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Die Douglas-Schwestern – der neue Roman aus Hamburg

| Lesedauer: 26 Minuten
„Madame, Sie riechen so gut“ – das ließen sich  die Damen auch schon Anfang des 20. Jahrhunderts gerne sagen.

„Madame, Sie riechen so gut“ – das ließen sich die Damen auch schon Anfang des 20. Jahrhunderts gerne sagen.

Foto: mammuth / iStock/Getty Images

Es geht um zwei Frauen, deren Parfümerie jeder kennt – und das nicht nur in Hamburg. Hier eine Kostprobe aus dem Werk von Charlotte Jacobi.

Hamburg. Marie Carstens hob ihr zartes Näschen in den Hamburger Sommerhimmel und schnupperte. Wie viele Gerüche es hier gab! Nach Gewürzen, nach Kaffee, nach der weiten Welt, nach Blumen, nach Abenteuer und nach Freiheit. Die Elfjährige war an diesem warmen Julitag des Jahres 1897 mit Frau Fehling, der Köchin ihrer Familie, unterwegs, um einzukaufen.

Das Mädchen konnte sein Glück kaum fassen: Am Morgen hatte die stets besorgte Stiefmutter erklärt, sie habe mit Maries jüngerer Schwester einen Arzttermin, und die Köchin solle während ihrer Abwesenheit auf die ältere Tochter achten. Das bedeutete für Marie ein paar Stunden ohne strenge und überängstliche Blicke.

Odile Carstens sorgte sich ständig wegen irgendetwas. Sie hätte die Mädchen am liebsten dauernd im Blick gehabt, deshalb fühlte Marie sich bisweilen wie in einem goldenen Käfig. An ihre leibliche Mutter hatte Marie keine Erinnerungen mehr, da sie kurz nach der Geburt der zwei Jahre jüngeren Anna an der Cholera gestorben war. Aber fürsorglicher und ängstlicher als Odile, die der Vater der Mädchen nach einem Jahr als Witwer geheiratet hatte, konnte keine biologische Mutter sein! (…)

Mit einem Mal wurde das Mädchen durch einen üblen Geruch aus seinen Gedanken gerissen. Unwillkürlich rümpfte es die Nase. Kein Wunder: Sie waren am Fischmarkt angekommen. Marie liebte das Menschengewimmel dort, die Seefahrerabenteuer, die man in den Gesichtern der Fischer lesen konnte. Weniger schätzte sie jedoch den Geruch von Fisch, wenn er nicht mehr ganz frisch war – etwas, das Marie immer sofort bemerkte. Und sie fand die toten Wesen mit ihrer glänzenden, schuppigen Haut und den hohlen Augen unheimlich. Bei dem Gedanken, den Fisch später essen zu müssen, drehte sich ihr der Magen um.

Schnell schaute sie weg – und direkt in das Gesicht einer wunderschönen Dame, die neben ihr stehen geblieben war. Marie fiel sogleich der herrlich angenehme Duft der nobel gekleideten Mittzwanzigerin auf. Regelrecht magisch roch sie. Nach … Vanille. Danach duftete auch der Pfeifentabak ihres Papas: Vor allem wenn dieser lange fort gewesen war, sog Marie den vertrauten Geruch geradezu gierig ein. Er signalisierte, dass Heinrich Carstens von einer seiner vielen Reisen zurückgekehrt war. Dann waren sie und Anna nicht mehr den Ängsten ihrer Stiefmutter ohne die ausgleichende Wirkung des Vaters ausgeliefert.

Im Duft dieser Fremden machte Marie zudem einen Hauch von Rosen aus. Und etwas Aufregendes, das sie nicht einordnen konnte. „Sie riechen aber gut“, platzte sie heraus und strahlte.

„Marie“, kam es tadelnd von der dürren Köchin. „Denk an deine Mutter: Nicht mit fremden Leuten sprechen!“ Beschämt senkte das Mädchen den Blick. „Schon gut“, beschwichtigte jedoch die Schöne. „Ich kenne die Kleine. Maria Carstens – mein Mann und ihr Vater sind gute Geschäftsfreunde.“ „Aber Maria nennt mich niemand, alle sagen Marie“, erklärte das Kind.

Frau Fehling nahm die junge Dame nun genauer ins Visier und erkannte sie schließlich: „Ach, Frau Kolbe … Bitte verzeihen Sie meine Unaufmerksamkeit, gnädige Frau!“ Die Köchin wirkte meist recht selbstsicher, doch Marie merkte deutlich, wie unangenehm es ihr war, die Freundin ihrer Herrschaft nicht sofort erkannt zu haben. Aber es war ihr ja selbst so gegangen. Sie hatte Frau Kolbe bisher noch nie bemerkt. Das war jedoch kein Wunder, denn in den seltenen Fällen, in denen ihr Vater bei ihrer Stiefmutter Empfänge oder Teeeinladungen durchgesetzt hatte – Odile Carstens befürchtete stets, bei solchen Anlässen ausspioniert zu werden –, hatte sie die Mädchen nach einer kurzen Begrüßung der Gäste stets sofort auf ihre Zimmer verbannt.

„Erinnerst du dich an mich, Marie?“, fragte Frau Kolbe nun auch, und Marie schüttelte verlegen den Kopf. „Nicht schlimm“, lachte die Dame. „Ich an deiner Stelle würde die vielen Erwachsenen auch nicht auseinanderhalten können. Aber es freut mich, dass dir mein Duft gefällt. Das ist ein Parfüm. Damit sprühen sich feine Damen – und manchmal auch die Herren – ein, um gut zu riechen. Du kennst das bestimmt von Seifen. Die stellt mein Mann her. Sie duften ebenfalls, wenn auch nicht ganz so stark wie Parfüm.“ (…)

„Wenn du möchtest, kannst du mich begleiten. Ich brauche dringend einen neuen Duft und wollte eine Parfümerie besuchen. Vielleicht finden wir für dich ja auch etwas Schönes.“ Marie spürte ihr Herz schneller schlagen, eine Parfümerie hatte sie schon immer einmal von innen anschauen wollen, doch ihre Stiefmutter hatte es nicht erlaubt. Ein ganzer Laden voller schöner Düfte! Flehend flog der Blick des Mädchens zu Frau Fehling. „Darf ich?“ Die Köchin zögerte. „Nun, ich weiß nicht. Ich müsste eigentlich erst die Erlaubnis meiner Herrschaft einholen.“

„Das ist mir bewusst“, pflichtete Berta Kolbe ihr bei. „Und ich würde es von meinem Personal ebenso erwarten. Aber ich kenne Maries Eltern wirklich gut und bin sicher, dass ihr Vater“ – sie betonte das Wort auffällig – „nichts dagegen hätte. Wenn sich schon einmal die Gelegenheit ergibt, sollte man sie nutzen.“ (…)

Schnurstracks ging Berta Kolbe mit Marie in ein kleines Parfümgeschäft der Firma Dralle. „Das darf mein Mann nicht erfahren“, flüsterte sie dem Mädchen verschwörerisch zu. „Dralle stellt nämlich ebenfalls Feinseifen her. Dadurch ist er Konkurrenz, aber ich liebe die Parfüms einfach. Außerdem kann es ja nicht schaden, die Mitbewerber zu kennen.

Marie, die ohnehin ganz aufgeregt war, fühlte sich mit einem Mal äußerst wichtig und nickte ernst. Nun teilten sie und Frau Kolbe also ein Geheimnis. (…)

Jahre später im neuen Hotel Atlantic hat Marie ein Déjà-vu

Das Atlantic erstrahlte in voller Pracht, und die Carstens-Schwestern sahen sich mit großen Augen um, als sie am 2. Mai 1909 an der Seite ihres Vaters das Hotel betraten. „Das ist ja wie in einem Schloss“, flüsterte Marie angesichts der Ballsäle mit ihren hohen, stuckverzierten Decken. Anna war besonders vom Sommergarten angetan, der Entspannung bei Brunnengeplätscher und Musik bot. Doch gleich darauf hatte sie keine Augen mehr für die Schönheiten des Neubaus, der als Grandhotel für Erste-Klasse-Passagiere großer Luxusliner aus Übersee errichtet worden war. Sie hatte Ferdinand de Moor in der Menge ausfindig gemacht, der sogleich mit einem charmanten Lächeln auf sie zueilte. Der Anblick des muskulösen Hünen ließ ihren Puls rasen. Hastig sah Anna sich nach ihrem Vater um. Sie hatte auch ihm noch nichts von ihrem Verehrer erzählt. Doch zu ihrer Erleichterung war Heinrich Carstens in ein Gespräch mit einem seiner Geschäftspartner vertieft und schenkte seinen Töchtern keine Beachtung.

Inzwischen war Ferdinand de Moor bei den Schwestern angekommen und begrüßte sie mit einem formvollendeten Handkuss – Anna hatte ihre Hand in Erwartung ebenjener Geste zuvor mit dem Parfüm beträufelt, das ihre Schwester ihr geschenkt hatte. „Sie sehen bezaubernd aus, meine Damen“, schmeichelte der Reedersohn, der dabei allerdings nur Anna ansah. „Darf ich Sie zu einem Spaziergang in den Sommergarten entführen?“ Strahlend willigte Anna ein.

Marie, die den beiden gezwungenermaßen folgte, fühlte sich zwar etwas wie das fünfte Rad am Wagen, das störte sie aber nur wenig. So hatte sie Zeit, sich unter Hamburgs feiner Gesellschaft umzusehen und auch ein wenig nach Berta Ausschau zu halten. Sie konnte die Freundin nicht entdecken. Stattdessen wurde sie auf zwei elegante Damen aufmerksam, die sich gerade den Mund über eine Person zerrissen, die offenbar soeben den Saal betreten hatte. „Dass die es wagt, hierherzukommen. Wo es ihrem Mann doch so schlecht geht“, empörte sich die eine (eine Matrone mit gelbem Haar). „Sie sollte wirklich an seiner Seite weilen. Statt sich um ihn zu kümmern, amüsiert sie sich und lässt ihn einsam und allein auf dem Sterbebett liegen“, pflichtete die andere, eine dürre Brünette, ihr bei. Marie folgte ihrem Blick und sah Berta Kolbe. Wut schnürte ihr die Kehle zu, und sie spürte ihr Herz gegen ihre Brust hämmern. Widerlich, diese Tratscherei. Und wie unrecht sie Berta taten! Das konnte sie nicht einfach so stehen lassen.

„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle“, sagte sie kalt. „Maria Carstens. Eine enge Freundin von Berta Kolbe. Der Frau, über die Sie sich soeben das Maul zerrissen haben.“ „Na, erlauben Sie mal“, sagte die Größere und Dünnere. Der Kleineren, Untersetzteren schien die Situation jedoch durchaus peinlich zu sein. „Wir haben doch nur …“, begann sie, aber Marie ließ sie nicht zu Wort kommen. „Genau! Sie haben doch nur. Ja. Sie haben doch nur hinter ihrem Rücken über sie hergezogen. Über eine Frau, die es wirklich nicht leicht hat und ihr Schicksal mit bewundernswerter Größe meistert. Aber Sie müssen über sie lästern! So etwas tut eine Hanseatin nicht. Übrigens: Berta Kolbe ist auf ausdrücklichen Wunsch ihres Mannes hier. Damit sie die Fahne des Unternehmens hochhält. Aber was verstehen Sie davon? Ihr einziger Zugang zur Geschäftswelt ist ja, das Geld Ihrer Gatten zu verplempern.“ (…)

Hinter Marie klatschte jemand anerkennend in die Hände. Sie fuhr herum und blickte in die wasserblauen Augen eines Mannes. Er hatte dunkelblonde, etwas zu lange Haare und sah sie lächelnd an. „Bravo“, sagte er. „Denen haben Sie es aber gegeben.“ (…) Da stellte Marie fest, dass er nicht allein war: Hinter seinem Rücken hatte sich ein etwa achtjähriges blondes Mädchen versteckt, das sie fasziniert ansah. „Und wer bist du?“, fragte sie freundlich und beugte sich zu dem Kind hinab.

„Ich bin Lucie“, erklärte das Mädchen und reichte Marie mit ernster Miene die Hand. Dann lächelte sie einer Person hinter Marie zu. „Da kommt meine Mutter.“

Dann sagte Lucie: „Sie riechen aber gut, Fräulein Carstens“

Frau Harders, eine blonde Schönheit mit aparten Sommersprossen auf der Nase, war wie ihr Mann um die dreißig. Sie brachte ihrer Tochter ein Glas Saft, woraufhin diese sich artig bedankte. (…) Dann platzte es aus der kleinen Lucie heraus: „Sie riechen aber gut, Fräulein Carstens.“ Marie hatte ein Déjà-vu und sah die Szenerie wieder deutlich vor sich: Sie war elf Jahre alt und mit der Köchin auf dem Fischmarkt (…) „An was hast du dich denn erinnert?“, fragte Lucie neugierig. Marie begann zu erzählen: „Ich war so alt wie du. Oder nein, ein paar Jahre älter war ich schon. (…) und auf einmal hat es unglaublich gut geduftet. Ich sah auf und direkt in die Augen einer feinen Dame. Und ich habe zu ihr genau die gleichen Worte gesagt wie du jetzt zu mir. Und dann hat sie mir eine Parfümerie gezeigt. Das ist ein Laden …“

„Ich weiß, beim Herrn Dralle kauft meine Mama ihren Duft“, rief das Mädchen. „Und wer war die Dame?“ „Berta Kolbe, die Frau eines ganz bekannten Fabrikanten. Der macht Seife“, erklärte Marie und fügte, an den Vater Johannes Harders gewandt, hinzu: „Ebenjene Dame, die ich vor den beiden Klatschweibern so verteidigt habe. Sie kommt übrigens gerade auf uns zu.“

Sie hob den Kopf und lächelte der Freundin entgegen, die sich ihren Weg durch die Menge bahnte. Dann wandte sie sich wieder an die kleine Lucie. „Dieser Nachmittag hat mein Leben verändert. Damals wurde ein Traum geboren.“ „Was für ein Traum?“, flüsterte Lucie gespannt. „Ich kann noch nicht darüber sprechen“, sagte Marie leise. „Weil ich ihn noch nicht verwirklicht habe. Aber erst vorhin habe ich mich mit meiner Schwester wieder an diesen Traum erinnert. Und daran, dass Träume dazu da sind, sie wahr werden zu lassen. (…) Aber so viel verrate ich dir schon: Er hat etwas mit schönen Düften zu tun.“

(…) Marie sah auf die von Eis und Schnee zu einem bizarren Gebilde verformten Blumen. Berta, die an diesem 7. Dezember 1909 auf dem Friedhof von Nienstedten neben ihr stand, hob den verwelkten und gefrorenen Strauß an und ersetzte ihn durch die frischen Blumen, die sie mitgebracht hatte. Die schwarze Kleidung der beiden Frauen bildete einen scharfen Kontrast zu dem verschneiten Gottesacker um sie herum.

Drei Monate war Gustav Kolbe nun bereits tot. Am Ende hatte er aufgrund des großzügig verabreichten Morphiums kaum noch wache Momente gehabt, eher sanft war er schließlich der irdischen Welt entglitten. Berta wirkte auf Marie erstaunlich stabil. „Das viele Weiß würde ihm gefallen“, meinte die Witwe. „Er mochte Friedhöfe nicht, aber den Schnee hat er immer geliebt.“ Marie sah in den grauen Himmel hinauf, aus dem ihnen weitere Flocken entgegentanzten, und Berta folgte ihrem Blick. „Er ist irgendwie immer noch da, das spüre ich ganz deutlich“, sagte die Fabrikantin. (…)

„Du kannst dich gern selbst davon überzeugen“, schlug Berta vor. „Wir haben nachher wie jeden Dienstag unsere wöchentliche Führungssitzung.“ „Das will ich sehr gern!“, begeisterte sich Marie. Das wäre gewiss eine gute Übung für den Fall, dass sich der Traum von der eigenen Parfümerie dereinst verwirklichen ließe. Ein wenig plagte sie das schlechte Gewissen, ein Konkurrenzunternehmen eröffnen zu wollen, aber andererseits verkaufte Berta ja kein Parfüm. Als sie jedoch vor der Seifenfabrik angekommen waren, sah Marie dort zu ihrem Erstaunen die Kutsche ihrer Familie. „Da muss etwas passiert sein“, sagte sie sofort und wartete nicht, dass der Kutscher der Kolbes ihr die Tür öffnete, sondern tat es selbst, um gleich herauszuspringen. „Entschuldige, Berta, aber ich muss umgehend zu ihm.“ Die Mentorin nickte verständnisvoll. „Natürlich.“

Die Fahrt nach Hause erschien endlos – was war passiert?

Kaum hatte Marie die leere Kutsche erreicht, kam ihr aus der Fabrik mit betretener Miene Gerhard Jensen, der Kutscher der Familie Carstens, entgegen, seinen Hut in der Hand. „Fräulein Marie, zum Glück habe ich Sie gefunden“, rief der Fahrer. „In der Villa Kolbe meinte man, Sie seien vielleicht hier.“ Auf Marie wirkte der Alte völlig durcheinander. Waren seine Augen etwa rotgeweint? „Ich soll Sie sofort nach Hause bringen.“ „Aber um Himmels willen, was ist denn geschehen?“ Sie war außer sich vor Sorge. „Die gnädige Frau hat Anweisung gegeben, es Ihnen selbst mitteilen zu wollen“, sagte Jensen auf seine umständliche Art. (…)

Die Fahrt nach Hause erschien Marie endlos. Als sie endlich angekommen waren, stürmte sie sofort die Stufen hinauf – da flog schon die Tür auf, und Anna kam ihr entgegen. „Marie“, murmelte sie, und diese stellte fest, dass alle Farbe aus dem Gesicht ihrer Schwester gewichen war. (…) „Es ist Großmutter“, brachte Anna mit versagender Stimme hervor. „Es war ein schrecklicher Unfall. Papa ist verletzt. Und Großmutter … sie ist … sie ist … sie ist …“ „Sie ist tot?“, stieß Marie hervor, was ihre Schwester nicht auszusprechen vermochte. (…)

Vermächtnis der Großmutter als Startkapital für die Idee

Die Testamentseröffnung fand in der Bibliothek statt. Odile und Heinrich Carstens hatten sich bereits eingefunden, ebenso die Köchin Frau Fehling, Hausdame Ingeline Witt, Annas und Maries Zofe Tinette sowie Lothar Konradi, der langjährige Butler des Hauses. Maries Hand schob sich in die ihrer Schwester, als der Familienanwalt Otto Jacobsen, ein distinguiert wirkender Herr Ende dreißig, den Letzten Willen ihrer Großmutter Margaretha verlas. Die größte Summe des stattlichen Nachlasses der reichen Witwe – zweihundertfünfzigtausend Mark – erhielt erwartungsgemäß deren einziger Sohn Heinrich, ebenso wurde ihm ihr Haus in Holstein überschrieben.

Ingeline Witt, Frau Fehling und Herr Konradi wurden jeweils mit einer für sie unfassbaren Summe von tausend Mark bedacht, Tinette bekam immerhin zweihundertfünfzig Mark – alle vier Bediensteten waren sichtlich überwältigt und gerührt. Und dann begann der Anwalt jenen Teil vorzulesen, der Marie und Anna betraf: „Meinen geliebten Enkeltöchtern Anna und Maria Carstens überlasse ich jeweils die Summe von fünfzigtausend Mark.“ Marie sog schockiert die Luft ein, ihr Blick suchte den Annas, die nicht minder fassungslos dreinblickte.

Die Schwestern klammerten ihre Hände ineinander. „Ich verfüge ausdrücklich, dass die beiden völlig unabhängig von beiden Elternteilen nach eigenem Gutdünken mit dem Geld verfahren können“, fuhr Anwalt Jacobsen fort, und Odile, die ja bisher leer ausgegangen war, verzog verstimmt das Gesicht. „Dieser Erbteil soll im Fall einer Heirat auch nicht in die Mitgift eingehen. Meine liebe Anna, meine liebe Marie, dieses Geld ist nur für euch – möge es euch Sicherheit ermöglichen und vielleicht den einen oder anderen Traum erfüllen.“

Anna sah in das tränennasse Gesicht ihre Schwester – und wusste genau, welchen Traum die Großmutter gemeint hatte. (…)

(… Anna Carstens streitet im Jahr 1910 mit ihrem Verlobten Ferdinand de Moor:) „Ich hoffe, es bringt dich nicht in Schwierigkeiten, wenn dir dieses Geld durch die Lappen geht“, sagte Anna. „Was soll das heißen?“, fragte er drohend. „Nun“, sagte Anna äußerlich unbeeindruckt, „wie ich höre, steht es mit eurer Reederei nicht zum Besten. Und wenn du nun auch noch das Erbe meiner Großmutter brauchst, um eure Familienvilla zu sanieren und unsere Hochzeit zu bezahlen …“ „Unsere Hochzeit!“, spie Ferdinand aus. „Unsere Hochzeit wird nicht stattfinden, wenn du so weitermachst, meine Liebe. Ich dulde keine derartige Aufsässigkeit meiner Frau. Wie kannst du es wagen, meine Familie zu beleidigen? Ich erwarte eine Entschuldigung von dir. Und natürlich wird deine Schwester diese gottverdammte Parfümerie nicht eröffnen. Und schon gar nicht wirst du dich daran beteiligen. Was für eine Schnapsidee!“

Er sah sie abwartend an, doch Anna saß nur reglos da und sagte keinen Ton. „Ich gebe dir bis morgen zwölf Uhr Zeit“, verkündete Ferdinand. „Bis dahin erwarte ich eine Entschuldigung und die Zusicherung, dass du auch deine Schwester von dieser verrückten Idee abgebracht hast. Wenn beides nicht erfolgt, werde ich die Verlobung lösen.“

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Damit schob er seinen Stuhl zurück und verließ wütend das Café. Anna starrte ihm mit wachsender Gleichgültigkeit nach – die teils neugierigen, teils mitleidsvollen und teils hämischen Blicke ignorierte sie einfach. Und plötzlich fühlte sie sich wie – befreit!

(…) Die Parfümeure auf der Weltausstellung waren – ebenso wie Berta – allesamt hervorragend gelaunt und ließen sich die Anstrengungen der Messe nicht anmerken: Es lief hier gut für die meisten Seifen-­ und Parfümhersteller, und sie konnten sich nicht über mangelnde Aufträge beklagen. Auch Marie zählte zu den Auftraggebern. Das war eine für sie völlig neue Situation, und sie war dankbar, dass Berta sich an ihrem Stand frei gemacht hatte, um ihrem Schützling bei den ersten Gehversuchen als Einkäuferin zur Seite zu stehen. Denn Marie war natürlich durchaus noch etwas unsicher, als sie sich Düfte vorführen ließ oder mit den Herstellern in Verhandlungen für eine Zusammenarbeit einstieg. Sie fühlte sich wie eine Hochstaplerin – aber das war sie nicht! Sie hatte ein ganzes Geschäft mit Parfüms zu füllen, und das bald. (…)

Literarische Fiktion mit realer Vorlage

Was die Autoren über den tatsächlichen historischen Kontext herausfanden – und was nicht überliefert ist

Das Autorenteam erläutert im Nachwort des Romans, wie viel Realität und wie viel Fiktion darin steckt: „Als wir versuchten, mehr über die Gründerinnen Anna und Maria Carstens herauszufinden, wurden wir enttäuscht: Die Quellenlage erwies sich zunächst als äußerst dürftig. Also begaben wir uns auf eine Zeitreise ins Hamburg und ins Paris der Jahre 1909 bis 1920. Wir begegneten interessanten realhistorischen Figuren, recherchierten viele spannende Ereignisse und waren immer faszinierter von der Welt der Düfte, davon, wie Parfüms entstehen und was ihre Geschichte ist. Wir beschäftigten uns mit großen Parfümeuren, mit Salonièren, Künstlern und Literaten. Und irgendwann war die Idee geboren: Auch Anna und Maria Carstens, diese beiden mutigen Unternehmerinnen, würden wir auf die Reise schicken, sie den wichtigen Menschen dieser Zeit begegnen lassen.“

Überliefert ist der Ursprung der Parfümerie Douglas: Der Schotte John Sharp Douglas kam 1820 im Alter von 29 Jahren nach Hamburg und eröffnete dort am 5. Januar 1821 eine Seifenfabrik. Seine Produkte wurden rasch erfolgreich, weil sie außergewöhnlich waren – und dank moderner Herstellungsmethoden erschwinglich. Als Douglas 1847 starb, übernahmen seine Söhne Thomas und Alexander das Unternehmen, das fortan J. S. Douglas Söhne hieß. 1878 verkauften beide die Seifenfabrik an Gustav Adolph Hinrich Runge und Johann Adolph Kolbe. Der Unternehmensname blieb bestehen, das Sortiment wurde um Lederwaren, Modeartikel und Reiseutensilien erweitert.

Korrekt ist auch die Adresse der ersten Parfümerie am Neuen Wall

Johann Kolbe starb im Dreikaiserjahr 1888, der Sohn Gustav Adolph Kolbe trat an seine Stelle. Zwei Jahre später war er Alleineigentümer der Seifenfa­brik. 1909 übergab er das Unternehmen in die Hände seiner Frau Berta. Die bekam im selben Jahr die Anfrage der Schwestern Anna und Maria Carstens, am Neuen Wall eine Parfümerie unter dem Namen „Douglas“ eröffnen zu dürfen. Verbürgt sei weiterhin, dass Berta Kolbe seinerzeit, wie im vorliegenden Roman, eigentlich keine Zeit für das Anliegen der jungen Damen hatte, weil sie mit der Vorbereitung der Weltausstellung beschäftigt war. Doch sie hatte eine gute Nase für gute Geschäfte und stimmte zu – unter der Bedingung, dass sich die Schwestern im Gegenzug verpflichteten, alles, was sie an Seifenwaren benötigen, nur von ihr zu beziehen.

Bei der Vertragsunterzeichnung hielten die Frauen fest, dass die beiden Schwestern „in Hamburg ein Geschäft in Seifen, Parfümerie­ und Toilettenartikel gründen und betreiben“ wollen. Berta Kolbe erteilte in dem Vertrag „den Fräulein Carstens das Recht, der Firma des zu gründenden Geschäfts die Bezeichnung ,Parfümerie Douglas‘ anzufügen“. Korrekt ist auch die Adresse der ersten Parfümerie am Neuen Wall, die dort noch immer beheimatet ist. Vertragsdetails aus den frühen Jahren der Parfümerie Douglas fand man im Hamburger Staatsarchiv. Allerdings wurden kaum Einzelheiten zum Privatleben von Anna und Maria Carstens überliefert. Deshalb, so die Autoren, „haben wir die Handlung durch unsere Fantasie ergänzt“.

Nach ihrem Tod im Jahre 1929 vererbten die Carstens-Schwestern die Parfümerie an ihre Patenkinder Hertha und Lucie sowie deren Vater, den Kunstmaler Johannes Harders, weiter. Bis 1969 erweiterte Erhard Hunger die Parfümerie Douglas auf sechs Filialen in Hamburg, dann wurde das Unternehmen von der Hussel AG übernommen. Die Seifenfabrik J. S. Douglas Söhne blieb bestehen und produzierte bis in die 1990er-Jahre Seife, Sonnencreme und Zahnpasta.

Mit rund 2400 Stores und Onlineshops in 26 europäischen Ländern ist Douglas heute einer der führenden Beautyhändler Europas. Im Geschäftsjahr 2018/2019 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro. Der Hauptsitz ist Düsseldorf.

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