Musiker

Michael Pritzke: Von der Straße in die Charts

Seit zehn Jahren lebt Michael Pritzke im Wohnmobil, arbeitet als Musiker in Fußgängerzonen - jetzt hat ihn ein Hamburger Produzent entdeckt.

Hamburg. Irgendwie klingt die folgende Geschichte wie ausgedacht, wie die Idee eines kreativen Drehbuchautors aus Hollywood. Doch die Geschehnisse sind wahr, und sie passierten auf den Straßen unserer Stadt. Und sind der beste Beweis dafür, dass derjenige seine Träume verwirklichen kann, der an ihnen festhält. So wie Michael Pritzke - der Straßenmusiker steht am Beginn einer vielversprechenden Karriere im professionellen Musikgeschäft.

Michael Pritzke kommt 1969 in Dresden zur Welt. Als Jugendlicher in der DDR lechzt er nach mehr Freiheit. Ein Gefühl, das er mit den Platten von Bob Dylan, Bruce Springsteen und Udo Lindenberg auslebt. "Udo hat sich mit seinen Texten viel um die Ostdeutschen gekümmert. Er war eine Art Verbindungsmann in den Westen", so Pritzke. Getrieben von dem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung unternimmt Pritzke, der sich zu dieser Zeit sein Geld als Dachdecker verdient, im August 1989 einen ersten Fluchtversuch, wird aber an der ungarischen Grenze gestoppt. Einen Monat später hat er Glück: Ihm gelingt der Schritt über die Grenze, wo er mit Tausenden anderen Flüchtlingen auf die politischen Entscheidungen wartet, die die Welt verändern. Um sich selbst und den Wartenden Mut zu machen, greift er zur Gitarre. "Die Musik hat uns Hoffnung gegeben", sagt er.

Kurz darauf fällt die Mauer, Pritzke kehrt zurück nach Dresden und nimmt einen Job als Bauleiter an. Ein paar Jahre später folgt der entscheidende Bruch: Das Bauunternehmen muss Standorte schließen, Pritzke verliert seinen Job und trifft die Entscheidung, sein Leben zu verändern. Er beschließt, seinen Traum von der Freiheit zu leben und seiner Leidenschaft, der Musik, nachzugehen. Er kauft sich ein Wohnmobil, minimiert sein Hab und Gut, reist quer durch die ganze Republik. Sein Geld verdient er sich als Straßenmusiker. "Am Anfang war es schwierig, aber irgendwann weiß man, wo man sich zum Spielen hinstellen muss", sagt Pritzke. Seit zehn Jahren lebt der 43-Jährige nun schon auf sieben Quadratmetern. Halt macht er immer da, wo es ihm gerade gefällt - am liebsten in Hamburg. "In der Nähe von der Strandperle gibt es einen wunderschönen Platz mit direktem Blick auf den Hafen und die Elbe." Er habe schon immer eine besondere Verbindung zur Hansestadt gehabt, sagt Pritzke. "Schon während der DDR war Hamburg eine Partnerstadt von Dresden. Außerdem fließt durch beide Städte derselbe Fluss. Sie sind durch das Wasser verbunden." Diese Vorstellung war es auch, die ihn als jungen Mann von der Freiheit träumen ließ: "Ich habe mir immer vorgestellt, eine Flaschenpost zu versenden, die dann in Hamburg ankommt. Dort, wo die Menschen frei sind", sagt er.

Und wie es das Schicksal so will, ist es auch ein Hamburger, der dem Straßenmusiker dabei hilft, sich seinen Traum vom professionellen Musikerdasein zu erfüllen. Jens Lehrich, Comedian und Künstlermanager aus Hamburg, sieht Pritzke auf der Straße, hört ihm zu und beobachtet die Menschenscharen, die stehen bleiben, um Pritzke zuzuhören. Lehrich ergreift die Initiative und spricht den Straßenmusiker an. Schnell ist klar, dass die beiden auf einer Wellenlänge sind und sich gut ergänzen. "Ich war, was die Promotion angeht, immer etwas faul", sagt Pritzke schmunzelnd. "Es fällt mir schwer, mich selbst zu managen." Doch das braucht er mit Lehrich an seiner Seite nun nicht mehr. Zwei von Pritzkes selbst geschriebene Songs haben die beiden bereits aufgenommen und veröffentlicht, und auch an der Entstehung eines Albums wird gearbeitet. "Material ist in jedem Fall genug da", so Pritzke.

Schritt für Schritt soll nun die Karriere vorangetrieben werden, auf seinen Wohnwagen will der Überlebenskünstler aber erst mal nicht verzichten. "Nur im Tausch gegen eine Yacht, mit der ich dann umherreisen kann", sagt er lachend. Aber dieses Ziel liegt noch in weiter Ferne. Erst einmal soll der Terminkalender voll werden, "damit ich nicht mehr so viel auf der Straße spielen muss und auf der Bühne stehen kann." Gruenspan, das wäre klasse - "natürlich am liebsten neben Udo".