Unterwegs zu Hamburgs Höhe-Punkt – in Österreich

Das Ramolhaus in den Ötztaler Alpen liegt in 3006 Metern Höhe.

Das Ramolhaus in den Ötztaler Alpen liegt in 3006 Metern Höhe.

Foto: imago stock / imago stock&people

In Ötztaler Alpen betreibt die hanseatische Sektion des Alpenvereins das Ramolhaus. Weg dorthin ist Expedition und Zeitreise zugleich.

Es gibt Momente, die sind wie gemalt. Nein, das trifft es nicht ganz. Es gibt Momente, die sind so groß, dass man sie nicht einmal malen kann.

Hinter uns liegt ein langer, Kräfte zehrender Wandertag. Unsere Füße schmerzen, unsere Kehlen brennen, der Schweiß ist uns kannenweise über den Körper geronnen. Endlich sind wir auf dem Ramolhaus angekommen, dieser Hütte, die einem Adlerhorst gleich in 3006 Meter Höhe auf dem Felsen thront. Rucksack ab. Hinsetzen. Trinken. Glücklich sein.

Das Licht der Nachmittagssonne färbt unsere Apfelschorle golden. Unsere Blicke schweifen über die großartige Bergkulisse der Ötztaler Alpen, die Gletscherlandschaft des Gurgler Ferner, über uns flattert der österreichische Adler auf einer Fahne im Wind. Das Leben, es ist gänsehautschön. Plötzlich holt ein bärtiger Mann die Gitarre aus der Hütte, stimmt sie und beginnt zu musizieren. Live auf 3006 Meter über Normalnull. Er spielt die traditionelle schottische Weise „Loch Lomond“, er singt vom Weg über die Berge. Wer eben noch geschwatzt und gelacht hat, verstummt, lauscht andächtig der Weise. Die Klänge zaubern ein entrücktes Lächeln in das Gesicht der Wanderer. Als Rob Griffith das Lied vollendet, spenden seine zufälligen Zuhörer Applaus und werden mit der Zugabe „Let Her Go“ von Passenger belohnt. Es ist ein Moment zum Niederknien – wenngleich wir doch einfach nur sitzen wollen.

Marsch zum Ramolhaus dauert etwa vier Stunden

Rob Griffith ist Musiker und Songwriter, der 14 Tage Urlaub in Obergurgl macht. „So hoch habe ich noch nie gespielt“, lacht der Schotte in einer Mischung aus Englisch und Deutsch. Die Tour zum Ramolhaus ist ein Tagesmarsch für ambitionierte Wanderer, rund vier Stunden hin, zweieinhalb Stunden zurück. 1100 Höhenmeter sind zu bewältigen, angesichts eines Startpunktes von 1900 Höhenmetern eine hochalpine Wanderung, den wilden Wassern der Gurgler Ache entlang. Sie ist ein Quellfluss der Ötztaler Ache, die dem Ötztal Namen und Gestalt gegeben hat.

Längst hat sich das bitterarme Alpental zu einem Hotspot des Fremdenverkehrs entwickelt: Mehr als die Hälfte der 4,1 Millionen Übernachtungsgäste kommen aus Deutschland, 71 Prozent sind Wintersportler. Die Spuren des Skitourismus sind unübersehbar – im Berg und im Tal. Sölden war ein verschlafener Bergort, spätestens mit der Erschließung der Gletscher für den Skisport ist er zum Remmidemmi-Freizeitpark mutiert. Wer durch den Ort fährt, wähnt einen Werber mit Anglizismus-Tourette am Werk: Ötztal Ski & Bike, Bikerepublic Sölden, Tabledancebar, Sport4you, Skischool, Store & Lounge, Rent a Bike Store. Selbst das beschauliche Tirol wird zu Tyrol aufgebrezelt, was man halt so macht, um als Kleingeist Weltläufigkeit zu demonstrieren.

Auch Obergurgl am Ende des Tales ist auf dem Weg zur Tourismus-Ziel. Der Turm des höchsten Kirchspiels in Österreich verschwindet schon hinter Bettenburgen im alpinen Stil, ein neues sieben Millionen Euro schweres Kongresszen­trum soll die Nebensaison füllen. Der Tourismus hat das Ötztal reich gemacht; arm ist es lang genug gewesen. Auch im Ötztal gab es die „Schwabenkinder“: Bis ins 20. Jahrhundert hinein mussten acht- bis 14-jährige Kinder aus blanker Not ihre Familien verlassen und Geld in Schwaben verdienen. Sie verließen Anfang März unter Führung eines Erwachsenen ihre Heimat, wanderten bis nach Ravensburg, wo Bauern auf dem Kindermarkt billige Helfer suchten. Zu Martini, am 11. November, wurden sie entlohnt und wanderten in der Gruppe zurück in die Heimat. Tagelang waren sie unterwegs, bei Wind und Wetter, bei Eis und Schnee, ihre Schuhe so schlecht wie ihre Kleider.

Wandern entschleunigt

Heute ist Wandern Luxus. Manche führen atmungsaktive Hightech-Materialien im Wert eines Kleinwagens spazieren. Andererseits: Nie war es leichter, loszulaufen. Wo Regen und Wind kaum noch schrecken, Schuhe nicht mehr drücken und Stöcke die Gelenke entlasten, gehen die Ausreden aus.

Also schreiten wir aus. Wandern entschleunigt, es ist die natürlichste Fortbewegungsart des Menschen, es ist ein Kinderspiel. Das Wandern hat der liebe Gott dem Menschen in die Wiege gelegt: Noch bevor wir die Welt in Worte fassen können, wackeln wir los und erlaufen sie. Doch die natürlichste Fortbewegungsart ist vielen fremd geworden. Waren unsere Vorfahren noch 30 bis 40 Kilometer pro Woche zu Fuß unterwegs, vertreten wir Stubenhocker uns heutzutage nur noch knapp fünf Kilometer die Beine. Vielleicht wären wir viele Sorgen los, wenn wir einfach losliefen.

Wir starten am Ortsrand von Obergurgl, dort, wo sich auch andere auf den Weg machen. Wandern mag als neudeutsches „Trekking“ in den vergangenen Jahren zum „In-Sport“ geworden sein, für Heranwachsende bleibt der gemeinsame Familienausflug ein Fall für Amnesty International: Wer in die langen Gesichter mit Airpods schaut, liest darin eine Verachtung, die tiefer reicht als manches Tal. Vielleicht auch, weil in den Bergen die WLAN-freie Zone beginnt und das Herrschaftsgebiet des Smartphones endet: Mein Navigationssystem vermisst die Route zum Ramolhaus und verspricht eine Entfernung von 7,5 Kilometern – in 26 Minuten soll man mit dem Auto dort sein. Gute Fahrt! Wer sich hier auf Google verlässt, ist verlassen. Schon an der ersten Brücke über die Gurgler Ache sind zwei Beine vier Reifen um Längen voraus. Es dauert keine 100 Meter und uns Wanderern erschließt sich eine andere Welt. Die Wasser, die fröhlich Richtung Inn, Donau, Schwarzes Meer fließen und rauschen, übertönen die Geräusche der Zivilisation. Dummerweise beginnt kaum 200 Meter später meine Nase zu bluten. In großen Höhen wegen des geringeren Luftdrucks keine Seltenheit – Mediziner sprechen von Höhenanpassungssymptomen.

Die Anstrengung pustet den Kopf frei

Auch der vielleicht bekannteste Hamburger Alpinist war davon betroffen: „Er überschritt den Steg und setzte sich, um sich vom Anblick des Wassersturzes, des treibenden Schaums unterhalten zu lassen, dem idyllisch gesprächigen, einförmigen und doch innerlich abwechslungsreichen Geräusche zu lauschen; denn rauschendes Wasser liebte Hans Castorp ebenso sehr wie Musik, ja vielleicht noch mehr. Aber kaum hatte er sich’s bequem gemacht, als ein Nasenbluten ihn so plötzlich befiel ...“ Thomas Mann beschreibt im „Zauberberg“ genial die Weltflucht des Hamburger Kaufmannssohns Castorp aus der „feuchten Atmosphäre aus Weltkrämertum und Wohlleben“.

Vielleicht treibt auch uns die Weltflucht in die Höhe – auf 3000 Metern rücken die Trumps, Höckes und Johnsons in weite Ferne, sie laufen ein zu Miniaturen. „Wandern ist Widerstand gegen den Wahnsinn unserer Zeit“, hat mir der Wanderbuchautor Uli Hauser einmal in einem Interview gesagt. Wie recht er hat. Was eben noch wichtig war, wird nichtig, die Schlagzeilen schrumpfen zur Randnotiz. Wandern ist keine Kilometerfresserei, sondern Metergenuss. Hier ist der Mensch ganz bei sich, er findet Maß und Mitte. Das Wandern ist die natürlichste aller Geschwindigkeiten, vier, fünf Stundenkilometer sind das Tempo, in dem Kopf, Geist und Gemüt zu folgen vermögen. Beim Bergwandern misst sich die Geschwindigkeit nur noch in Höhenmetern – das allein ist es, was zählt.

Die Anstrengung, der Kampf um jeden Meter, pustet den Kopf frei, durchlüftet das Hirn. Der Himmel präsentiert sich postkartenblau. Vor uns der Winter mit seinem „ewigen“ Eis, um uns herum der Sommer – endlich. In den vergangenen Wochen hat es im Ötztal fast jeden Tag geregnet. Die Sonne, am Morgen noch heiß ersehnt, wird schon am Mittag verflucht. Kann sie nicht etwas dezenter scheinen? Muss sie so brennen? Aber warum klagen? In der Ferne lockt der Ferner, vor unseren Augen tanzen Kleine Füchse – schwarz-orangefarbene Schmetterlinge. Die Baumbestände dünnen aus, die Landschaft verändert langsam ihr Antlitz, als sei sie ein gigantisches Miniaturwunderland, bei dem den Modellbauern irgendwann die Bäume ausgeganen sind. Eben noch standen sie in Mannschaftsstärke als Wald; nun sind sie Einzelkämpfer an der Baumgrenze. „Wo die Fichten aufhören, hört alles auf“, heißt es im „Zauberberg“. Mit Verlaub, das ist Unsinn. Da fängt vieles erst an.

Hinter jeder Kehre eine neue Welt

Wandern ist Tempowechsel, Wandern ist besser als jedes Buch. Es gibt dramatische Passagen, und es gibt Längen. Max Frisch hat einmal gesagt, man müsse beim Wandern wie beim Lesen das ganze Werk betrachten und dürfe nichts überspringen. Wie wahr. Verschüttete Gedichtsfetzen, die ich vor Jahrzehnten in irgendeiner Hirnrinde abgespeichert habe, blitzen auf. „Von Grund bis zu den Gipfeln/So weit man sehen kann/Jetzt blühts in allen Wipfeln, Nun geht das Wandern an.“ Joseph von Eichendorff. Oder Eduard Mörike: „Entflohen sind wir der Stadt Gedränge: Wie anders leuchtet hier der Tag“.

Auf den Almwiesen blüht das Wollgras, Wildblumen allüberall. Bei der nächsten Steigung ist es mit der Lyrik vorbei – das Hirn muss sich auf den Weg konzentrieren. Mal steiler, dann wieder verhalten steigt der Weg an – immerhin verteilt er die 1100 Höhenmeter ökonomisch, er verschwendet sie nicht in einem gehässigen Auf und Ab. Er kennt nur eine Richtung – nach oben.

Hinter jeder Kehre liegt eine neue Welt. Bevor wir um die Ecke biegen, stellt sich immer wieder neu die Frage: Was werden wir sehen? Wasserfälle? Kruzifixe? Oder nur Steine? Und wann wird uns das Ramolhaus zum ersten Mal vom Berge grüßen?

Um einen langen Weg kurz zu machen. Es dauert. Zwar kommen wir dem Talabschluss immer näher, die mächtigen Gipfel der Karlesspitze (3462 Meter) und der Hochwilde (3480 Meter) auf italienischer Seite rücken näher. Die Landschaft wird karger, am Ende ducken sich nur noch Gräser und winzige Blumen zwischen den Steinen. Wann erreichen wir das Ziel? Die wenigen Wanderer, die uns entgegenkommen, verbreiten keine falschen Hoffnungen. „Ohh, zum Ramolhaus? Das dauert noch.“ Aber sie machen Mut: „Es lohnt sich.“

Ramolhaus thront auf der Felsnase wie ein Adlerhorst

Und wie. Was für ein Blick, was für eine Hütte. Geradezu unwirklich thront sie über dem Weg, klebt auf der Felsnase wie ein Adlerhorst. Die letzten Höhenmeter sind steil und verlangen dem Wanderer noch einmal alles ab. Aber dafür wandern wir ja. Wir wollen unsere Grenzen testen, wollen die Erschöpfung spüren, den Berg bezwingen. Ankommen, sitzen, trinken.

Auf der Terrasse scheint die Sonne, hinter dem Haus liegt hingegen immer noch Schnee. Heuer – endlich darf ich dieses schöne Wort ins Abendblatt einschmuggeln – hat es kräftig geschneit. Bis zu elf, zwölf Meter hoch soll der Schnee gelegen haben, die Reste dämmern nun bei 15 Grad im Schatten der Hütte.

Innen führt seit vergangenem Winter Martin Mraz das Regiment. Mit seinen drei Mitstreitern, wie er aus der Slowakei, hat er nun am Nachmittag alle Hände voll zu tun: Die ersten Übernachtungsgäste sind angekommen und suchen nach einem Platz im Lager; Tagestouristen bestellen noch ein Stück Kuchen – und sauber machen müssen sie zwischendurch auch noch. Der größte Ansturm des Jahres ist gerade erst weitergezogen: Der sogenannte Gletscherflohmarsch hat im Ramolhaus Station gemacht – auf dem Weg ins Bergsteigerdorf Vent. Bei der 47. Auflage des hochalpinen Wandermarschs haben sich morgens um 6 Uhr fast 300 Wanderverrückte auf die 13 Kilometer lange und 1300 Höhenmeter schwere Strecke gemacht – ihr Lohn: das Gletscherfloh-Abzeichen in Gold.

Es gibt Schweinebraten und Semmelknödel

Im Ofen schmort derweil der Schweinebraten für die Übernachtungsgäste, dazu werden Semmelknödel gereicht. Als Vorspeise im Abendmenü gibt es eine junge Erbsensuppe, zum Nachtisch Schokokuchen. „Die Saison musst du eigentlich durcharbeiten“, sagt Mraz. Zwischen 5 und 6 Uhr steht der Mann aus der Hohen Tatra auf, dann wird das Frühstück vorbereitet und serviert, anschließend geputzt. Um 11 Uhr öffnet die Küche, Feierabend ist frühestens abends um halb elf. „Es war immer mein Traum, eine eigene Hütte zu haben, eine eigene Terrasse – und dann noch in einem der schönsten Täler Tirols.“ Für diesen Traum verzichtet er auch auf Schlaf und Privatsphäre, übernachtet wird in kleinen Stockbetten auf der Hütte. „Einen Tag in der Woche habe ich frei – dann gehe ich in den Berg, um zu regenerieren und die Routen genau zu kennen.“ Auch Tourberatung und Ersthelfer gehören zu seinen Aufgaben – gehen Wanderer, die ihre Route in Hüttenbücher eintragen sollen, auf dem Weg verloren, beginnt am Abend die Suche.

Auch wenn das Ramolhaus die Hamburger Hütte ist, scheint die Hansestadt Lichtjahre entfernt. Der Druck eines Kupferstichs aus dem 18. Jahrhundert mit den Hauptkirchen hängt an einer der Holzwände. „Es kommen nicht so viele Hamburger hierher“, sagt Mroz. Aber neulich seien Gäste von der Elbe dagewesen: „Die haben ganz selbstverständlich am Abend mit ,Moin‘ gegrüßt – ich habe das nicht wirklich verstanden. Was meinten die?“ Wir klären auf, dass ,Moin‘ aus dem Niederdeutschen stammt und „angenehm, gut, schön“ heißt. Mraz freut sich – er will nach der Saison endlich mal in die Hansestadt fahren. „Ich habe gehört, dass es eine wunderbare Stadt sein soll. Hoffentlich schaffe ich es bald mit einem Besuch.“

Angestellt ist Mraz bei dem Pächter Lukas Schreiber vom Hotel Edelweiß. Das Vier-Sterne-Superior-Hotel in Obergurgl leistet sich das Ramolhaus aus Familientradition. Es war Schreibers Urgroßvater Martin, der 1881 das Ramolhaus als erstes Schutzhaus in den Ötztaler Alpen baute. Die Bewirtung ist das Geschäft des Pächters, und das ist das Glück der Gäste. Koch Martin beherrscht die Tiroler Küche aus dem Effeff, das Essen auf 3006 Metern ist grandios, aber nicht teuer. Die Halbpension kostet 31 Euro.

Mitglieder schlafen für 18 Euro im Bett, für 12 Euro im Lager

Die Übernachtungserlöse gehen an die Hamburger Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV). Ein Zuschussgeschäft bleiben die Vereinshütten fast immer – vor allem, wenn sie fernab der Wanderer-Highways liegen. Nur wenige Kilometer östlich wandern Abertausende im Sommer den Klassiker E5 von Oberstdorf nach Meran und machen dort Station; im Ramolhaus zählten die Hamburger hingegen nur gut 2000 Übernachtungen. Wenn größere Reparaturen oder Renovierungen anstehen, sind die Hütten in dieser Höhe ein ewiges Zuschussgeschäft. „Sie sind die Seele des DAV, sein Tafelsilber und ganzer Stolz, aber auch seine Last“, sagt Charlotte Brinkmann, Vorstand in der Hamburger Sektion. Die Preise sind gewollt günstig: Mitglieder zahlen 18 Euro für das Bett und 12 Euro im Matratzenlager. Nichtmitglieder müssen jeweils einen Zehner mehr berappen.

Die Alpenvereinler aus dem Norden helfen ehrenamtlich mit, das Ramolhaus für die Saison vorzubereiten und die Wege in Ordnung zu bringen. Im Juni ist der Hamburger Geschäftsführer Daniel Gring mit Freiwilligen für einige Tage zum Arbeitseinsatz ins Ötztal gereist. „Der Winter war sehr schneereich. Hinter dem Haus lag der Schnee noch meterhoch“, erzählt Gring. „Wir haben ihn in die Sonne geschippt. Da ist er so schnell geschmolzen, dass wir uns fragten, was wir eigentlich gemacht haben.“

Nun ist davon kaum noch etwas zu erahnen. Der Sommer ist doch noch ins Ötztal gekommen. In der Nacht mag das Quecksilber Richtung Gefrierpunkt sinken, am Nachmittag dürfen die Gäste endlich einmal auf der Sonnenterrasse Platz nehmen. Es ist das erste sonnige Wochenende seit der Eröffnung Ende Juni. Was für ein Glück – ein Sonnenplatz auf dem Dach Europas.

Per Materialseilbahn kommen Vorräte auf den Berg

Die 3000 Meter machen demütig. Wer das Ramolhaus erreicht, hat seine Ansprüche an die Vorzüge der Zivilisation längst hinter sich gelassen. Wer braucht schon WLAN bei diesem Panorama? Gäste fragen nach einer Dusche, Mraz antwortet: „Eine Dusche haben wir leider nicht. Wir riechen alle gleich.“ Die Wasserversorgung in dieser Höhe ist schwierig – 60 Liter von zehn auf 40 Grad zu erhitzen verbraucht so viel Energie wie ein Wanderer für 10.000 Meter Höhenaufstieg. Und Spezialwünsche wie glutenfreies Brot oder veganes Essen gehen auf dem Weg hierher auch verloren. Der Fußmarsch hat jedem gezeigt, wie aufwendig und entbehrungsreich das Leben in der Höhe ist, immerhin macht eine Materialseilbahn die Versorgung möglich. „Hier oben sind die Gäste bescheidener“, sagt Mraz. „Und in der dünnen Luft bleibt auch kaum einer länger als bis 22 Uhr auf.“

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da – der Puls geht der Höhe wegen schneller und hindert uns am Einschlafen. Geräusche dringen aus den anderen Zimmern ans Ohr – hier die Schritte einer schwachen Blase, dort ein Husten und überall ein Schnarchen als Hintergrundrauschen. Immerhin schenkt uns die Schlaflosigkeit einen wahnsinnigen Blick auf Millionen Sterne, die hinter dem kleinen Fenster unseres Vierbettzimmers stehen. Der Autor Andreas Dick sagte einmal: „Was man dort oben findet, sucht man im Tal vergebens. Fünf-Sterne-Komfort ist es nicht, dafür leuchtet nachts die ganze Milchstraße.“

Hier oben wirkt alles so wunderbar aus der Zeit gefallen; so einfach wie intensiv, so karg wie unendlich reich. Einfach leben – in unserem Bett im Ramolhaus vergessen wir kurz, in welchem Jahrhundert wir leben. Sonst sind Urlauber schon froh, wenn sie den Wochentag vergessen.

Die Wunden, die der Skisport reißt, sind jetzt unübersehbar

Nur eines ändert sich von Jahr zu Jahr. In der Hütte hängen alte Postkarten, die den Gletscher vor einigen Jahrzehnten zeigen. Der Blick von der Terrasse offenbart die geschmolzenen Reste des wenigen Eises. „Der Gletscher wird immer kleiner. Wer am Klimawandel zweifelt, sollte hier raufkommen“, sagt Mraz. „Es geht schnell. Ich fürchte, die nächste Generation wird den Gletscher nicht mehr sehen.“ Forscher prophezeien, dass bis Ende des Jahrhunderts die Gletscher fast vollständig verschwunden sind.

An der Alpenvereinshütte liegt es nicht. Die Hamburger Sektion, Besitzer der Hütte seit 1921, hat das Haus ökologisch auf den neuesten Stand gebracht. Das Dieselaggregat wurde gegen ein Rapsölaggregat ausgetauscht, die Küche verwendet Erzeugnisse aus der eigenen Landwirtschaft des Pächters und von einheimischen Bergbauern. Das Ramolhaus trägt das Umweltgütesiegel. Der Alpenverein versteht sich nicht nur als Zusammenschluss von Bergwanderern, sondern auch als Naturschutzorganisation. Die Gletscher sind Sehnsuchtsort und Mahnung zugleich.

Tatsächlich soll das Tal noch im 18. Jahrhundert problemlos über den Ferner passierbar gewesen sein. Heute windet sich ein Weg runter ins tiefe Tal. Wir müssen am nächsten Morgen das Ramolhaus hinter uns lassen, aber wollen auf der anderen Seite des Tales zurück.

Höhenmeter zu gewinnen ist ein Kampf. Höhenmeter zu verlieren, kann aber auch anstrengend sein. Es ist weniger schweißtreibend, aber erfordert mehr Konzentration. Schließlich wollen wir nicht mit dem Berg ins Tal stürzen. Nicht alle Steine auf dem Weg liegen fest, manche geraten unter unseren Füßen ins Rutschen. Atemberaubend schnell verlieren wir Höhe. Oder muss es heißen: Atemschenkend? Die Luft wird mit jedem Schritt sauerstoffreicher; dicke Luft gibt es hier nicht.

Zurück geht es über die Piccard-Hängebrücke

Eine neue Strecke führt auf die andere Seite des Tals – dort wo der Gletscher sich immer weiter davonstiehlt. Es ist eine Landschaft, gemacht aus Felsen und Stein, geschaffen aus Eis, Schnee und Wasser. Es ist eine Landschaft, die in ihrer Größe an den „Herrn der Ringe“ gemahnt. Durch bizarre Felsen, auffällig blau, rot, ocker gefärbt, winden wir uns in die Tiefe. Plötzlich wähnen wir uns eher in einer Mondlandschaft. Oder doch eher eine Marslandschaft?

Es ist das Ötztal. „Wandern ist eines der Ötztaler Hauptthemen“, sagt Christine Klotz, Leitung Gästeservices vom Ötztal Tourismus. „Unsere Region bietet unglaubliche Aussichten und eine vielfältige Auswahl an kilometerlangen Spazier-, Wander- und Bergwegen.“ Einer der unglaublichsten Wege führt zur Piccard-Hängebrücke, die der Fremdenverkehrsverband spendiert hat. 82 Meter hoch über dem Tal spannt sich seit drei Jahren eine 138 Meter lange Seilkon­struktion; wer sie betritt, sieht unter sich das Wasser rauschen, sieht neben sich die Leere und vor sich den Berg. Erst leicht schwankend, dann wackelpuddingartig überqueren wir die Ache, die zuvor manche Brücke mit sich gerissen hat. Wanderer benötigen nicht nur Gott-, sondern auch Technikvertrauen.

Der Name Piccard erinnert an den Schweizer Abenteurer Auguste Piccard, der das Tal 1931 weltberühmt gemacht hat. Sein Assistent Paul Kipfer und er stiegen, von Augsburg kommend, mit ihrem Ballon 15.785 Meter in die Stratosphäre auf, beobachten als erste Menschen mit eigenen Augen die Erdkrümmung und bekamen dann Probleme mit den Ventilen. Über dem großen Gurgler Ferner konnten sie notlanden und mussten dort eine eisige Nacht verbringen, bevor sie am nächsten Tag gerettet wurden. „Schönes unbekanntes Hochgebirge“ notierte Piccard in sein Bordbuch. Seine erste Frage an die Helfer lautete: „In welchem Land befinden wir uns?“

In einem wunderschönen Land. Das kleine Hochgebirgsdorf Obergurgl sollte noch einmal Geschichte schreiben: Ein britischer Regisseur hatte in München die Postkarte eines Dorfes im Ötztal entdeckt. Genau in dieser unberührten Bergwelt wollte er seinen zweiten Film „Der Bergadler“ („The Mountain Eagle“) drehen. Die Produktion wurde wegen des Wetters zum Desaster, im Kino floppte das Drama, bald gingen alle Kopien verloren. Der Regisseur war Alfred Hitchcock – und dieser Film ist der meistgesuchte der Welt.

Weg zurück ist länger als der Hinweg

Wer nach Obergurgl geht, schreitet in historischen Fußstapfen. Der Weg zurück ins Dorf ist länger als der Hinweg, er gönnt sich Schleifen und ist technisch anspruchsvoller. Immer wieder müssen Stahlseile den Weg sichern, in den Felsen eingelassene Tritte erleichtern den Abstieg. Der Stein regiert, nur ein wenig Grün verirrt sich in diese Welt. Erst unterhalb von 2500 Höhenmetern kehrt die Vegetation zurück. Das Schwinden der Pflanzen fällt viel weniger auf, als ihre Rückkehr. Wie sehr man sich über Disteln freuen kann. Wir entdecken die Langsamkeit. Die Wege sind bestens ausgeschildert, die Infrastruktur ist perfekt, loslaufen heißt loslassen.

Je tiefer wir ins Tal kommen, umso lieblicher wird die Landschaft. Wasserkaskaden rauschen herab, überall leckt das Nass aus dem Berg. Es dauert zweieinhalb Stunden, bis wir an der Langta­lereckhütte ankommen. Sie trägt ihren Namen zu Recht – lang ist das Tal, prächtig der Blick von der Ecke. Sie ist ein Vorposten der Zivilisation, die sich von nun an immer stärker in den Blick schiebt.

Den folgenden Fahrweg müssen wir uns mit Radlern und einem Auto teilen. Die Wanderung wird zum Bummel, das Gebirge scheint zu schrumpfen. Doch da lehrt uns eine Gedenktafel Demut vor dem Berg: „Durch eine Lawine verloren wir hier am 10. März 1972 Peter Winter im Alter von 37 Jahren.“ Die Landschaft, der geliebte Freund, kann sich in einen tödlichen Feind verwandeln.

Je näher wir dem Ort kommen, umso mehr verwandelt sich auch der Berg, wird degradiert zum Tourismus-Highlight, Aussichtspunkt, Sportgerät. Jetzt im Sommer sind die Wunden, die der Abfahrtssport in die Hänge reißt, unübersehbar. Wie sagte der große deutsche Denker Hans Magnus Enzensberger? „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ Gleich mehrere Seilbahnen haben die Höhen erschlossen, die Hohe Mut Alm, den Wurmkogel. Auf 3080 Metern thront die exklusive Panoramabar namens Top Mountain Star.

Die Zivilisation hat uns wieder. Und das Fernweh nach der Ursprünglichkeit des Ramolhauses erwacht aufs Neue, intensiver als zuvor. Dort oben steht schon das Abendessen für die müden Wanderer im Ofen. Und kommen sie aus Hamburg, werden sie fortan mit einem freund­lichen „Moin“ begrüßt.