Hamburg Persönlich

Uly Neuens: Der Helden-Tenor von St. Pauli

Der gebürtige Franzose Uly Neuens sang an den großen Opernhäusern der Welt. Heute ist der Hein-Köllisch-Platz die Bühne des 50-Jährigen.

St. Pauli. Noch vor einigen Jahren stand Uly Neuens auf den Opernbühnen dieser Welt. Heute hat er die Opéra Garnier in Paris gegen den Hein-Köllisch-Platz in Hamburg getauscht.

Er ist wieder da. An diesem späten Montagnachmittag steht er mitten auf dem Hein-Köllisch-Platz und singt, wie man es sonst nur aus der Staatsoper kennt. "Dies Bildnis ist bezaubernd schön", hallt es die Straßen zur Elbe hinunter. "O wenn ich sie nur finden könnte. O wenn sie doch schon vor mir stände." Bis zur Reeperbahn hinauf, kann man ihn singen hören. Schaulustige kommen herbei, und die Kinder einer nahe gelegenen Ganztagsschule machen Stopp auf ihrem Nachhauseweg, um dem Meistersinger zuzujubeln. Anwohner applaudieren vom Balkon, und der Inhaber eines Cafés bringt ein Stück Kuchen vorbei.

Ja, der Hein-Köllisch-Platz ist seine Bühne. Lange musste Uly Neuens in diesem Jahr auf den heutigen Tag warten. Doch mit dem Frühling ist auch er wieder hier. Sobald die Sonne über den Dächern der Stadt strahlt und das Thermometer den zweistelligen Bereich erreicht, macht sich der Tenor von Lokstedt aus auf den Weg zu seinem Auftrittsort. Fast an jedem sonnigen Nachmittag steht er in den frühen Abendstunden auf dem ruhig gelegenen Platz zwischen Reeperbahn und Elbe und sorgt mit seiner Stimmgewalt für staunende Gesichter.

Noch vor einigen Jahren stand der 50-Jährige auf den Opernbühnen dieser Welt. Paris, Madrid oder Shanghai - sein Talent führte ihn einmal um den Globus. Mit dem französischen Dirigenten Marc Minkowski reiste er durch Europa, um Mozarts "Zauberflöte" auf die Bühnen zu bringen. Sein musikalisches Talent erkannte der gebürtige Franzose erst sehr spät. Durch einen seiner vielen Gelegenheitsjobs lernte er mit Ende 20 in Paris einen erfahrenen Gesangslehrer kennen. Obwohl Uly Neuens nie ein Instrument gespielt, nie im Chor gesungen hatte und auch keine Noten lesen konnte, gab der Lehrer ihm eine Chance. "Ich habe schnell gemerkt, dass das Singen meine Bestimmung ist", sagt Uly Neuens. An drei Tagen in der Woche besuchte er den Unterricht. Acht Monate dauerte es, bis Uly Neuens seine erste Arie beherrschte. "Bis dahin war ich nur Mittelmaß. Doch mit der Geburt meiner ersten Tochter kam auch die Stimme." Von da an ging es steil bergauf. Über zehn Jahre hat er in den größten Opernhäusern Frankreichs gesungen, davon vier Jahre in Lyon und fünf Jahre in Paris. 2006 lernte er in Paris eine deutsche Journalistin kennen und folgte ihr schon zwei Jahre später nach Hamburg. George Petean, lange Zeit Bariton an der Hamburger Staatsoper, versuchte vergeblich, Uly Neuens zu überreden, seine Karriere auf der Opernbühne der Hansestadt fortzusetzen.

Doch Uly Neuens will seinen eigenen Weg gehen. Wie bei jedem guten Künstler ist es vor allem sein Idealismus, der ihn antreibt. Neben großen Opern und Arien begeistert sich Uly Neuens seit Jahren auch für Oratorien, Kirchengesänge und vor allem Reggae. "Ich mag mächtige Stimmen und lauten Bass", sagt er und lacht. In Zusammenarbeit mit dem Label Irie Ites Music hat er im vergangenen Jahr eine erste Single auf den Markt gebracht, "eine Mischung aus Oper und Dubstep mit einer gehörigen Portion Reggae", wie er sagt. Uly Neuens lächelt neugierig, wenn er stolz ein Stück vorspielt, und bedankt sich dreimal für jedes Wort der Anerkennung. Zum Geldverdienen reicht es jedoch bei Weitem nicht. "Ich habe alles, was ich brauche, aber nie mehr", sagt Uly Neuens.

Als anerkannter Opernsänger verdiente er gut. Heute hat er sich daran gewöhnt, bescheiden zu leben. Die Zeit, die er jetzt für sich und seine Musik hat, sei ihm wichtiger als geregeltes Einkommen. In Hamburg schlägt er sich nebenbei immer wieder mit kleineren Nebenjobs durch.

Bei der Arbeit in einem Lokal an der Großen Elbstraße lernte Uly Neuens im vergangenen Jahr einen jungen Mann aus Mali kennen. Die Sprache verband die beiden Männer, und auf ihrem gemeinsamen Heimweg stoppten die beiden auf dem großen Platz unweit der Elbe. "Wir hatten Hunger, aber nicht genug Geld zum Essen. Wenn wir schon nicht essen können, sagte ich, dann singe ich für dich", erzählt Uly Neuens. Es war sein erster Auftritt auf der Straße. Mit jedem Vers füllte sich der Platz, Menschen kamen aus den Häusern und spendeten Beifall. "Ich wusste: Das ist der richtige Ort."

Bis heute ist der Hein-Köllisch-Platz auf St. Pauli sein persönliches Opernhaus. Einzig der Vorhang fehlt. "Es macht mich nicht reich, aber es tut mir gut", sagt Uly Neuens und lacht. Hier kann er sein, wie er ist. Er mag die Menschen, die hier leben und immer auf die Straße kommen, wenn er da ist. Und sie mögen ihn. Seine fröhliche und stets charmante Art, die durch seinen französischen Akzent nur verstärkt wird, machen ihn zu einem gern gesehenen Gast auf St. Pauli. Irgendwann, so hofft Uly Neuens, will er mit einer Band kommen, einem DJ, einem Männerchor und einer afrikanischen Trommelgruppe. Es ist sein großer Traum, Musik zu machen, die man so noch nie gehört hat. Bis dahin will der Tenor auch in diesem Sommer seinen Fans treu bleiben.

Zwei Löffel Honig, ein kurzes Räuspern, dann geht Uly Neuens wieder auf den Hein-Köllisch-Platz und tut das, was er am liebsten mag: Singen. Für das "beste Publikum der Welt", wie er sagt.