Klettern in Hamburg

Malte Weber führt ein Leben am Abgrund

Findet immer den richtigen Tritt: Malte Weber in der Kletterwand im Fitnesscenter
MeridianSpa in Eppendorf

Findet immer den richtigen Tritt: Malte Weber in der Kletterwand im Fitnesscenter MeridianSpa in Eppendorf

Foto: Michael Rauhe / HA

Der Betreiber zweier Kletterzentren im Norden hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Ein Jungunternehmer mit Lust auf Risiko.

Eigentlich wollte er den Tauchschein machen. Blöderweise hatte er beim letzten Kampfsporttraining vor dem Urlaub nicht aufgepasst und einen Schlag aufs Ohr abbekommen: Trommelfellriss. Aus der Traum vom Ein­tauchen in die schillernde Unterwasserwelt der Andamanensee in Thailand. „Aber nur am Strand rumzuliegen fand ich doof“, erzählt Malte Weber. Während der Freund, mit dem er diese Ferienreise nach dem Abitur damals machte, Spaß beim Tauchen hatte, langweilte er sich. „Zum Glück kamen diese Thai-Jungs vorbei.“ Sie hatten Seile geschultert, wollten offensichtlich klettern. Das will ich auch machen, dachte der frustrierte Sportfreak. Er sprach sie an, ging mit in die Felsen und war fortan von einem Virus infiziert, das ihn nicht mehr losließ.

Inzwischen ist Malte Weber 35 Jahre alt, Vater eines 13-jährigen Sohnes und Betreiber der Kletterhalle urban apes in Lübeck sowie der Kletterwand im Fitnesscenter MeridianSpa in Eppendorf. Außerdem ist er an einem Gastronomieprojekt mit Freunden beteiligt und findet nach dem Verkauf des ersten eigenen Mietshauses nachhaltige Immobiliengeschäfte interessant. Die unbeschwerten Wochen als Backpacker im Ferienparadies sind Teil seiner Vergangenheit, die er pro­blemlos als schöne Erinnerung vor seinem inneren Auge aufrufen kann: „Du hängst in den Felsen, neben dir toben Affen, und unter dir glitzert das unfassbar blaue Meer, gesäumt von Palmen. Mehr an Naturerlebnis geht nicht.“

An der Lust, draußen zu sein, sich in schwindelnder Höhe von Halt zu Halt zu hangeln und dabei einen beflügelnden Adrenalinkick zu spüren, hat sich bis heute nichts verändert. „Ein Tag raus an den Fels ist wie zwei Wochen Urlaub“, sagt Weber. Und auch wenn sich ein Teil seiner Leidenschaft inzwischen unter Dächern abspielt, ist es doch immer wieder die Herausforderung Natur, die ihn lockt, vorzugsweise nahe Hannover ins Weser-Leine-Bergland, dort wo im Gebirgszug Ith Norddeutschlands bedeutendster Kletterpark liegt. Dass Sohn Josh, mittlerweile ein sehr guter Kletterer, nun altersgemäß Fun-Sportarten wie Skateboarden oder Inlineskaten bevorzugt, akzeptiert der Vater schweren Herzens. „Ich bin ja froh, wenn er mir zuliebe noch mitkommt, wenn ich ihn frage. Es macht total viel Spaß mit ihm.“

Klettern ist seit Jahren ein Trend –etwa 200 Anlagen gibt es bundesweit

Damals jedenfalls, als Weber selbst noch Anfänger war, nahm ihn ein Freund erstmals mit zum Ith, und der spontane Ausflug geriet zur denkwürdigen Abenteuertour. Obwohl es schon dunkel war, stiegen die beiden Männer in eine Wand ein. „Es war gefährlich, völlig unvernünftig, aber ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde“, sagt Weber. Später lagen sie im Schlafsack in einer Felsspalte, über sich nur den Himmel und um sich herum die Geräusche der Nacht. Ein fast magischer Ort, auch weil Weber hier später mit einem Investor kletterte, der ihm half, die Halle in Lübeck zu finanzieren.

Klettern ist seit Jahren ein Trend. Etwa 200 Anlagen gibt es bundesweit. Der Deutsche Alpen Verein schätzt die Zahl der aktiven Sportler auf circa 500.000. Sportphilosoph Gunter Gebauer hält Klettern sogar für so attraktiv, dass es in seinen Augen olympiatauglich ist: „Das eigene Selbst als Ressource ist heute unglaublich wichtig für die Identitätssuche“, sagte er kürzlich dem „Tagesspiegel“. „Aber nicht nur für Manager. Sport als Parcours, in dem ich bei Risikoabwägung Hindernisse bewältige, ist ein entscheidendes Motiv, wenn sich Jugendliche für neue Sportarten interessieren.“

Das war auch bei Weber so. Und weil er jemand ist, der Wissen weitergeben möchte, wollte er Lehrer werden. Doch für die Kombination Sport und Informatik fand er keinen Studienplatz. Also schrieb er sich für Sozialpädagogik ein. Dann wurde die Freundin schwanger, und die Nebenjobs als Klettertrainer und Kampfsport-Kurse-Geber nahmen immer mehr Zeit in Anspruch. Hinzu kamen grundsätzliche Zweifel am Bildungssystem. „Egal, was wir machen, es ist vor allem darauf abgestimmt, wie Wirtschaft funktioniert. Das geht an den Ideen und Wünschen vieler Menschen vorbei“, sagt er.

Weber ist in den 80ern geboren. Diese Plus-minus-Dreißigjährigen, von Soziologen als „Generation Y“ bezeichnet, wollen vor allem eine gute Work-Life-Balance. Sie haben klare Vorstellungen von ihren Bedürfnissen. Den Kompromissen, die dafür vielleicht nötig sind, wollen sie so wenig Raum wie möglich geben. Freizeit, Familie, Sinnhaftigkeit sind Begriffe, die sie leben und erleben wollen. Die Statussymbole ihrer Väter und Mütter interessieren sie nicht besonders. Nicht besitzen, sondern teilen ist ihre Maxime. Zumindest in der Theorie und in diesem Lebensabschnitt. In der Weltsicht des Malte Weber hört sich das so an: „Ich habe nach der Schule beschlossen, nie wieder Zeit mit etwas zu verbringen, was mir keinen Spaß macht.“

Ein Puzzleteil für diese Einstellung ist wohl das zu Hause vermittelte Rollenbild. Mutter Renate lebte dem Sohn alleinerziehend und als Physiotherapeutin mit eigener Praxis zufrieden machende Selbstständigkeit vor. „Vielleicht habe ich deshalb eine Abneigung gegen einen Nine-to-five-Arbeitsalltag entwickelt“, mutmaßt er heute. Für den smarten Studenten war jedenfalls früh klar, dass sein Weg nicht fremdbestimmt in Institutionen und auch nicht in Unternehmen enden würde.

Zeitungen, Fernsehen und Radionutzt er seit 20 Jahren nicht mehr

Mit seiner Kleinfamilie zog er in eine Haushälfte mit Blick auf ein Rapsfeld. Der Sohn besucht inzwischen die Rudolf-Steiner-Schule in Harburg. Um in die Klassenzimmer zu kommen, muss man geschätzt 200 Stufen durch den Wald hinaufsteigen. „Ein schöner Ort für Kinder mit tollen Lehrern“, sagt der Vater, der sich gern für die anthroposophische Lehre und ihre Werte begeistern lässt. „Mag sein, dass die Schüler in der dritten Klasse weniger perfekt lesen als anderswo“, sagt er. „Aber ich bin sicher, dass sie dort eine Vorbereitung aufs Leben bekommen, die ihnen vielleicht dabei hilft, einen Weg zu finden, der zu ihnen passt.“

Auf der Suche nach dem eigenen Lebensweg zeigte Weber durchaus Lust auf Risiko. Nachdem er diverse Ver­suche in Richtung Selbstständigkeit erfolglos wieder abgebrochen hatte, besann er sich auf das, was er kann und was ihm Spaß macht: das Klettern. Er schlug dem Geschäftsführer des Meridian vor, ihm, dem Trainer, die Kletterwand zu verpachten, die er mit einer eigenen Firma betreiben wollte. „Eine Win-win-Situation für beide Seiten. Innerhalb eines Jahres habe er den Umsatz, der bis dahin an der Wand in zehn Jahren gemacht worden war, vervierfacht, erzählt Weber. Parallel dazu bot er Kletterreisen an, gründete eine Kletterschule, fand jemanden, der ihm eine Webseite baute, und stellte irgendwann fest, dass „ich auf Dauer mit diesem persönlichen Einsatz so nicht weitermachen konnte und wollte“.

Dabei half, dass zur Facebook-Zeit unbedingt das Wort Freund gehört und folgerichtig auch arbeiten mit Freunden. Weber fand über die Kletterei jemanden, der hatte, was ihm noch fehlte, nämlich „Ahnung vom Business“: Lars Großkurth, Marketingchef bei Reemtsma, „ein furchtbar cooler Typ und menschlich auf dem richtigen Pfad“. Auf den Autofahrten zum Kletterpark im Ith schwärmte Weber von seinem Traum, eine eigene Kletterhalle zu betreiben. Irgendwann sagte der Beifahrer: „Du, Malte, ich bin jetzt so weit. Wir machen das.“ Seit 2012 sind die „Stadtaffen“ Gastgeber im Urban apes-Kletterzentrum in Lübeck. In der ehemaligen Gasanstalt bietet die umgebaute Fabrikhalle auf 900 Quadratmetern Kletterfläche. „Herzstück ist mittlerweile Nick Mammel, ein toller Mensch, der die Anlage autark von uns drei Gesellschaftern leitet.“

Keine Angst vor Veränderungen haben, loslassen können, Lust auf Neues haben sind Erwartungen ans Leben, die Malte Weber für sich kultiviert. Manchmal führt diese Haltung, natürlich, auch zu schmerzhaften Erlebnissen. Vergangenes Jahr hat er durch Spekulationen an der Börse fast sein gesamtes Kapital verspielt. „Davon bin ich kuriert“, sagt er. Überhaupt ist dieser Mittdreißiger mit der perfekten Kletterfigur eine widersprüchliche Mischung. „Werte sind mir wichtig“, sagt er. „Ich gucke mehr auf das Wie und Warum als auf das Was.“

Dass der Investorfreund Teil der umstrittenen Zigarettenindustrie ist, bereitet dem Fastveganer und Meditationsfan keine Probleme. Auch nicht, dass Immobilienmakler ein schlechtes Image haben: „Jede hässliche Branche hat auch schöne Seiten. Ich lasse ökologisch korrekt bauen.“ Sein VW-Bus ist ein T5, also ein moderner Multivan. Das Internet? „Eine moderne Müllhalde“. Aber beruflich wichtig. Zeitungen, Fernsehen, Radio benutzt er seit 20 Jahren nicht mehr. „Was draußen in der Welt passiert, kann ich nicht beeinflussen. Deshalb kanalisiere ich meine Energie auf meinen Einflussbereich.“ Und stellt sogleich klar: „Ich will ein heiles Leben haben und mich weiterentwickeln. Ja. Aber nicht, weil ich ein furchtbar egoistischer Mensch bin, sondern weil ich glaube, dass ich mit den richtigen Dingen in meinem Einflussbereich wirklich etwas verändern kann und damit meinen Teil dazu beitrage, dass alles ein bisschen besser wird.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.