Persönlich

Henning Rademacher: Ein Museumsmann auf großer Fahrt

Henning Rademacher steht in seinem Speicherstadtmuseum, in dem er erst relativ
spät im Leben seine berufliche Erfüllung fand

Henning Rademacher steht in seinem Speicherstadtmuseum, in dem er erst relativ spät im Leben seine berufliche Erfüllung fand

Foto: Michael Rauhe

Der 70-Jährige war Kapitän und Buchhändler – heute ist er Chef des Speicherstadtmuseums, auf eigenes Risiko.

Hamburg.  Henning Rademacher ist Hamburger, Seefahrer und interessiert sich für Geschichte. Dass einer wie er 1995 das Speicherstadtmuseum gründete, erscheint da nur logisch, geradezu wie ein geradliniger Lebensweg. Aber Henning Rademachers Geschichte ist eine, in der viele Konjunktive vorkommen. Er hätte Kapitän werden können, hätte als Volkswirt arbeiten können oder als Buchhändler. Nichts davon wäre unwahrscheinlich gewesen: Rademacher hat sein Kapitänspatent erworben, er hat VWL studiert und auch mal einen Buchladen eröffnet. Aber im entscheidenden Moment musste immer eine Veränderung her. Zweimal kam der Schubs von anderen: Sein Vater schrieb ihn an der Hamburger Uni ein, ein Freund hatte die Idee mit dem Buchgeschäft. Vor 20 Jahren gründete Rademacher dann das Speicherstadtmuseum, sein eigenes „Baby“. Es soll, so sagt er zumindest jetzt, mit 70 Jahren, seine letzte Arbeitsstation sein.

Das Speicherstadtmuseum ist eine private Außenstelle des Museums für Arbeit, die Rademacher auf eigene Kosten und Risiken betreibt. Im vergangenen Jahr haben sich 56.000 Besucher die Ausstellung am Sandtorkai 36 angesehen, Anfang Juli könnte das Museum als Teil der Speicherstadt zum Weltkulturerbe ernannt werden. Klingt nach einem Erfolg. „Naja. Ich dachte mehrfach, wir gehen unter“, sagt Rademacher, und berichtet von wenigen Besuchern, zwei kalten Wintern in Folge und keiner Heizung im Gebäude. Rademacher erzählt viele Geschichten, aber ohne große Worte.

Erst Schiffsjunge, dann Kapitän, schließlich schwuler Buchhandel

Rademacher wurde 1944 in der Wesermarsch geboren, wohin seine Eltern als Ausgebombte geflohen waren. 1948 zog die Familie zurück nach Hamburg, der Sohn spielte in Winterhude zwischen Trümmern und ging später auf die Heinrich-Hertz-Schule. Die Liebe zur Seefahrt lag in der Familie: Sein Großvater mütterlicherseits war Kapitän gewesen, „Muttern“ selbst hatte zwei Jahre mit ihrem Vater am Panamakanal verbracht, wo das Schiff während des Krieges festsaß.

Aber die Liebe zur Seefahrt reichte bei Rademacher nicht. Er war zwar Schiffsjunge, bekam sein Seemanns- und später sein Kapitänspatent, aber dann „hatte ich andere Ideen“. Auf der Fahrt von der Westküste Nordamerikas nach Korea telefonierte er mit seinem Vater, der wenig später verstarb, ihn aber noch für VWL an der Hamburger Universität eingeschrieben hatte. Dann passierte etwas, was vielleicht nicht optimal lief, worauf Rademacher aber bis heute stolz ist: Mit einem Freund gründete er 1981 aus der Schwulenbewegung heraus die Buchhandlung „Männerschwarm“ am Neuen Pferdemarkt. Das war 1981, ein Jahr, nachdem Schwule und Lesben erstmal in Hamburg beim Christopher Street Day für ihre Rechte auf der Straße waren.

„Männerschwarm“ – inzwischen in St. Georg ansässig – hat Anfang des Jahres geschlossen. Für Henning Rademacher ist schon lange Schluss. Nach kurzer Zeit sei „Kriegszustand“ unter den Gründern ausgebrochen. „Ich habe mich zurückgezogen. Das war das Beste, was ich machen konnte.“ Für Hamburg und seine vielen Touristen war es bestimmt das Beste, denn Rademacher „infizierte“ sich nun mit der Hafengeschichte. Schuld war ein weiterer Konjunktiv, denn Rademacher hätte ein Buch über 100 Jahre HHLA, die Hamburger Hafen und Logistik AG, schreiben sollen. Das Projekt wurde letztlich nicht wie geplant realisiert, aber Rademachers Interesse war geweckt, und er wurde Volontär beim Museum der Arbeit und erarbeitete die Ausstellung „Speicherstadt – Baudenkmal und Arbeitsort seit 100 Jahren“. Als die Exponate nach einigen Jahren nur noch für angemeldete Gruppen zugänglich waren, war Rademacher fast 50. Während andere langsam anfangen, die Jahre bis zur Rente und den hochgelegten Füßen am Kamin zu zählen, überlegte er, „was ich als nächstes vorhabe“. Die Lösung: Er machte sich selbstständig, gründete das Museum, gibt bis heute Führungen, leitet ab und zu Barkassenfahrten, bei denen er über die Veränderungen im Hafen spricht.

Der erzwungene Umzug des Museums vor drei Jahren von Block R nach Block L fraß Rademachers komplette Ersparnisse auf. „Ich bin jeden Tag hier, das ist mein Leben“, sagt Rademacher, der seit 32 Jahren auf St. Pauli wohnt.

Als Passagier würde er auch gern mal wieder auf See fahren. „Aber nicht auf einem Kreuzfahrtschiff.“ Die „freie und Eventstadt Hamburg“, nerve zwar manchmal. „Aber ich bleib hier“, sagt Rademacher und klingt ein wenig trotzig dabei.