Uwe Casper ist seit zehn Jahren der Honorarkonsul von vier Inselchen und fünf Atollen mit Namen Tuvalu. Uwe Casper vertritt das pazifische Miniaturwunderland zugleich in der gesamten Bundesrepublik.

Hamburg. Tuvalu ist ein Inselstaat von überschaubarer Größe. Genauer gesagt: der viertkleinste Staat der Welt – größer wenigstens als die Insel Nauru, als Monaco und Vatikanstadt. Tuvalu, das sind vier Inseln und fünf Atolle im Südpazifik, 2500 Kilometer östlich von Nordaustralien und Papua-Neuguinea, 1000 Kilometer südlich des Äquators. 25,66 Quadratkilometer – alle zusammen. Etwa 11.000 Einwohner hat das Land. Und Uwe Casper, seit zehn Jahren sein Honorarkonsul in Hamburg.

Die Ellice Islands waren bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1978 britische Kronkolonie. Heute gehört Tuvalu – der Konsul betont es auf der zweiten Silbe – zum Commonwealth, Staatsoberhaupt und oberste Chefin auch von Uwe Casper ist die britische Königin. Das Land hat das internationale Kfz-Kennzeichen TUV, das von ein paar Autos und Motorrädern auf acht Kilometern asphaltierter Straßen spazieren gefahren wird.

Einen eigenen Botschafter in Berlin hat Tuvalu nicht, der in Brüssel kümmert sich um Deutschland mit. Und Uwe Casper vertritt das pazifische Miniaturwunderland nicht nur in der Hansestadt, wo immerhin 42 Menschen mit tuvalesischem Pass registriert sind, sondern zugleich in der gesamten Bundesrepublik.

Was verbindet Hamburg so eng mit Tuvalu, dass es hier konsularisch vertreten sein will? Wo doch nicht ein einziges Exponat aus Tuvalu im Völkerkundemuseum auf historische Bande verweist? Des Rätsels Lösung: Hamburger gründeten in Tuvalu in den 1980er-Jahren eine Seefahrtschule. Die Seeleute von dort wurden auf deutschen Schiffen beschäftigt. „Billigmatrosen“, monierten Kritiker, „Entwicklungshilfe“, meinten die Betreiber.

Arbeitsplätze sind Mangelware in Tuvalu, wo nur ein bisschen Kopra – die Grundlage für Palmfett – , Fischereilizenzen und die bunten Briefmarkenserien etwas Geld in die Kasse bringen – da ist die Internet-Domain .tv eine willkommene Einnahmequelle. Wirtschaftshilfen kommen überwiegend von Australien, Neuseeland, Japan und Taiwan.

Der Gründer der Seefahrtschule, Peter Feist, wurde 1985 erster Konsul von Tuvalu in Hamburg. Heute fahren 200 Tuvalesen unter deutscher Flagge zur See, zwei Prozent der Gesamtbevölkerung, umgerechnet auf Deutschland wären da 1,6 Millionen Menschen unterwegs. Die Hamburger Reederei Ahrenkiel ist der zweitgrößte Arbeitgeber Tuvalus nach der Regierung.

Uwe Casper, geboren in Hamburg, Diplomkaufmann, war von 1997 bis 2010 Geschäftsführer der Reederei, und weil hin und wieder tuvalesische Seeleute in Hamburg Hilfe brauchen oder ein Pass verlängert werden muss, wurde er 2003 Nachfolger von Peter Feist. Zwei-, dreimal im Jahr, wenn der globale Anstieg des Meeresspiegels mal wieder zum Thema wird, klingelt bei ihm das Telefon: Ob Tuvalu dann von der Erd-, pardon: Meeresoberfläche verschwinde?

Liegt doch das Land im Schnitt nur zwei Meter über dem Meeresspiegel, die höchste Erhebung ragt ganze fünf Meter in den Himmel. Aktuell müsse man sich keine Sorgen machen, sagt der Konsul. Wissenschaftler haben auf Satellitenbildern sogar herausgefunden, dass sich das Land vergrößert – dank der fleißigen Korallen.

Trotzdem gibt es immer wieder Vorschläge zur kollektiven Auswanderung. Sie werden genauso regelmäßig verworfen. Die drängenden Probleme, sagen Experten, sind ohnehin ganz andere: Umweltverschmutzung, Alkohol, Gewalt, Korruption, und die Abhängigkeit von Wirtschaftshilfen.

Dreimal ist Casper schon nach Tuvalu gereist. Jedes Mal eine Flugreise von 36 Stunden pro Strecke. Er kann also berichten: 5000 Menschen wohnen auf Fogafale, der bewohnten Insel des Atolls Funafuti. Dort, im Hauptdorf und Regierungssitz Vaiaku, gibt es den internationalen Flughafen, der von Fidschi aus mit kleinen Maschinen angeflogen wird, zweimal pro Woche. Sowie Hotel, Tankstelle, Bank und den einzigen Supermarkt – Hauptstadtleben. Dagegen dürfte Niulakita mit gerade mal 35 Einwohnern nur für soziophobe Zeitgenossen der Himmel auf Erden sein. Touristen verirren sich selten nach Tuvalu.

Wenn der Konsul kommt, wird gefeiert. „Das sind wunderbare Leute dort, gastfreundlich, sehr zuvorkommend, höflich, interessiert. Auch gebildet. Studieren müssen sie außerhalb ihrer Inseln. Viele haben heute eine sehr gute Ausbildung.“ Für die Feier wird ein Schwein geschlachtet und geröstet – eine hübsche Abwechslung zum Importessen, den chinesischen Restaurants und zum ewigen Fisch. Es gibt Musik und Tänze der Insel. Man kennt sich, bis hinauf zum einheimischen Regierungschef.

Die Leute dort werden sich kaum vorstellen können, was das konsularische Leben in Hamburg für ihren Vertreter bedeutet. Uwe Casper ist ganz bestimmt kein Gesellschaftslöwe, aber er besucht schon Ereignisse wie den großen konsularischen Empfang der afrikanischen Länder, das konsularische Dinner, das Matthiaemahl, die Treffen der Konsuln einmal pro Monat im Anglo German Club.

Vor drei Jahren hat er sich selbstständig gemacht, mit einer Technik, die das Bilgenwasser von Seeschiffen an Bord entölen kann. „Mal was ganz anderes sagt er.“ Das Konsulat hat er inzwischen an seinen Wohnsitz nach Seevetal verlegt. Ob es ihn noch einmal nach Tuvalu zieht? „Falls mich meine Wege wieder mal in diese Gegend der Welt führen.“ Man kann es dort aushalten, sagt er. „Wenn man mit ein bisschen Strand zufrieden ist.“