Hommage an Kneipiers in Buchform

Hier sprechen Hamburgs Kneipenwirte Klartext

Die Wirte sind nicht wegzudenken aus der Hamburger Szene. Hier sagen die Helden der Nacht aus Maybach & Co, was sie denken.

Hamburg. So schnell wie das Bier aus dem Zapfhahn flossen hier schon Tränen. So laut, wie es beim Anschließen eines neuen Fasses knallt, wurde hier gelacht, gekichert, gestritten. Und sie sind immer dabei: Hamburgs Kneipenwirte. Egal, ob im Indie-Club, in der Edelbar, der Rentnergaststätte am Stadtrand, der Hafenspelunke oder der Klause an der Ecke.

Die Wirte, sie sind nicht wegzudenken aus der Hamburger Szene. Sie machen Fortbildungen, ohne sich von ihrem Arbeitsplatz hinter dem Tresen wegzubewegen. Sie sind weit mehr als begabte Cocktail-Mixer oder begnadete Pilz-Zapfer. Mit den Jahren in der Gastronomie, mit Tausenden von Gästen, wechselnden und wiederkehrenden, wächst ihr Repertoire. Sie sind Psychotherapeuten, Kuppler, Zuhörer, Entertainer, Ratgeber und Kumpel. Menschen, die sprichwörtlich immer das richtige Rezept zur Hand haben, individuell auf den Gast auf dem Barhocker zugeschnitten. Rosie Samac, Inhaberin der Holstenschwemme, drückt das so aus: "Der Wirt ist alles. Einfach alles."

Der Berufsstand des Wirts werde in der Gastronomie unterschätzt, das befand Ulli Müller. Deshalb machte sich der Hamburger Autor auf, durchforstete das Nachtleben zwischen St. Pauli und Stadtrand, Eppendorf und Eimsbüttel. Entstanden ist eine subjektive, parteiische und liebenswerte Hommage an Hamburger Kneipiers in Buchform und als interaktives Projekt im Internet. ("Wahre Worte weiser Wirte - aus Hamburg", Junius Verlag, 16,90 Euro, Fotos von Benne Ochs; www.wahre-worte-weiser-wirte.de )

Vierzig Wirte wurden interviewt, vierzig Lebensgeschichten, vierzig Philosophien. Eine davon gehört Mathias "Stormy" Storm und seinem Freudenhaus und der Freudenhausbar auf St. Pauli. In seinem ersten Laden, der Nachtküche, bewirtete der gelernte Koch die Nachtarbeiter auf dem Kiez. Eisbein und Sauerkraut nach Mitternacht? Kein Problem. Wertvolle Erfahrungen für seine jetzige Bar, der Klubgaststätte des St. Pauli Weinclubs. Sein Alkoholkonsum halte sich jedoch in Grenzen, so Storm. "Die besten Wirte sind die, die nicht saufen. Selbstverständlich trinke ich auch mal ein Schlückchen. Aber wenn man das jeden Abend macht, dann hat man ein Verfallsdatum auf der Stirn."

Für Wirtin Waltraud Bauer sind es vor allem die positiven Geschehnisse des Lebens, die sie ihren Beruf lieben lassen. "Ja, drei Hochzeiten hatten wir auch. Jaa!!! Die haben sich hier kennen- und lieben gelernt und sind bis heute noch verheiratet. Das ist doch was Schönes. Das ist auch viel wert. Aus der einen Ehe ist jetzt gerade ein Kind entstanden." Bauer gehört die Aalreuse in Iserbrook. Ihr Handwerk lernte sie von ihrer Mutter, die damals im berühmten Kiezimbiss Heie Ecke arbeitete. Draußen, am Rande der Stadt, geht es etwas beschaulicher zu als mitten auf dem Kiez.

Aber nicht immer. Ehestreitigkeiten werden vor Publikum ausgetragen, die Aalreuse kann auch mal die Bühne für ein Schauspiel aus dem Leben sein. Rosenkrieg live. Mit der Schubkarre brachte ein zorniger, weil gehörnter Ehemann Ladung um Ladung, von Klamotten bis Tiefkühlspinat. "Hier lag also alles voll: Lebensmittel, Klamotten, Geschirr, Küchenutensilien, Toaster, Kessel, Kaffeemaschine, alles. Die ganze Nacht gab es eine Aufräumaktion, allein die Scherben", erinnert sich Bauer. Wenn die Tränen getrocknet sind, dann kommen die Gäste wieder. Allein, versöhnt oder mit neuem Partner. Auf jeden Fall auf der Suche nach Gesellschaft, Unterhaltung.

Vieles, was am nächsten Tag in der Zeitung steht, werde am Abend zuvor bei ihm im Laden bei Wein und Alster am Stammtisch besprochen, sagt Christian Möhlenhof. Ihm gehört das Maybach in Eimsbüttel. "Hier werden die Themen diskutiert, die die Welt bewegen", so Möhlenhof, "und das ist ja auch das Schöne, dass du es am Tresen nach dem einen oder anderen Bier doch hinkriegst, dass sich alle miteinander unterhalten." Sein Freund, Meisenfrei-Wirt Frank Wittern, pflichtet ihm bei. "Und dann muss man mal ein wahres Wort sprechen oder ein Machtwort. Wichtig ist, dass man als weise angesehen wird." Das ist wohl die weise Erkenntnis eines wahren Wirts.