstung „enorm“. So wie auch bei der Frau, der von einer anderen im Verkehr die Vorfahrt genommen und die von der anderen beschimpft wurde. „Sie hatte danach Angstzustände.“ Doch nach ihrer Aussage im Beisein von Gerda Rose-Guddusch war die Frau erleichtert. „Sie haben mir so geholfen. Ohne Sie hätte ich das nie geschafft!“, freute sie sich. Sie bekomme auch Dankesbriefe zu Weihnachten oder auch mal einen Blumenstrauß, erzählt die Zeugenbetreuerin. „Eine Dame hat mir mal warme Strümpfe gestrickt.“

Es gibt Zeugen, die so belastet sind, dass sie sogar in Ohnmacht fallen

Doch es gibt auch frustrierende Erlebnisse. So mit der Frau, die ihre Vergewaltigung schilderte, Schläge, eine Entführung. „Es glaubten ihr zunächst alle. Aber mein Gefühl sagte mir: Hier ist etwas Unechtes.“ Als die Frau zum Beispiel schilderte, sie müsse immer wieder den Kopf gegen die Wand schlagen, weil ihre Erlebnisse so furchtbar seien. Am Ende der Beweisaufnahme war klar: So kann es nicht gewesen sein. Der Angeklagte wurde freigesprochen. „Und da denke ich: Ich habe ihr stundenlang die Hand gehalten, und sie hat die Tat nur erfunden. Da fühle ich mich ausgenutzt.“

Doch das ist die Ausnahme. Meistens kann sie helfen. „Manche Zeugen sind so aufgeregt, dass ihnen die Tränen kommen. Ich lasse sie weinen, dann hole ich sie zurück. Sie sollen durchatmen, etwas trinken. In der Hauptverhandlung halte ich ihre Hand oder nehme sie in den Arm.“ Sie sagt den Zeugen, dass sie sich am besten gerade hinsetzen. „Es gibt keinen Grund, sich kleinzumachen. Sie können mit Selbstbewusstsein erzählen.“

Manche Menschen klammerten sich geradezu an sie, unter anderem eine Frau, die von einem Mann vergewaltigt wurde und der sie töten wollte. „Sie konnte aber fliehen.“ Nach der Tat sei vieles in ihrem Leben zerbrochen. „Im Prozess hat die Frau meine Hand genommen und zwei Stunden nicht losgelassen. Hinterher fragte ich: Soll ich Sie in den Arm nehmen? Sie sagte nur: O ja. Ich habe ihr eine halbe Stunde über den Rücken gestrichen.“

Es gibt auch Zeugen, die so belastet sind, dass sie sogar in Ohnmacht fallen. „Da war eine Mutter, die ankündigte, ihre Tochter werde bewusstlos, wenn sie ihren Exfreund, der sie misshandelt hatte, nur sieht. Wir sind also vorsichtshalber in Begleitung eines Notarztes zu dem Prozess gegangen“, erzählt Rose-Guddusch. „Wir kommen in den Saal, und die Zeugin fällt um.“

Bei manchen Menschen reicht schon eine Wahrnehmung aus der Distanz, um sie zu traumatisieren. So wie in dem Fall, als vier Männer einen Mann mit einem Messer töteten – und eine Frau von ihrem Balkon aus das Geräusch des Messers hörte, wie es in den Körper eindrang. Nach einem ersten Schock fuhr sie wenige Tage später in den Urlaub und glaubte, sie habe das Schlimmste überwunden. „Als dann die Ladung zum Prozess kam, war sie völlig fertig“, erinnert sich Rose-Guddusch. „So sehr, dass sie ein ärztliches Attest bekam, dass sie nur aussagen könne, wenn die Öffentlichkeit und die Angeklagten für die Dauer ihrer Vernehmung vom Prozess ausgeschlossen werden.“ Und da war die Frau, die aus ihrer Wohnung im zwölften Stock einen Autodiebstahl beobachtete. „In ihr sitzt die Angst, dass auch der einfachste Dieb Rache üben könnte. Und vor ihrem geistigen Auge sieht sie, wie er das Messer aus dem Stiefelschaft zieht.“