Instrumente

Brasserie in Hamburg – ein Laden wie der Jazz

Ohne Pauken, aber mit Trompeten und Posaunen: Michael Danner in seinem Verkaufsraum in St. Georg.

Ohne Pauken, aber mit Trompeten und Posaunen: Michael Danner in seinem Verkaufsraum in St. Georg.

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Michael Danner eröffnet vor 25 Jahren sein Geschäft für Blasinstrumente. Er verkauft diese nicht nur, sondern spielt sie oft selbst.

Es gibt eine wunderbare Geschichte, die der Schriftsteller Raoul Schrott in einem seiner Essaybände von dem Jazzmusiker Jaco Pastorius erzählt. Der E-Bassist war und ist einer der einflussreichsten und virtuosesten Jazzmusiker trotz einer sehr kurzen Karriere. Er starb mit nur 35 Jahren, nahm schon lange keine Medikamente wegen seiner bipolaren Störung, war alkohol- und drogenabhängig und obdachlos. Davor machte er die Gruppe Weather Report mit berühmt, spielte mit Jazzgrößen wie etwa Herbie Hancock, John McLaughlin, Joni Mitchell oder Pat Metheny (die allesamt noch leben).

Raoul Schrott beschreibt, wie Jaco, leider schon ziemlich krank, eines Nachts in New York zur Statue of Liberty schwimmt. Sozusagen in einem Zug hin und zurück, und wir stellen uns vor, dass er danach am Ufer einschläft, total durchnässt, völlig erschöpft, eingerollt in sich selbst, gleichwohl in den Sekunden vor dem Einschlafen komplett eins mit sich. Am nächsten Morgen wacht er auf und geht einfach weg. Eine Story wie ein Jazzstück.

Danner: „Jazz war immer schon mein Ding“

Das sind die Geschichten, die nur der Jazz schreiben kann, und unter anderem deswegen hat Michael Danner (59) vor fast 25 Jahren seine Brasserie – ein Fachgeschäft für Blasinstrumente – eröffnet. „Damals wohnte ich noch im hinteren Teil, vorne hatten wir erst mal in einem Zimmer den Verkaufsraum“, erzählt er. „Wir“ sind er und Jonathan Myers­, der inzwischen wieder in den USA lebt. „Jazz war immer schon mein Ding“, das wusste Michael Danner schon in jüngeren Jahren.

Aus dem Süddeutschen war er zunächst nach Hamburg gekommen, um an der Hochschule für Musik und Theater zu studieren mit dem Wunsch, Berufsmusiker zu werden und Posaune, Trompete und Tuba zu spielen, „all day long“. Mitte der 80er-Jahre konnte man nur in Köln oder eben in Hamburg Musik mit dem Schwerpunkt Jazz studieren. „Zum Glück“, sagt Michael Danner, „war Dieter Glawischnig Professor an der Musikhochschule, er leitete auch Jahrzehnte die NDR Bigband.“ Musiker wie der Österreicher haben Generationen von künftigen Jazzmusikern geprägt.

Das Leben als Jazzmusiker ist oft ein harter Existenzkampf

„Während des Studiums und danach habe ich jede Menge Gigs gespielt: zum Beispiel in der NDR Bigband, am Schauspielhaus, in Studios oder auch für Werbespots.“ Früher wie heute, das Leben als Jazzmusiker ist oft ein harter, langer und widerspenstiger Existenzkampf. „Dass wir damals die Brasserie machten, hatte aber erst mal nichts mit Geld zu tun“, betont Michael Danner. „Es fing an damit, dass ich bei Jonathan zu Hause alte, phänomenale King-Posaunen entdeckte. Die hingen da an der Wand!“

Was Steinway für den Flügel ist, ist King halt für die Posaune. „Und die waren, ob neu oder gebraucht, total schwer in Norddeutschland zu kriegen.“

Das Duo fuhr dann in den Süden der Bundesrepublik, angeblich sollte dort die Versorgungslage besser sein. Dies jedoch stimmte nur bedingt, und es wurde beschlossen, die Brasserie muss her. „35 D-Mark hat der Gewerbeschein damals gekostet, blauäugig, wie wir waren, starteten wir im Sommer 1995 dann einfach mit einigen Holz- und Blechblasinstrumenten.“

Zwei fest angestellte Instrumentenbauer arbeiten in der Brasserie

Innerhalb von vier Wochen wurde der erste Verkaufsraum umgebaut, etwa mit Blick auf Schalldichtigkeit, von einem Freund aus Amerika. Nach und nach wurde mehr Platz benötigt, Michael Danner zog aus, eine Werkstatt musste selbstverständlich in die Koppel einziehen. Heute arbeiten neben Michael Danner noch zwei fest angestellte Instrumentenbauer in der Brasserie, dazu ein freier Verkäufer. „Die Instrumente müssen wir vorab kaufen, gegenwärtig dürften wir so gut 100 im Laden haben.“

Als einer von nur wenigen Shops in Deutschland ist die Brasserie Hamburg ein exklusives „Pro Brass Studio“, das die berühmten Marken Bach, Conn und King vertritt. „Reich wird man damit nicht“, stellt Michael Danner trocken fest, „aber in der Brasserie steckt echtes Herzblut, das wissen unsere Stammkunden und jeder, der hier reinkommt, zu schätzen, das ist zu spüren.“

Ja, der Begriff Authentizität gewinnt an der Koppel eine weitere Dimension, „all day long“.

Gleichwohl, Posaune hin oder her, wie ernährt Michael Danner sich und seine Familie? „Auch schon seit einem Vierteljahrhundert spiele ich im Original Tivoli Orchester. Würde sagen, mindestens 20-mal im Monat, locker über 250-mal im Jahr.“ Denn ein Laden wie die Brasserie ist kein Rentenkonzept, jedenfalls kein garantiertes.

Hat denn Michael Danner so eine Geschichte parat, die nur der Jazz schreiben kann? „Logo.“ Als es noch den nicht nur in Hamburg berühmten Dennis’ Swing Club an der Papenhuder Straße gab, spielte Michael Danner dort öfters – dann, wenn der liebenswerte, aber ziemlich chaotische Chef Dennis etwas auf die Reihe kriegte. „Eines Tages rief er mich an, am Abend müsste ich dringend in den Club kommen, super Session und so.“ Michael Danner wartete dann stundenlang, bis nach Mitternacht. „Im Club war tote Hose, kein Mensch außer mir, kein Dennis, kein gar nix. Ich war frustriert­, müde, sauer.“

Der Tag, als Herbie Hancock plötzlich am Klavier saß

Gerade als der Musiker abhauen will, geht die Tür auf – haufenweise stürmen Leute in den Club, der innerhalb von wenigen Minuten zum brodelnden Jazztempel wird. „Ich saß da nur am Rand, wunderte mich und hörte plötzlich unglaubliche Klavierklänge, unfassbar. Dachte mir: Oh, Dennis muss wohl einen richtigen Flügel haben plötzlich.“

Ich kämpfe mich also durch das Publikum, sehe an dem alten, abgeschrabbelten Klavier einen Typen von hinten. Also nix mit Flügel, der Typ, der holte alles und noch mehr aus dem uralten Teil raus. Es war Herbie Hancock – bis heute einer der Piano-Götter des Jazz.“

Der kommt auf den Plattenteller von Michael Danner, wie John Coltrane, Miles­ Davis, Hank Jones oder mal der R&Bler D’Angelo, aber auch das Pop-Trio Police ist immer wieder mal dran. Wenn er nicht im Tivoli spielt oder in der Brasserie die Stellung hält und neue oder Vintage-Instrumente verkauft.

Eines wollen wir uns nicht vorstellen: dass hier einmal irgendwann ein anderer Laden drin ist. Nein, das wird nicht passieren. Die Brasserie, „all day long“.

Brasserie Hamburg Koppel 94, 20099 Hamburg, www.brasseriehamburg.de, Montag geschlossen, Dienstag bis Freitag 12 bis 18 Uhr, Sonnabend 11 bis 14 Uhr