Der rote Faden

Ellen Borstelmann bleibt immer auf dem Teppich

 Ellen Borstelmann arbeitet in einem von Männern dominierten Beruf. Sie versucht, als Frau ihren Mann zu stehen – und dabei Frau zu bleiben

Ellen Borstelmann arbeitet in einem von Männern dominierten Beruf. Sie versucht, als Frau ihren Mann zu stehen – und dabei Frau zu bleiben

Foto: Roland Magunia / HA

Unternehmerin handelt nicht nur mit hochwertigen Bodenbelägen, sie bietet dazu auch die klassische Handwerkskunst an.

Manchmal betreten Kunden ihr Geschäft an der Eppendorfer Landstraße und fragen erst einmal nach dem Chef. Sie fragen nach Nils Borstelmann, dessen Name über dem Eingang und an den Schaufenstern prangt. Dann tritt Ellen Borstelmann vor und fragt so etwas wie: „Was kann ich für Sie tun? Oder möchten Sie sich vielleicht erst einmal umschauen?“

Manchmal, wenn sich aus diesem ersten Kontakt ein weiterführendes Verkaufsgespräch ergeben sollte, erfahren diese Kunden vielleicht, dass Ellen Borstelmann längst die Chefin dieses alteingesessenen Eppendorfer Teppichgeschäfts mit seinen fünf Angestellten ist. Seit 15 Jahren schon. Und manchmal kommen auch Ältere, die Stammkunden, vorbei, die noch immer von ihrem Mann reden, der vor 15 Jahren, viel zu früh, gestorben ist.

Das Wort Teppichgeschäft klingt vermutlich ein wenig zu profan. Denn Nils Borstelmanns Philosophie war es, „Mode für den Boden“ zu gestalten und sich ausschließlich auf hochqualitative, man könnte auch sagen: edle, Teppiche und Bodenbeläge zu konzentrieren, gepaart mit traditioneller Handwerkskunst. Dazu gehört zum Beispiel das Verlegen eines klassischen Sisalläufers mit Ösen und Stangen auf einer Treppe, die vielleicht auch noch eine oder mehrere Windungen besitzt. Kein Job für Anfänger, sondern einer mit hohem Schwierigkeitsgrad.

„Unser großes Plus ist das Handwerk, das hochwertige Einfassen von Teppichen, das großflächige Verlegen und Verspannen. Ich sehe es als meine Aufgabe an, dieses Geschäft genau in diesem Sinne weiterzuführen“, sagt Ellen Borstelmann, „aber das empfinde ich nicht als Pflicht. Nein, das Lebenswerk meines Mannes ist meine Berufung. Am Anfang hab’ ich es versucht, doch jetzt, nach 15 Jahren, darf ich wohl sagen: Ich kann es.“

Es sei ein von Männern dominierter Beruf, meint sie, „also blieb und bleibt mir nichts anderes übrig, als Frau meinen Mann zu stehen und dabei zu versuchen, Frau zu bleiben.“ Doch wenn sie größere Teppiche ausliefern, kann es durchaus passieren, dass sie ihre großen silbernen Ringe von den Fingern streift, Arbeitshandschuhe überzieht und mitschleppt. Sie feiert in diesem Jahr das 40-jährige Bestehen des Unternehmens, aber ohne Pomp und bunte Luftballons, ohne Jubiläumsangebote, ohne Werbung. „Schon mein Mann hat sich immer auf die Mundpropaganda verlassen können.“

Ellen Borstelmann ist jetzt 62. Aus ihrem Alter macht sie keinen Hehl. Das muss sie auch nicht, diese schlanke, sportliche, hochgewachsene Frau, die ihre glatten silbergrauen Haare halblang und offen trägt. Keine Tönung, keine Strähnchen, „Natur pur und immer eine Spur dezenter, als ich vielleicht muss“, sagt die passionierte „Schönwetter-Rennradfahrerin“, die sich zumeist sonntags („wann denn sonst?“) in den Sattel („aber immer mit Helm!“) schwingt und vom Schlump aus (wo sie wohnt) über Tatenberg an der Dove Elbe (wo ihr Vater wohnt) und Bergedorf eine 60-Kilometer-Schleife absolviert, ohne großartig aus der Puste zu kommen.

Für den Fototermin habe sie sich „natürlich etwas aufgehübscht“, aber jetzt trägt sie wieder ein lässiges graues Adidas-Sweatshirt, graue Jeans und grau-blaue Stiefeletten mit höheren Absätzen, die sich allerdings beim näheren Hinsehen als ziemlich schnieke herausstellen.

„Tja, wir befinden uns ja auch in der Straße der starken Geschäftsfrauen“, sagt sie, „Cornelia Poletto, Anita Hass, Gunhild Schiffer, Susanne Steinke ...“ Ihren eigenen Namen lässt sie bescheiden „dann mal raus“.

Ellen Borstelmann spricht „’n gaaanz büschen breit“, unverkennbar Hamburgisch, und wenn sie will oder muss, schnackt sie Platt. „Ich bin ja auch ein Mädchen aus den Vierlanden“, sagt sie mit einem koketten Augenaufschlag. Dort, in Tatenberg, ist die Deern aufgewachsen, als zweites von drei Kindern, in einem Handwerkerhaushalt. Ihr Vater war Maurer- und Fliesenlegermeister, der selbst vier Geschwister hatte, ein Kind aus der Kriegsgeneration, der mit Steckrüben groß geworden war. Die Mutter arbeitete im väterlichen Geschäft mit, Oma war aber immer für die drei Geschwister da. Fleisch gab es nur sonntags. „Die Menschen hatten damals nicht viel, aber was sie hatten, haben sie gern gegeben“, sagt Ellen Borstelmann. „Auch schon deswegen würde ich nicht sagen, dass ich eine harte Kindheit und Jugend verleben musste, im Gegenteil: Ich glaube, dass es eine gute Kindheit war. Ich besaß eine Puppe und einen Puppenwagen, und wenn es das Wetter zuließ, haben wir Kinder draußen gespielt.“

Nur an einen gemeinsamen Familienurlaub kann sie sich nicht erinnern, denn den hatte es nie gegeben. „Meine erste Ferienreise habe ich mit einer Freundin und deren Eltern unternommen. Damals war ich 18 oder 19, und meine Eltern mussten mir noch eine schriftliche Erlaubnis mitgeben, da man ja erst mit 21 volljährig war.“

Die Jahre hinterm Deich, sagt sie, hätten sie geprägt, was vor allem gut sei für ihr jetziges Tun, denn sie wisse dadurch ganz genau, wie Handwerker ticken, mit denen sie jetzt täglich zu tun habe. Während ihr älterer Bruder den Beruf des Vaters ergriff und der jüngere zur Post ging, hatte sie ihr weiterer Lebensweg zunächst in die Hamburger Volksbank geführt, wo sie nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau viele Jahre als Kundenbetreuerin arbeitete. Sie heiratete, bekam einen Sohn – Gerrit, mit dem sie bis heute „ein ganz wunderbares Verhältnis habe“, sagt sie – und trennte sich von ihrem Mann. So was passiert, aber darüber mag sie nicht reden.

Dann, eines schönen Tages, saß ihr ein gewisser Nils Borstelmann am Schreibtisch gegenüber. Ein Geschäftskunde. Ihr Sohn arbeitet übrigens heute in derselben Bank wie seine Mutter damals, „so schließt sich ein Kreis“, sagt Ellen Borstelmann.

Nachdem sie 1988 zum zweiten Mal geheiratet hatte – auch für Borstelmann war es die zweite Ehe –, half sie ihrem Mann bei der Buchführung. Eine Zeit lang arbeitete sie parallel, „bis ich mich schließlich entschied, aus meinem schönen soliden Beruf auszusteigen und mich in die Selbstständigkeit zu stürzen“. Was in ihrem Fall auch solide war, aber dafür ungleich schöner. Was an den Stoffen, den Materialien und der anspruchsvollen Aufgabe lag, aus allen Anforderungen und Wünschen, die ein Kunde hat, im Gespräch sowie vor Ort genau den einen Teppich herauszufiltern, der passt. Und der jahrelang Freude machen soll. „Mit den Kunden spreche ich zwar nur über den Boden, aber letztlich sollte das ganze Bild stimmig sein“, sagt sie. Und überhaupt seien Teppiche kein Luxusgut, fährt Ellen Borstelmann fort, sondern ein sehr alter und bewährter Einrichtungsgegenstand, um in einem Zuhause für Behaglichkeit zu sorgen, für Wärme und für eine bessere Akustik.“

Wenn man ihr gegenüber jedoch den Begriff „Staubmilbe“ erwähnt, wird ihr Blick scheel, beinahe ein bisschen spöttisch. „Nicht dass ich es den betroffenen Menschen absprechen will, dass sie auf Milben allergisch reagieren – die sich übrigens noch viel lieber in den Bettmatratzen vermehren“, sagt Ellen Borstelmann, „aber die Teppichindus­trie hat in den vergangenen Jahren fantastische Materialien entwickelt, denen du es nicht mehr ansiehst, dass es sich um Kunststoffe handelt, die von den Milben verschmäht werden.“

Was Ellen Borstelmann ebenfalls nicht gut leiden kann, sind Kompromisse: „Wenn ich der Meinung bin, dass ein Teppich an dieser oder jener Stelle nicht ratsam ist, sage ich das auch. Und wenn Kundenpaare sich untereinander nicht einigen können, versuche ich ihnen zu vermitteln, dass ein Kompromiss ebenfalls Geld kostet, aber nicht zufrieden macht.“

Apropos Geld. Was Ellen Borstelmann nämlich absolut nicht leiden kann, ist das Vorurteil, „dass man als relativ kleines Geschäft in Eppendorf im Ruf steht, besonders hochpreisig zu sein. Aber das stimmt absolut nicht, wenn man sich allein den enormen Aufwand betrachtet, den man für einen Teppich vom Webstuhl bis hin zum Verlegen betreiben muss. Es geht doch um die Wertigkeit des Produkts.“ Und die scheint zu stimmen. Sie merke es leider auch daran, dass sie in den vergangenen Jahren häufiger an Kunden aus der „Geiz-ist-geil“-Fraktion gerät, die ihr Know-how und ihre Zeit beanspruchen, um sich intensiv beraten zu lassen. „Dann fahren wir hin, nehmen Muster mit, messen aus, schreiben Angebote, aber plötzlich: Still ruht der See!“, sagt sie.

Ellen Borstelmann weiß natürlich, dass auch solche Erfahrungen zum Los des dienstleistenden Handwerks gehören. Wie auch die zunehmende Lust der Kunden am Feilschen. „Dann denke ich immer, Rabatte gibt’s im Blumenbeet und Prozente in der Kneipe. Worüber reden wir?“ Ob diese Leute bei Cornelia Poletto auch versuchen würden, den Preis für deren berühmtes halbes Rosmarin-Huhn von 21,50 Euro herunterzuhandeln? „Nee“, sagt Ellen Borstelmann und lacht, „diese Leute geben sogar noch Trinkgeld!“