Eine kleine Tour

Wo Hans im Glück lebt und seine Ruhe findet

Hans Scheibner mit seiner Frau Petra Verena Milchert-Scheibner im Ristorante Italia

Hans Scheibner mit seiner Frau Petra Verena Milchert-Scheibner im Ristorante Italia

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Bauernmarkt, Linsensuppe, Reitverein und Dämmerschoppen – und viel Wald. Das ist Wohldorf-Ohlstedt, die Welt des Satirikers Scheibner.

Hamburg. Die beste Annäherungsmethode, um sich für einen Ausflug nach Wohldorf-Ohlstedt in die passende Stimmung zu bringen, ist die Fahrt mit der U-Bahn. Auto ginge auch, wäre aber nur der halbe Spaß. Am besten also gleich morgens am Hauptbahnhof in die U1 einsteigen, wenn die Pendlerfluten aus den Waggons und in die Stadt schwappen. Etwa ab Wandsbeker Markt senkt sich der Puls allmählich, die Hektik der Metropole lässt spürbar nach. Es wird weiter und offener vor dem U-Bahn-Fenster. Alter Teichweg, Wandsbek-Gartenstadt – schon die Namen klingen nach Spazierengehen und Blaumachen und nicht mehr nach Arbeitspensum und Aktenablage. Die Waggons leeren sich. Himmel und Horizont tauchen auf. Spätestens ab der Haltestelle Volksdorf, sobald sich die Millionenstadt endgültig aus dem Blickfeld entfernt, wird klar, wohin die Reise geht: aufs Land, dorthin, wo man das Gras zwar nicht buchstäblich wachsen hören kann, wo es aber dennoch schon schön ruhig ist. Und dann: Willkommen in Wohldorf-Ohlstedt. Endstation der blauen Linie.

Aussteigen, die Treppe hinab, durch eine liebreizend jugendstilig geflieste Passage rechts raus aus der Tür. Und: durchatmen. Falls das Wetter danach ist und die Klappe offen, kann man bereits hier die erste Attraktion genießen, die in Wohldorf-Ohlstedt seit Ewigkeiten weltberühmt ist: das Eis beim Eisbär. Sehr lecker, gar nicht teuer. Generationen von Schülerinnen haben sich in dieser Eisbude das Taschengeld mit dem Verkauf der kühlen Leckereien aufgebessert, bevor es zur selbst verdienten Reitstunde ging. Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, zeigen zwei Tafeln dem Neuling aus dem Rest der Welt, wo er hier eigentlich gelandet ist und was man als Begrüßung für wichtig hält: Links erklärt eine Landkarte den „historisch-ökologischen Erlebnispark Wohldorf/Ohlstedt“, rechts zeigt ein ebenfalls historisches Foto den alten Bahnhof Ohlstedt, der entstand, als anno 1925 die frühere Walddörferbahn bis in diese stille Ecke verlängert wurde.

Wohldorf-Ohlstedt, das Hoch im Norden Hamburgs, ist so was von Randlage, dass es ziemlich schwer fällt, diesen Stadtteil noch mit der Metropole in Verbindung zu bringen. Ein Viertel zum Runterkommen, eine daseinsberuhigende Zone mit Dorfcharakter. Beschaulich ist wohl das Wort, mit dem man hier unwillkürlich zur Erklärung der Betriebstemperatur aufwarten möchte. Wer es hier allzu offensichtlich eilig hat mit sich und dem Leben, der dürfte auffallen und sich schneller als Städter outen, als ein Alteingesessener mit verhaltenem Schmunzeln „Mach ma sutje“ sagen kann. Wer hier draußen wohnt, muss es wollen und es sich – zumindest in einigen gediegenen Ecken – auch leisten können. Dort findet das Privatleben sehr blickdicht hinter Hecken und Zäunen statt. Wer in Wohldorf-Ohlstedt wohnt, hat es sich auf entspannte Weise gemütlich gemacht mit dem Rest der Welt und seinen Frieden gefunden. Hat sich arrangiert.

Hans Scheibner, der Grund unseres Ausflugs, wohnt hier schon seit mehr als 24 Jahren und holt uns mit seinem Mercedes vor der U-Bahn-Station ab. „Erst mal ein bisschen Herumfahren zum Warmwerden mit der Gegend“, schlägt er vor. Wie bei Loriot hat jeder wohl sofort einige Klassiker parat, sobald der Name dieses Hamburger Satirikers fällt: „Ich mag so gern am Fließband stehn“, sein Hit mit Meyers Dampfkapelle. Kennt jeder. „Wer nimmt Oma?“, das Alle-Jahre-wieder-Programm, mit dem er seit mehr als einem Jahrzehnt die kleinfamiliäre Bescherungshölle in bundesdeutschen Wohnzimmern in immer wieder neuen, immer wieder grausamen Variationen aufs Korn nimmt. Kennt jeder. Bei Scheibners gibt es übrigens tatsächlich noch eine Oma, und was für eine. Die Mutter seiner Frau ist mittlerweile 100, „und die ist geistig noch ganz rege“, schwärmt er. „Das macht doch nichts, das merkt doch keiner“, über die Durchschummler und Alles-halb-so-schlimm-Simulanten im Leben. Kennt auch jeder. Und Scheibner, im August 1936 in Hamburg geboren, den kennt ab einem gewissen Alter erst recht jeder in ganz Deutschland. Kompakt, bärtig, ein sehr geschickter Austeiler, mit viel Erfahrung im Umgang mit Ungerechtigkeiten.

Mit seinen satirischen Weltsichten füllte Scheibner viele Jahre diverse Zeitungskolumnen – unter anderem für das Hamburger Abendblatt. Momentan ist er wöchentlicher Gegenwartskommentierer für den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag. Schon 1980 präsentierte er seine Sicht der Dinge in der ARD-Satiresendung „... scheibnerweise“. Etliche Bücher schmücken den beeindruckenden Lebenslauf ebenso wie diverse Langspielplatten. Er schrieb Texte für Hits wie „Hamburg 75“ und „Schmidtchen Schleicher“. Ab 2001 erdachte Scheibner fünf Jahre lang das kleine, feine Lästerformat „Walther und Willy“ für die NDR-Vorabendsendung „DAS“. Und 2010 verlieh ihm der Hamburger Senat die Biermann-Rathjen-Medaille für seine kulturellen Verdienste. 2012 schließlich feierte er die Premiere seines Theaterstücks „Die Geiselnahme“ in den Kammerspielen. Ein erfülltes Leben schon jetzt. Auch ein zufriedenes und dem Wohnort entsprechend völlig entspanntes? Nur solange es nicht um Prinzipien geht oder Politik, oder womöglich noch um die Kirche. Da ist für Scheibner schnell wieder Schluss mit harmlos lustig. Aber dazu kommen wir noch. Zunächst geht es auf Entdeckungstour durch die Gegend, von der es hier eine ganze Menge gibt.

„Früher bin ich den Alsterwanderweg hinauf hierher gewandert“, erinnert sich Scheibner. „Da war es Ausflugsziel. Heute wohne ich hier!“ Der gemeinsame Sightseeing-Trip durch den Stadtteil ist idyllisch, aber von überschaubarer Dauer. Wir gucken mal kurz beim „Wanderer“ vorbei, einer von Scheibners Stamm-Adressen für gepflegtes Plauschen und wohl auch mal eine Gerstenkaltschale. Eine alternative Kneipe, die mit moderner Erlebnisgastronomie nichts am Hut hat. Das ist eine Einstellung, die einem hier ständig begegnet. Erst mal Ruhe bewahren, der Rest findet sich. Und wenn nicht? Kein Beinbruch, kommen wir eben morgen wieder.

Auch bei der weiteren Kennenlern-Fahrt durch den Ortskern wird klar, dass die Zeit in Wohldorf-Ohlstedt auf wundersame Weise in einer moderat modernen Fast-Vergangenheit stehengeblieben ist. Es gibt hier Uhren, klar, aber sie ticken anders. Shopping mit allem Drum und Dran? Gibt’s nicht. Zum Einkaufen im größeren Stil muss man sich in benachbarte Stadtteile begeben oder am besten gleich ins Alstertal Einkaufs-Zentrum AEZ. Viele Häuser sehen so aus, als hätten ihre Bewohner noch Telefone mit Wählscheiben in Betrieb, als wäre immer noch Helmut Kohl Kanzler und „Twix“ hieße noch „Raider“. Dazu passt bestens auch das Kleinbahnmuseum im gut erhaltenen Gebäude des Wohldorfer Bahnhofs, eine Erinnerung an die Züglein-Trasse von Volksdorf nach Wohldorf.

Wohldorf ist der ländlichere Teil, Ohlstedt wirkt etwas wohlhabender

Unser nächstes Etappenziel ist der Mühlenteich mit seiner Fischtreppe, in den das Flüsschen Ammersbek fließt. Hier steht auch das stattliche Wohldorfer Herrenhaus, ein kleiner Prachtbau, wie aus einem Courts-Mahler-Roman entsprungen. In früheren Jahrhunderten kamen Hamburger Bürgermeister, Senatoren und ihre Ehrengäste hierher, wenn sie die Seele baumeln lassen wollten. Auf aktivere Menschen warten der TSV Duwo 08, der traditionsbewusste Sportverein des Stadtteils, und ein Blasorchester. Im Naturkundehaus am Brook gibt es außerdem Nachhilfe in Sachen Botanik. Das Gut Wulksfelde , am oberen Alsterlauf gelegen, verkauft derweil Bio-Ware vom Feinsten, während im dazugehörigen Bio-Restaurant Gutsküche nur Naturbelassenes auf die Gabel kommt. Mit einem Satz: Hamburg an sich, mit WLAN in einigen Bussen und seinen großstädtischen Problemen und Perspektiven, wirkt wie eine weit entfernte Welt. Hier lässt sich die Kartoffel noch direkt beim Bauern kaufen, und bei Scheibners um die Ecke darf, wer will, im Sommer die Erdbeeren direkt vom Feld ernten.

Wir sind auf der Terrasse unseres Gastgebers angekommen, nehmen Platz vor der Glasfront des Wohnzimmers, in dem ein Flügel steht und auf dem Bücher des großen Kollegen Dieter Hildebrandt liegen. Der Hausherr – gelernt ist gelernt – bringt neben Kaffee und Knabberkram auch schon den ersten kleinen Wortwitz mit Hamburger Akzent, der sich erst beim zweiten Nachdenken erschließt: „Ich fühl mich hier wohl, das sagt ja schon der Name – obwohl, eigentlich bin ich ja mehr Ohlstedter.“

Warum sich der 78-Jährige in Wohldorf-Ohlstedt tatsächlich so heimisch fühlt, ist schnell erklärt: „Hier ist viel Ruhe und Natur, hier kann man wirklich gut nachdenken. Ich bin einer dieser Schriftsteller, die hauptsächlich im Kopf schreiben. Ich gehe immer wieder spazieren. Wenn mir etwas einfallen soll oder ich ein Thema habe, muss ich darüber nachdenken. Und das kann ich nicht, wenn ich vor meinem Computer sitze. Dann gehe ich in die Natur.“ Was andere, nur weil es so aussieht, für Pensionärs-Nichtstun halten könnten, täuscht. „Das Schöne an Kreativität ist, dass man sie von Faulheit nicht unterscheiden kann. Aber wenn man davon leben muss, nützt einem die Faulheit ja leider nichts. Dann muss man eben einfach kreativ sein.“

Platz für ungestörten Kreativ-Auslauf, ob mit oder ohne Hund, gibt es jedenfalls mehr als reichlich in diesem Stadtteil. „50 Shades of Green“ wäre in einem internationalen Touristenführer ganz sicher der passende Name für Wohldorf-Ohlstedt. Denn der größte Teil ist Wald. Im Süden „ballen“ sich die Straßen, dann kommt der Wohldorfer Wald, weiter nördlich der Duvenstedter Brook, Hamburgs zweitgrößtes Naturschutzgebiet, dahinter liegt dann auch schon Schleswig-Holstein. Für Hamburger mit Auslaufbedarf ist der Wohldorfer Wald seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine der beliebtesten Adressen. Überhaupt ist Wohldorf der ländlichere Ortsteil – mit dem rustikalen Ausflugslokal Zum Bäcker, der Kupfermühle und den kleinen Landarbeiterhäuschen. Die andere Namenshälfte trägt der wohlhabender wirkende Villenvorort. Man spielt Tennis, man besucht die Matthias-Claudius-Kirche, man schickt seine Kinder in die unverkennbar von Fritz Schumacher gebaute Schule Am Walde. Die heißt nicht nur so, sie ist es auch: Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite vom Kupferredder, führt ein Naturlehrpfad ins Gehölz. Bio-Unterricht zum Anfassen – im wahrsten Sinne dieses Wortes.

„Was, du, Hans, als rote Socke, spielst Golf?“, fragte Henning Voscherau

Dass Wohldorf Wohldorf heißt, ist seit 1303 verbrieft. Damals war es freilich nicht mehr als eine bäuerliche Siedlung. Burg und Herrenhaus wurden später nach dem Dorf benannt. Zu Hamburg gehört der Teil seit dem 15. Jahrhundert. 1872 wurden Wohldorf und Ohlstedt zu einer Gemeinde zusammengelegt. Mit dem Groß-Hamburg-Gesetz wurden die Walddörfer im Norden der Hansestadt ganz neu geordnet: Großhansdorf und Schmalenbeck fielen an Schleswig-Holstein, Wohldorf-Ohlstedt und Volksdorf wurden ab 1939 mit den von Preußen abgetretenen Dörfern Bergstedt, Duvenstedt und Lemsahl-Mellingstedt in der Hauptdienststelle Walddörfer verwaltet.

So akkurat und ländlich, wie es hier oben im Norden zugeht, gibt es bestimmt auch Vereine, in denen man unbedingt zu sein hat? Scheibner ist das egal, er selbst hat mit solcher Art von kollektiv durchorganisierter Freizeitgestaltung eher wenig am Hut. Hin und wieder eine Partie Tennis mit Freunden, das ist das eine. Das andere hat mit kleineren Bällen zu tun. In Jersbek, einige Kilometer entfernt, ist er im Golfclub. „Aber da gehe ich kaum zu den Turnieren, sondern spiele dort hin und wieder zusammen mit meiner Frau oder Freunden.“ Oder er fährt in den Golfclub Walddörfer. „Da ist Henning Voscherau Präsident, deswegen ist das dann auch schon ein besserer Club. Obwohl Voscherau ja ein ,Roter‘ ist, und dass ein so elitärer Club einen ,Roten‘ in der Chefetage hat, ist ja schon ungewöhnlich“, amüsiert sich der Satiriker. „Henning hat einmal zu mir gesagt: Was, du, Hans, als rote Socke, spielst Golf? Ich hab ihm geantwortet: Wir können doch das Golfspielen nicht nur den Kapitalisten überlassen.“ Und dann feixt Scheibner sich kurz eins, weil die Pointe mit den klassischen Roten unter sich so gut ins Schwarze traf. Das Handicap: „25. Bestimmt schlechter als das von Henning Voscherau.“

Auf die Behauptung, es gebe in Wohldorf eine Seite, wo die Reichen, und eine andere, wo die Armen wohnen, kontert Scheibner süffisant: „Na ja, aber das sind Arme auf hohem Niveau. Und dazu gehöre ich.“ Redet die eine Seite mit der anderen? „Ja ja, natürlich, das wäre doch auch Unsinn, wenn es nicht so wäre. Man merkt aber die leichten Klassenunterschiede, wenn man seine Kinder in die Schule bringt“, erklärt Scheibner die kleinen, feinen Prestige-Nuancen im Kontostand. „Manchmal sieht man es daran, wie die kleinen Mädchen gekleidet sind oder mit welchem Porsche sie abgeholt werden. Aber andererseits sind die Kinder vollkommen immun gegen solche Unterschiede.“

Mediziner jammern ja gern, dass sie nach Feierabend und bei jeder unpassenden Gelegenheit um kostenlose Zipperlein-Diagnosen gebeten werden. Diesen Preis des Ruhms kennt auch Scheibner, aber er kümmert sich einfach nicht darum, wenn jemand sich hemmungslos an ihn herankumpelt mit „Mensch, Scheibner, erzähl doch mal einen Witz!“ „Das kann ich nicht leiden, so was“, sagt er, mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet. „Weil ich nämlich keine Witze erzähle.“ Wenig später hat er dann aber doch eine kleine Pointe parat. Beim Eintragen des Berufs in Hotels gibt er meistens „Schriftsteller“ an, „manchmal aber auch ,Zuhälter‘. Außerdem fülle ich das Alter nie richtig aus. Bei Geburtsjahr schreibe ich 1638. Hat noch nie einer beanstandet.“

Seit einigen Jahren wird überall wie wild drauflosgewitzelt. Comedians füllen große Hallen, manche sogar Stadien. Aus Scheibners Kleinkünstler-Sicht macht das nicht viel her. „Heute gibt es so viele Comedians, die es niemals riskieren, mit ihrer Meinung auch mal anzuecken“ , findet er. „Aber das ist es ja nicht, was einen Satiriker befriedigt. Man möchte ja schon die Geistlosigkeit und Dummheit, die einen umgibt, ein bisschen bloßstellen. Das habe ich immer versucht.“ Was nicht heißt, dass er diese Versuche mittlerweile eingestellt hat. Scheibner ist nach wie vor viel auf Tour mit seinen Lesungen und Auftritten, erst recht in den letzten Monaten des Jahres. Oma mit Weihnachten ist ein Dauerbrenner. Wie oft er beruflich weg ist aus Wohldorf-Ohlstedt? „Fragen fürs Finanzamt beantwortet mein Steuerberater ...“

Beim Thema Humor kann es ohne allzu langen Anlauf durchaus auch ernst werden im Gespräch mit ihm. „Ich bin immer noch ein großer Verehrer von Werner Finck. Der war ein Satiriker. Wenn man heute frech wird, manchmal sogar nur zufällig, dann verliert man seine Sendung oder seine Kolumne. Aber es hat Zeiten gegeben in diesem Land, da verlor man deswegen sein Leben. Und einer von denen, die sich trotzdem behauptet haben, war Finck. Der Mann hat tatsächlich den Mut gehabt, den Nazis immer wieder ins Gesicht zu spucken. Dazu gehört etwas. Kabarettist heutzutage in diesem Land zu sein, ist eine schöne Aufgabe. Aber sie erfordert nicht so viel Mut, wie man ihn früher haben musste.“

Gelernt hat Scheibner etwas Klassisches und Ordentliches: Verlagskaufmann, beim „Fremdenblatt“ war er. Aber dann wurde ihm das bleibende Schreiben immer wichtiger als das journalistische, in das man bekanntlich schon einen Tag später Fisch einwickeln kann. Sein erstes Theaterstück hatte der kleine Hans schon während der Schulzeit zu Papier gebracht, in Lokstedt, wo sein Vater eine Ein-Mann-Spedition betrieb. Scheibner Junior schrieb in der Behelfsküche, neben dem Kohlekasten. Im Theater 53 an der Rothenbaumchaussee sammelte er Anfang der 50er-Jahre die ersten Bühnenerfahrungen, gemeinsam mit einem gewissen Uwe Friedrichsen.

Mit Altersmilde muss man ihm, der immer gern aneckt, gar nicht kommen

Auch auf den Ärger, den sich Scheibner mit seinen Ansichten immer wieder eingehandelt hat, müssen wir zu sprechen kommen. Als Hannes Wader ein Star der Liedermacher-Szene war und dort mit seiner linken Einstellung als unangreifbar galt, nahm ihn Scheibner mit einem Lied auf die Schippe. Die Kollegen nahmen es übel, die Kleinkunstpreise gingen zunächst an andere. Als er 1976 für den „Spiegel“ einen Artikel lieferte, machte er sich unter anderem über Hermann van Veen lustig. Kam, vorsichtig ausgedrückt, auch nicht gut an. Und dann die Sache mit der Bundeswehr und den Mördern, als die er 1985 in seinem Lied in der NDR-Talkshow die Soldaten verunglimpft haben soll. Eine Ballade über Lysistrata, mit einem abgewandelten Tucholsky-Zitat. Auch da blieb Scheibner trotz mächtig Gegenwind bei seinen harten Worten. „Entschuldigen müsste ich mich bei den Soldaten dafür, hieß es damals. Das kommt überhaupt nicht in Frage. Die müssten sich bei mir entschuldigen, dass es heutzutage wegen so etwas noch einen Eklat geben darf.“

Die Zeit vergeht, und wir sind allmählich auch fertig mit dem Interview-Teil dieser Landpartie. Scheibners zweite Frau, die Schauspielerin Petra-Verena Milchert, kommt vom Yoga-Unterricht, den sie gibt. Zeit für ein Mittagessen à la Wohldorf-Ohlstedt. Wir machen uns auf den Weg zum Restaurant Zum Bäcker, um neben der Sonne und dem Blick ins Grüne direkt vor dem Tisch auch zwei sehr stattliche Portionen Linsensuppe zu genießen. Der eine oder andere Ausflügler blickt dabei immer wieder mal ganz dezent zu unserem Tisch herüber, weil ihnen dieser graue Bart und diese Stimme so bekannt vorkommen. Denn auch hier hat Scheibner noch etliche Anekdoten aus vergangenen Jahren und Jahrzehnten parat. Nostalgie und Linsensuppe satt, eine heimelige Kombination, hier draußen in Wohldorf-Ohlstedt.

Doch warum aufhören, sagt sich Scheibner, wenn die Karriere sich so gar nicht nach dem Einbiegen auf die Zielgerade anfühlt? „Ich habe mein ganzes Leben immer das Gefühl gehabt: Das Wichtigste kommt noch! Die Menschheit hat überhaupt noch nicht begriffen, was ich eigentlich will, habe ich mir immer gedacht.“ Mit Altersmilde soll man ihm deswegen auch gar nicht erst kommen: „Ich kann mich immer noch über die aufregen, die sich nicht aufregen.“ Selbst in absoluter Randlage.